Die missverstandene Tech-Supermacht

Geopolitik wird auf der diesjährigen Supply Chain CX immer wieder thematisiert. Eine China-Expertin erläutert, warum sich Unternehmen mehr mit China beschäftigen sollten.

Im Umgang mit China empfiehlt Ulrike Tagscherer Unternehmen gezieltes De-Rising statt komplettes Decoupling. Foto: Dierk Kruse

Die China-Expertin Ulrike Tagscherer beginnt ihren Vortrag mit einer Schlüsselerfahrung. Als sie einst in China ein Auto kaufte, riet ihr ein chinesischer Mitarbeiter, beim Spurwechsel bloß nicht zu blinken. „Warum“, fragte sie. Weil sie sonst niemand mehr einfädeln lasse, antwortete der Autoverkäufer. „Das war einer der Momente, wo ich für mich erkannt habe: Wenn ich China verstehen will, dann muss ich aufhören, es durch meine eigene Brille zu betrachten“, sagt die Geschäftsführerin von China Innovation Consulting.

Die europäische Debatte pendelt nach Tagscherers Beobachtung zwischen Panik und Beschwichtigung. Beides greife zu kurz. Chinas Wirtschaft entwickle sich K-förmig, das heißt, verschiedene Bereiche des Landes entwickeln sich in entgegengesetzte Ricchtungen. Während Technologiesektor, Staatsunternehmen und Export boomen, geraten Immobilienmarkt, Privatunternehmen und Binnenkonsum ins Rutschen. Die drei Segmente Batterien, Elektrofahrzeuge und Solar wuchsen 2025 um 18 Prozent. Gleichzeitig liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp 19 Prozent, unter Hochschulabsolventen inoffiziell bei fast 50 Prozent. „Ein Land, zwei verschiedene Welten“, sagt Tagscherer.

Für europäische Unternehmen hat diese Schieflage direkte Folgen. Weil chinesische Hersteller mehr produzieren, als der Inlandsmarkt aufnimmt, drückt die Überproduktion über Exporte nach Europa. 2025 brachen Chinas Exporte in die USA um rund 20 Prozent ein, während sie in die EU um 8,1 Prozent und nach Deutschland sogar um 20,4 Prozent stiegen. Das Handelsdefizit zwischen EU und China bezifferte Tagscherer auf rund 360 Milliarden Euro pro Jahr.

Besonders deutlich wird die Logik des Landes in der Technologiepolitik. „China betrachtet Technologie nicht als ein Marktthema, sondern als eine nationale Infrastruktur“, sagt Tagscherer. Wo in Europa der Markt frage, wer eine Technologie brauche und finanziere, frage in China der Staat nach strategischer Relevanz und Koordination. Dies schlägt sich dergestalt nieder, dass beispielsweise der Anteil chinesischer Robotikanbieter auf dem Heimatmarkt von rund 30 Prozent im Jahr 2020 auf 55 Prozent 2024 stieg. Eine ähnliche Entwicklung könne sich auch in Europa abspielen, deutet Tagscherer an.

Dieser Staatskapitalismus hat allerdings einen Preis, nämlich eine gewaltige Entkopplung von Angebot und Nachfrage. Rund sechs Millionen Fahrzeuge jährlich muss das System in andere Märkte drücken, um nicht zu kollabieren. Doch China sei deshalb nicht einfach ein ineffizienter Koloss, warnt die Expertin und verweist auf den „DeepSeek-Moment“ Anfang 2025, als ein hocheffizientes KI-Modell gerade aus Mangel an Chips und unter Wettbewerbsdruck entstand.

De-Risking statt komplettes Decoupling

Auf Europa rollen laut Tagscherer drei Wellen zu: eine bereits präsente Produktwelle, eine anlaufende Technologiewelle und eine Regulierungswelle aus Brüssel. Letztere werde die Unternehmen jedoch nicht schützen. Zölle wirkten nur gegen gewinnmaximierende Gegner. Ein Staatsunternehmen, das dem politischen Willen folge, könne sie absorbieren. Die Entwicklung in der Solarindustrie sei ein mahnendes Beispiel. Europas Weltmarktanteil fiel von 30 Prozent im Jahr 2007 auf heute kaum noch ein Prozent.

Im Umgang mit China empfiehlt Tagscherer Unternehmen gezieltes De-Rising statt kompletten Decoupling. Drei Handlungsprinzipien sind für sie entscheidend. Erstens: China verstehen statt die Folgen chinesischer Industriepolitik zu verdrängen. Zweitens: Strategisch diversifizieren und drittens: technologisch mithalten. Zugleich ist sie skeptisch hinsichtlich westlicher Durchsetzungskraft. „Man kann als deutsches Unternehmen langfristig in China nicht gewinnen“, sagt Tagscherer. Rückzug sei dennoch keine Option, entscheidend sei die eigene Stärke. „Wenn wir aber nichts mehr haben, wenn wir überall nur noch Mittelmaß sind, dann will China halt auch nichts mehr von uns.“

Wie konsequent China seine Strategie verfolgt, verdeutlichte Tagscherer mit einem Verweis auf Kevin Rudd, den früheren Premierminister Australiens und profunden China-Kenner. Dieser beschreibe die chinesische Logik so: Subventionen würden so lange aufrechterhalten, bis der globale Wettbewerb aufgebe. „Dann können die Preise angehoben werden“, sagt Tagscherer. Wettbewerbsrechtler nennen dieses Muster Recoupment, also die spätere Rückgewinnung des zuvor investierten Geldes. Das eigentliche Problem sei die Zeit danach; Liege der Wettbewerb erst einmal am Boden, dauere es Jahre, bis er seine Lieferketten wieder aufgebaut habe. „Die EU kauft uns Zeit“, sagt Tagscherer – doch die Uhr ticke weiter.

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