Logistikchefs: Transformation beginnt bei der Führung

Um ein Logistikunternehmen zu transformieren, braucht es mehr als neue Technologien. Entscheidend sind klare Ziele, die richtigen Teams und eine Führung, die Veränderungen konsequent vorantreibt. Dies war eine der zentralen Botschaften des CEO-Talks auf der BVL Supply Chain CX. Ewald Raben, CEO der Raben Group, und Tobias Jerschke, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Kühne + Nagel Deutschland, diskutierten, worauf es beim digitalen Wandel ankommt. Moderator Johannes Berg verglich die Transformation eines Logistikunternehmens mit der einer Fußballmannschaft, die ihre Spielweise verändern muss, um erfolgreich zu bleiben. Auch in der Logistik gehe es darum, Kunden und Beschäftigte zu überzeugen und wettbewerbsfähig zu bleiben.
Ziele definieren, erst danach investieren
Raben sieht in der Branche noch erheblichen Nachholbedarf. Veraltete IT-Systeme, unzureichende Datenqualität und personalintensive Prozesse erschweren die Automatisierung. Ein Transportmanagementsystem (TMS) ist eine wichtige Grundlage für weitere Innovationen. Doch auch die beste Technologie hilft wenig, wenn Unternehmen ihre Abläufe und Strukturen nicht anpassen.
Wie wichtig eine klare Ausrichtung ist, zeigt die Erfahrung von Raben selbst. Raben und sein Team hatten sich zunächst regelmäßig getroffen, um Ideen für Innovationen zu entwickeln. Nach zweieinhalb Jahren blieb der Fortschritt jedoch hinter den Erwartungen zurück. Daraufhin legten sie eine Roadmap mit vier Zielen fest: Umsatzwachstum, höhere Profitabilität, zufriedenere Kunden und zufriedenere Beschäftigte.
„Wenn Transformation und Innovation auf diese vier Bereiche einzahlen, investieren wir Geld, Fokus und Führung“, erklärte Raben. Transformation dürfe nicht als gelegentliches Projekt neben dem Tagesgeschäft laufen, sondern müsse in der Unternehmensführung verankert sein. Zugleich brauche es eine Kultur, in der Beschäftigte Neues ausprobieren und Fehler machen können.
KI soll Beschäftigte entlasten
Am Beispiel einer KI-gestützten Lösung für Spotangebote in der Luftfracht von Kühne + Nagel erläuterte Jerschke, wie sich diese Grundsätze auf konkrete Digitalisierungsprojekte übertragen lassen. Anstatt Informationen manuell in verschiedenen Systemen zu suchen und Anfragen telefonisch zu bearbeiten, können Beschäftigte auf automatisierte Unterstützung zurückgreifen. Das soll die Antwortgeschwindigkeit erhöhen und die Qualität der Antworten verbessern. Jerschke sprach von aktuell rund 24.000 bis 25.000 Spotanfragen pro Monat weltweit. Nach dem Start in der Luftfracht soll die Lösung schrittweise auf weitere Bereiche ausgeweitet werden.
Entscheidend sei es, die Mitarbeitenden einzubeziehen und ihnen den konkreten Nutzen zu zeigen. Anfangs hatte das Team Zweifel an der Datenqualität. Durch die schrittweise Einführung an einzelnen Standorten habe sich der Nutzen jedoch gezeigt. Jerschke sieht KI nicht in erster Linie als Instrument zum Stellenabbau. „Wir wollen KI nutzen, um mit dem bestehenden Team 20, 30 oder 40 Prozent mehr Volumen zu bewältigen“, erklärte er.
Auch bei der Umsetzung plädierte Raben für ein pragmatisches Vorgehen. „Lieber heute eine Lösung mit 80 Prozent als in einem Jahr eine mit 100 Prozent“, lautet seine Devise. Eine funktionierende Lösung könne schrittweise verbessert werden. Eine perfekte Strategie, die nicht umgesetzt wird, bringt dagegen keinen Erfolg.
Führung muss Vertrauen schaffen
In der Diskussion wurde deutlich, dass beide Unternehmen bei der Transformation auf klare Verantwortlichkeiten und passende Teams setzen. Je nach Projekt müssen die IT-Abteilung, operative Bereiche und Beschäftigte aus der Praxis zusammenarbeiten. Führungskräfte müssen dafür sorgen, dass die Beteiligten ausreichend Zeit für ihre Aufgaben erhalten und dass Veränderungen nicht an internen Hürden scheitern. Zugleich sei es wichtig, Projekte zu beenden, wenn sie zu komplex werden oder die erwarteten Ergebnisse nicht mehr liefern.
Raben wies auf die Geschwindigkeit des Wandels als weitere Herausforderung hin. Innerhalb Europas sieht er sein Unternehmen gut aufgestellt. Im Vergleich mit China nehme er jedoch ein höheres Tempo wahr. Jerschke sieht für Europa zugleich Chancen: Die Industrie verfügt über wertvolles Know-how und große Datenbestände, die sich für KI-Anwendungen nutzen lassen. Entscheidend sei, diese Stärken tatsächlich einzusetzen.
Die Botschaft der beiden CEO lautet: Die digitale Transformation ist keine reine IT-Aufgabe. Sie verlangt wirtschaftlich nachvollziehbare Ziele, schnelle Entscheidungen und Beschäftigte, die den Wandel mittragen. Vor allem aber muss die Unternehmensführung die Veränderung aktiv vorantreiben.



