Auch Chefs brauchen Feedback

Als Ingo Brauckmann eine seiner ersten Führungsrollen übernahm, geriet er gleich zu Beginn in eine prekäre Situation: In Schweden hatte er gerade seine erste Gehaltsrunde als junger Vorgesetzter umgesetzt – allerdings ohne vorher mit dem Team darüber zu sprechen.
„Ich kam aus Deutschland und war es gewohnt, dass Gehälter immer erst zum 1. April angepasst werden. In Schweden lief ich jedoch eines Morgens ins Büro und alle schauten mich mit großen Augen an, weil sie schon auf ihrem Konto gesehen hatten, wie ihre Gehaltsanpassung ausgefallen war“, erinnert sich der heutige CEO des Logistikdienstleisters Loxxess an die frühe Lektion über Vertrauen und Kommunikation. „Das war natürlich echt doof.“
Die Reaktion der Mitarbeitenden ließ nicht lange auf sich warten. Eine schwedische Kollegin sprach aus, was in dem Moment wohl viele dachten: „Wenn du so als Chef agierst, wirst du absolut erfolglos sein.“ Für Brauckmann waren die deutlichen Worte ein Weckruf. Heute, etwa 25 Jahre später, nimmt er seinen damaligen Fauxpas mit Humor.
Führung wie beim Fußball
Neben 20 verschiedenen Vorgesetzten im Laufe seines Berufslebens hat vor allem eine Person den Familienvater auf besondere Art und Weise geprägt: sein Mathe- und Physiklehrer vom Gymnasium.
„Vor dem Unterricht und noch während der Unterricht anfing, war bei uns in der Klasse immer eine sehr ausgelassene Stimmung. Aber wenn er dann gesagt hat: ‚So Leute, jetzt wird gearbeitet‘, dann war sofort Ruhe und alle waren total konzentriert. Das ist etwas, was ich bis heute auch immer versuche, denn wir lachen im Büro und in Meetings gerne viel zusammen oder machen mal einen doofen Spruch“, erzählt er.
Gute Führung hat für Brauckmann zwei Dimensionen: Zielerreichung und persönliche Weiterentwicklung – der Leute, mit denen man zusammenarbeitet, und bei sich selbst. In seiner Funktion als Chef setzt er vor allem auf Klarheit: Orientierung geben, zuhören, echtes Interesse zeigen, Vertrauen schaffen. Fehler dürfen passieren – aber nicht immer wieder dieselben. Wichtig sei es, Feedback ehrlich und direkt zu geben und es ebenso einzufordern.
Brauckmann selbst hat über die Jahre vor allem gelernt, sich nicht so oft einzumischen: „In den ersten Jahren meiner Führungserfahrung habe ich immer versucht, die Dinge selbst zu machen, wenn es irgendeine Krise gab.“ Durch ehrliches Feedback aus seinem damaligen Team weiß er heute: „Der Trainer muss an der Seitenlinie bleiben – also wie beim Fußball. Er muss zusehen, dass die Leute richtig aufgestellt sind, muss sie weiterentwickeln und ihnen dabei helfen, dass sie das Ziel erreichen.“
Das gilt für den erfahrenen CEO besonders in hybriden und dezentralen Strukturen. Er selbst hat keinen festen Schreibtisch, vieles läuft digital über Tools wie Teams. Dennoch bleibe der persönliche Kontakt ebenso entscheidend wie ein divers aufgestelltes Team. Damit sind auch unterschiedliche Perspektiven und Charakterzüge im Team gemeint: Introvertierte und Extrovertierte, Risikobereitschaft und Vorsicht. Zudem arbeiten laut Brauckmann Menschen aus 34 Nationen bei Loxxess, 40 Prozent der Führungskräfte sind Frauen.
Sich selbst führen
Vor seiner Aufgabe als CEO bei Loxxess bekleidete Brauckmann in seiner beruflichen Karriere bereits mehrere Führungspositionen, unter anderem bei Henkel, DHL, der Berner Group oder Thyssenkrupp. Zuletzt verantwortete er als Executive Vice President Contract Logistics Europe das Kontraktlogistikgeschäft von DB Schenker in Europa.
Bei Loxxess ist Brauckmann derzeit für über 3.000 Mitarbeitende als Führungskraft verantwortlich. Was dabei jedoch nicht vergessen werden sollte: „Man führt sich ja auch selber“, ist sich der Manager bewusst.
Gerade nach einem anstrengenden Tag sei es wichtig, sich Zeitfenster für einen Ausgleich zu schaffen – etwa zum Schwimmen, Laufen oder für einen Spaziergang –, um am nächsten Tag wieder frisch zu sein, appelliert er. „Es ist ganz wichtig, dass man da auch an sich selbst denkt.“
Mehr Mut zum Anderssein
Von der Logistikbranche und in der Führung allgemein wünscht sich Brauckmann mehr Mut zur Veränderung und die Bereitschaft, einige Dinge mal komplett anders zu machen: „Logistik ist wirklich eine coole Branche. Das schaffen wir noch nicht zu transportieren.“
Um die Wünsche der nachrückenden Generation besser zu verstehen, hat Loxxess ein „Next-Gen-Board“ gegründet, das sich unter anderem mit dem Thema Generationenvielfalt beschäftigt. Denn, wie Brauckmanns eigene Erfahrungen zeigen: Vieles lässt sich lernen (sogar Führung), wenn man bereit ist, einander zuzuhören und voneinander zu lernen.