Wir haben 100 Nachhaltigkeitsverantwortliche gefragt…

Nachhaltigkeitspanels sind verlässlich – verlässlich vorhersehbar. In seiner neuen Kolumne rechnet Prof. Moritz Petersen mit dem Konferenzformat ab, das mehr Pflicht als Kür ist, und erklärt, warum er beim DVZ Sustainability Day am 21. April stattdessen zum Familienduell lädt.

Das Nachhaltigkeitspanel ist ein verlässliches Format. Meistens bei Events irgendwann zwischen 14 und 16 Uhr terminiert, in einem Raum, der zu groß oder zu klein ist. (Foto: kasto80/istock)

Wir haben 100 Nachhaltigkeitsverantwortliche gefragt: Nennen Sie einen Anlass, bei dem Sie in letzter Zeit wirklich etwas gelernt haben. Ein Gespräch, das Sie weitergebracht hat? Eine Erkenntnis, die Sie mitgenommen haben?

Ich bin ziemlich sicher, dass „Nachhaltigkeitspanel auf einer Branchenveranstaltung“ da nicht unter den Top-Antworten wäre. Denn vielleicht kennen Sie das Gefühl, ein Panel zu verfolgen und zu wissen, wie der nächste Satz des Sprechenden klingt, bevor er ausgesprochen wird? Nicht weil Sie hellseherisch begabt wären, sondern weil Sie diesen Satz schon zwölfmal gehört haben. Auf zwölf verschiedenen Veranstaltungen. Von denselben vier Menschen.

Das Nachhaltigkeitspanel ist ein verlässliches Format. Meistens irgendwann zwischen 14 und 16 Uhr terminiert, in einem Raum, der zu groß oder zu klein ist. Vier Personen auf der Bühne, die sich höflich einig sind, dass die Lage ernst, aber die Richtung klar ist. Fragen aus dem Publikum kommen meistens von denjenigen, die eigentlich einen Kommentar abgeben wollen. Und am Ende applaudiert man, weil man klatscht, wenn etwas aufhört. Was Nachhaltigkeitspanels von anderen Panels in der Logistik unterscheidet, ist die Geschlechterverteilung auf der Bühne. Da haben wir, von unrühmlichen Ausnahmen abgesehen, kein Problem. Immerhin.

Wenn Größe die Orientierung ersetzt

Nun mögen Sie als nachhaltigkeitsbegeisterter Kolumnenleser denken: Gut, die kleinen Branchenpanels sind vielleicht wirklich mehr Pflicht als Kür. Aber schau mal, wie groß das Thema geworden ist. Nachhaltigkeitspreise, Impact-Festivals, mehrtägige Konferenzen, auf denen Nachhaltigkeit zur Hauptsache wird. Hunderte Aussteller, Tausende Besucher, ganze Messehallen voller Lösungen. Wir haben mit Nachhaltigkeit die Center Stage eingenommen. Müsste das nicht reichen?

Ich finde: Nein. Nicht weil diese Formate grundsätzlich falsch wären, sondern weil Größe allein keine Orientierung schafft. Sie verwässert. Wenn jedes Unternehmen, das ein Solarpanel auf dem Hallendach hat, einen Nachhaltigkeitspreis gewinnen kann, verliert die Auszeichnung ihre Funktion. Wenn jeder auf der Bühne steht, weiß niemand mehr, wem er zuhören soll. Und wenn fast der gesamte DAX als Nachhaltigkeitsvorreiter positioniert ist, aber wir doch trotzdem kaum vorankommen: Was sagt uns das? Das klingt zynisch, ist es aber nicht. Kleine Fortschritte verdienen Anerkennung. Aber wenn Anerkennung inflationär wird, verliert sie ihre Orientierungsfunktion. Oder glauben Sie noch, dass 4,8 Sterne bei Google Ihnen zuverlässig anzeigen, ob das Essen im Restaurant genießbar ist?

Ein Experiment statt einer weiteren Bühne

Ich gehe zu Veranstaltungen, weil ich etwas mitnehmen will: eine Idee, einen Widerspruch, eine Frage, die mich noch drei Tage später beschäftigt. Wenn das nicht passiert, ist die Bilanz dünn. In der Vergangenheit war sie oft zu dünn. Was für mich eher funktioniert, sind kleinere, community-basierte Formate. Veranstaltungen, bei denen die Menschen im Raum ein konkretes Thema weder als Pflichtprogramm noch als Marketingshow behandeln. Wo man sich auch mal über sich selbst lustig machen darf, ohne dass gleich jemand fragt, ob man das Thema eigentlich ausreichend ernst nimmt.

Auch diese Formate dürfen natürlich nicht stehenbleiben, gerade wenn man sich im Teilnehmerkreis schon ganz gut kennt. Deshalb versuche ich es am 21. April beim DVZ Sustainability Day etwas anders – einer Veranstaltung, die auch Panels hat, ich weiß (ich sitze in einem). Doch nicht nur die Themensetzung traut sich in diesem Jahr an andere Fragen als sonst. Die Organisatoren waren auch so mutig, mir einen Slot für ein Experiment einzuräumen: das Familienduell. Ich werfe mich in ein Werner-Schulze-Erdel-Gedächtnisoutfit und befrage im Vorfeld 100 Nachhaltigkeitsverantwortliche aus der Logistik. Zum Beispiel: „Nennen Sie die Lieblingsausrede Ihres CEO, warum Nachhaltigkeit gerade leider nicht Priorität hat.“ Oder: „Nennen Sie eine Nachhaltigkeitsmaßnahme, über die man gut reden kann, ohne dass sie irgendetwas verändert.“ Das Publikum spielt in Teams gegeneinander und versucht zu erraten, was die 100 wirklich geantwortet haben. Die Antworten kommen also nicht von der Bühne. Die waren schon vorher da.

Was hätten die 100 Befragten wohl auf diese Frage geantwortet? „Nennen Sie jemanden, der andere über gute Veranstaltungen belehrt, ohne selbst eine auf die Beine gestellt zu haben.“ Das Ergebnis hätte mich vermutlich auf den ersten drei Plätzen erwischt. Wir sprechen uns nach dem 21. April. (fw)

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