BVL-Chef: „Lieferketten werden nicht mehr nur auf Effizienz optimiert“

DVZ: Herr Althoff, die Supply Chain CX wurde von drei auf zwei Tage gekürzt. Wie wurde das von Teilnehmern, Ausstellern und Sponsoren aufgenommen?
Kai Althoff: Die Entscheidung, die CX auf zwei Tage zu fokussieren, basiert auf den geringen Besucherzahlen am dritten Tag und auf dem Feedback. Für die Teilnehmer ist am Ende nicht die Zahl der Tage entscheidend, sondern die Qualität der Begegnungen, Diskussionen und Geschäftskontakte.
Wie zufrieden sind Sie mit dem wirtschaftlichen Ergebnis der diesjährigen CX?
Die Adjustierungen zeigen Wirkung, so dass wir optimistisch sind, die wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. Dazu trägt die ausverkaufte Ausstellung maßgeblich bei. Neben der Wirtschaftlichkeit ist aber die inhaltliche Relevanz von größter Bedeutung. Beides gehört zusammen. Besonders wichtig ist für uns, dass Teilnehmer, Aussteller und Sponsoren einen konkreten Mehrwert sehen – und das tun sie.
Das Motto lautet „Deliver.Now“. Wer soll jetzt vor allem liefern?
Das Motto hat mehrere Ebenen. Erstens steht es für das Selbstverständnis der Branche, „on time“ zu liefern. Zweitens kann es als Aufruf an die Politik verstanden werden, ihre Hausaufgaben zu machen und die Rahmenbedingungen für den Logistikstandort Deutschland zu verbessern – etwa in puncto Infrastruktur und Bürokratieabbau. Und drittens ist es auch eine Aufforderung an uns selbst, die Transformation der Logistik voranzutreiben, um unsere Position im internationalen Wettbewerb zu stärken und unserer Verantwortung als drittgrößter Wirtschaftszweig in Deutschland gerecht zu werden.
Was zeichnet das diesjährige Kongressprogramm aus?
Charakteristisch ist wieder die thematische Breite, die wir den Teilnehmern bieten. Trotz der Fokussierung auf zwei Tage hat die CX mit den sechs Schwerpunktthemen ihre Vielfalt bewahrt, so dass jeden Logistikinteressierten ein unglaublich breites Spektrum an Formaten und Themen mit hochkarätigen Sprechern aus unterschiedlichsten Bereichen und Unternehmen erwartet.
Welche Debatte wollen Sie in diesem Jahr bewusst stärker auf die Bühne bringen?
Die KI-Entwicklung hat in diesem Jahr noch einmal an Dynamik gewonnen. Für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Logistikbranche in Deutschland müssen wir die sich daraus ergebenden Chancen nutzen und Vorreiter der Entwicklung sein. Entsprechend werden Digitalisierung und KI sowie die Frage des sinnvollen Einsatzes in vielen Vorträgen, Workshops und Diskussionen eine große Rolle spielen.
Geopolitik ist ein Schwerpunkt des Programms. Welche Themen sind hier für Logistik- und Supply-Chain-Verantwortliche besonders relevant?
Hier sehe ich für die Logistik in Deutschland zwei wichtige Entwicklungen. Zum einen die durch die globalen Krisen ausgelösten, anhaltenden Disruptionen in den Lieferketten. Diese führen zu hohen Energiekosten und hoher Unsicherheit und damit zu der Frage, wie man die Supply Chains resilient und effizient zugleich gestalten kann. Und zum anderen die vor allem durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine ausgelöste Zeitenwende, die mit einem hohen Bedarf an zivil-militärischer Kooperation einhergeht.
Welche Trends beobachten Sie bei Unternehmen, wenn es um den Umbau der Lieferketten geht?
Wir sehen Strategien zur Regionalisierung oder zum Multisourcing, je nachdem welche Möglichkeiten sich im jeweiligen Netzwerk ergeben. Zudem werden höhere Lagerbestände für mehr Resilienz der Kette wieder eher in Betracht gezogen. Ein weiterer Trend ist, durch engere Vernetzung und Kooperation die Transparenz in der Lieferkette zu erhöhen, um dadurch im Fall von Störungen schneller und zielgerichteter reagieren zu können. Hierbei spielen wiederum Digitalisierung und KI eine wichtige Rolle.
Und was davon ist wirklich eine dauerhafte strategische Veränderung und nicht nur eine kurzfristige Reaktion?
Der systematischere Umgang mit Risiken. Lieferketten werden heute nicht mehr ausschließlich auf Effizienz optimiert, sondern eben auch unter Berücksichtigung der Resilienzanforderungen. Kosten bleiben wichtig, aber Transparenz, Flexibilität und Versorgungssicherheit haben deutlich an Gewicht gewonnen.
E-Mobilität, KI, Automatisierung und Robotik verändern die Logistik gleichzeitig. Können Logistiker mit diesen großen Umbrüchen gut umgehen – oder erleben Sie auch Überforderung?
Grundsätzlich sind es Logistiker gewohnt, kontinuierlich ihre Netzwerke zu optimieren, neue Prozesse zu entwickeln und Technologien zu adaptieren und einzuführen. Aber beim Thema KI ist die Entwicklungsgeschwindigkeit so hoch, dass schneller Kompetenzaufbau und die Frage nach den Risiken und einem möglichen Kontrollverlust zum Teil bremsend wirken. Da es aber ein Kernthema für die Logistik der Zukunft ist, ist es wichtig hier mit klarer Zielsetzung an den Themen zu arbeiten.
Woran hapert es bei den Fortschritten in Sachen Digitalisierung und KI eher? An der Technologie, an den Daten, den Kompetenzen oder an klarer Führung?
Die Technologie ist häufig weiter als ihre Anwendung in den Unternehmen. Sie ist damit aktuell keine Hürde in der Entwicklung. Diese entsteht mit Blick auf die Technologie eher indirekt durch die unklaren Risiken und den möglichen Kontrollverlust. Daten in hoher Qualität sind eine Voraussetzung für komplexere KI-Anwendungen in der Logistik. Entsprechend kann fehlende Datenqualität ab einem bestimmten Entwicklungspunkt bremsend wirken. Konsequenterweise sehen wir in den Unternehmen vermehrt Projekte, die Datenqualität zu verbessern, wobei die KI hier auch wieder unterstützen kann. Kompetenzaufbau spielt auf jeden Fall eine große Rolle, vor allem auch wegen der hohen Entwicklungsgeschwindigkeit bei KI. Am Ende ist die Umsetzung von KI-Anwendungen aber eine Managementaufgabe. Unternehmen brauchen klare Ziele und den Mut, neue Wege zu gehen.
Was müssen die Logistikwirtschaft und die BVL tun, um junge Menschen für die Branche zu begeistern?
Wir müssen sichtbar machen, wie attraktiv und relevant Logistik ist. Die Branche verbindet Technologie, internationale Zusammenarbeit, Nachhaltigkeit und konkrete gesellschaftliche Verantwortung. Junge Menschen wollen nicht nur einen sicheren Arbeitsplatz, sondern auch Perspektive und Wirkung. Dafür brauchen wir moderne Arbeitsmodelle, gute Entwicklungsmöglichkeiten und eine Sprache, die die Chancen der Branche verständlich vermittelt. Als BVL können wir unsere Plattformen nutzen, um Menschen zusammenzubringen und zu zeigen, wie vielfältig Supply Chain Management heute ist. (cs/rok)