Drei Schritte in die Zukunft

Forschungspartnerschaften zwischen Wissenschaft und Wirtschaft können in Deutschland zu mehr Logistikinnovationen führen. Ein Plädoyer für mehr Kooperation.

Foto: I-Stock

Die deutsche Logistik steht an einem Scheideweg. Trotz herausragender Kompetenzen und starker Infrastruktur droht der Verlust der Spitzenposition durch überbordende Bürokratie, hohe Kosten und zögerliche Digitalisierung. Der Expertenkreis der Logistikweisen hat Maßnahmenpakete definiert, die sowohl politische Förderungsmöglichkeiten als auch unternehmerische Eigeninitiative umfassen. Im Mittelpunkt steht ein Perspektivwechsel bei der Innovationsförderung: Unternehmen sollen als Initiatoren und Paten von Projekten fungieren, mit Forschungseinrichtungen kooperieren und gemeinsam Anträge erarbeiten. Zusätzlich soll fehlendes Risikokapital durch einen „Gewinnverlustausgleich“ kompensiert werden, bei dem Kosten und Risiken von Innovationsprojekten ausgeglichen werden, die in der Entwicklungsphase zu geringeren Gewinnen führen.

Dies ist jedoch nur möglich, wenn Firmen selbst etwas ändern und die Unternehmenskultur und das Mindset aller Beschäftigten transformieren. Es ist die Basis, um Innovationen voranzubringen. Offenheit für neue Wege, Kooperationsbereitschaft, Fehlertoleranz und eine gewisse Risikobereitschaft sollten in die DNA von Unternehmen übernommen werden.

Denn Deutschland verfügt über einzigartige Stärken im Logistiksektor: Neben Global Playern sind viele Hidden Champions mit breitem Logistik-Know-how und umfassender Umsetzungskompetenz, einer vorbildlichen Aus- und Weiterbildungslandschaft sowie Technologieführern in der Intralogistik und der Logistikdigitalisierung zu finden. Mit dieser Basis in Kombination mit der weiterhin starken Marke „Made in Germany“ können neue Ideen und Konzepte entwickelt werden, die Deutschland als Logistikland weltweit als Innovationstreiber positionieren kann.

Wertvolle Start-ups

Dieses Potenzial kann gehoben werden, wenn Unternehmen eine engere Kooperation mit Wissenschaft und Forschung sowie der gut entwickelten Logistik-Start-up-Landschaft anstreben. In wenigen Ländern gibt es ein so breites Ökosystem wie in Deutschland, das auf die Logistik spezialisiert ist.

Dieses Potenzial wird noch nicht ausreichend genutzt. Dafür werden oft als Gründe genannt, dass

  • die Margen in der Logistik zu gering sind, um Forschungsprojekte zu finanzieren,
  • die Wissenschaft zu wenig Praxis-Know-how hat und damit deren Lösungen meist nicht praxistauglich sind,
  • die Projektlaufzeiten zu lang sind,
  • die Zusammenarbeit mit Start-ups zu risikoreich erscheint.

Daher haben die Logistikweisen in ihren Maßnahmenpaketen drei zentrale Schritte definiert, die Logistiker beachten sollten, wenn sie Innovationen entwickeln und dabei oft unbekanntes Terrain betreten möchten:

Es beginnt im ersten Schritt im eigenen Unternehmen mit der Modernisierung der Unternehmenskultur. Die Management- und Entscheidungsebene muss sich mit den neuen Entwicklungen auseinandersetzen und Innovationen positiv, zumindest neutral gegenübertreten. Erst dann kann der „Innovationshunger“ auf allen Ebenen des Unternehmens geweckt und Beharrungs- oder Ablehnungskräfte gemindert werden. Dazu gehört ebenso eine gewisse Fehlertoleranz, wenn eine Idee nicht sofort Früchte trägt. So können sich Innovationen auch von unten entwickeln.

Im zweiten Schritt wird in der Kooperation beschleunigt. Der Mittelstand ist oft Konzernen voraus: Er ist bei den Entscheidungen pragmatischer, damit risikobereiter, und auch langfristiger orientiert. Die Zeitspanne zwischen Idee und Umsetzung ist meist kürzer. Trotzdem sehen gerade kleinere Unternehmen eine Hürde, die große Konzerne nicht haben: Aufgrund der geringen Marge in der Logistik und der absolut gesehen kleineren Budgets von mittelständischen Unternehmen können diese oft nur eine Innovation in die Wege leiten. Dies führt dazu, dass die Entscheidung schwerer fällt, auf welches „Pferd“ gesetzt werden sollte. Konzerne können mehrere Projekte initiieren. Auch wenn nur eines Erfolg hat, kompensiert es die Verluste der anderen.

Standards definieren

Aus diesem Grund ist es notwendig, dass KMU miteinander kooperieren. Wenn fünf Unternehmen zusammenarbeiten, können sie fünf verschiedene Innovationen finanzieren und Gewinne und Verluste teilen. Diese Offenheit für Zusammenarbeit und gegenseitige Abhängigkeit kann erfolgreich sein. Unternehmen müssen sich für Kooperationen öffnen und dafür oft ihre Politik anpassen.

Ebenso wichtig ist es, Standards zu definieren, die andere Unternehmen nutzen können und damit der gesamten Logistik zugutekommen. Diese Partnerschaften bedeuten keine „Fusion“, sondern eine „Coopetition 2.0“, bei der Unternehmen bei ihren Kernleistungen im Wettbewerb bleiben.

Die Logistikweisen

Das Expertengremium trifft sich zweimal im Jahr, um über die wirtschaftliche Entwicklung, Trends und Szenarien der Branche zu diskutieren. Es setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern von Industrie, Handel, Dienstleistungsanbietern, der Finanz- und Immobilienwirtschaft sowie der Wissenschaft zusammen. Im Herbst geben die Logistikweisen eine Prognose zur konjunkturellen Entwicklung des Wirtschaftsbereichs im kommenden Jahr ab. Die Initiatoren des Expertenrats sind Prof. Christian Kille von der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt und Markus Meißner, Geschäftsführer der AEB. Das Gremium überreicht jährlich einen Bericht an das Bundesverkehrsministerium.

 

Mehr Erfolg verspricht zudem die Kooperation mit externen Partnern. Eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt, dass Unternehmen, die mit wissenschaftlichen Einrichtungen kooperieren, ihre Chancen auf weltweit neue Innovationen um 69 Prozent erhöhen. Die Logistik ist darauf angewiesen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Zusammenarbeit mit externen, auf Zukunftsthemen spezialisierten Institutionen steigert somit die Innovationskraft. Deshalb enthält auch die Überschrift das Wort „Start-ups“. Wissenschaft und Start-ups gelten zwar oft als praxisfern, doch mit Offenheit gegenüber Neuem (siehe Schritt 1) lässt sich das überwinden. Erfolgreiche Beispiele gibt es viele, etwa die Silicon Economy mit ihrer engen Kooperation mit Logistikunternehmen.

Dabei konnten alle Partner von Fördergeldern profitieren. In Deutschland ist Risikokapital für bahnbrechende Innovationen jedoch noch knapp, und auch die Förderlandschaft bedarf laut Experten einer Reform. Trotzdem sollten Unternehmen nicht auf externe Hilfe warten. Die deutsche Logistik verfügt über alle Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transformation: eine starke Angebotsstruktur, technologische Kompetenz und die Qualität „Made in Germany“. Durch strategische Forschungspartnerschaften und kulturellen Wandel kann sie zum globalen Exportschlager werden. (rok)

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