Deutschland auf Kurs zur Verteidigung

Logistikunternehmen haben ein großes Potenzial, im Ernstfall für die Bundeswehr zu arbeiten. Bis sie dazu in der Lage sind, ist es aber noch ein langer Weg, wie die Diskussionen und Vorträge während der 1. DVZ Defence Logistics Conference in Berlin zeigten. 

Reges Interesse im voll besetzten Saal des JW Marriott Hotel in Berlin: Zur 1. DVZ Defence Logistics Conference waren 180 Unternehmer gekommen, die sich über die geopolitische Lage, Chancen in der Verteidigungslogistik und über Vergabeverfahren informieren wollten. (Foto: Dierk Kruse)

Der Markt für Verteidigungslogistik ist für deutsche und europäische Logistikunternehmen attraktiv. Das zeigen die Zahlen von Alexander Nowroth, CEO der Lebenswerk Consulting Group in Düsseldorf. Bei der 1. DVZ Defence Logistics Conference in Berlin sagte er, dass der europäische Markt 2025 auf etwa 28,7 Milliarden Euro geschätzt wird. Bis 2030 soll er auf knapp 37 Milliarden Euro, weltweit auf über 190 Milliarden Euro steigen. „Das größte Segment ist 2025 weltweit Transport und Distribution“, so Nowroth weiter. Für 3PL könnte bereits ein geringer einstelliger Marktanteil in Europa langfristig Umsätze im achtstelligen Euro-Bereich bedeuten.

Für Logistikdienstleister sind vor allem die Bereiche Service und Wartung sowie Infrastruktur und Logistik interessant. Die gesamten Verteidigungsausgaben in Deutschland beliefen sich im vergangenen Jahr auf 86 bis 95 Milliarden Euro, so Nowroth. Auf die Beschaffung von Ausrüstung entfielen 30 bis 35 Prozent. Davon wiederum hätten Logistikdienstleistungen wie Transport, Lagerung und Unterstützungsdienstleistungen einen Anteil von 10 bis 15 Prozent. „Die deutschen Verteidigungslogistikausgaben belaufen sich auf 3 bis 5 Milliarden Euro pro Jahr, wobei die rein zivile Luftfahrtlogistik nicht berücksichtigt ist“, rechnet Nowroth vor.

Vergaberechtsanwalt Jan Byok erklärt, wie Firmen an Vergaben der Bundeswehr teilnehmen können. (Foto: Dierk Kruse)
Generalmajor Jochen Deuer, Sicherheitsexperte Stefan Fröhlich (l.) und Hans Christoph Atzpodien, Vertreter der Verteidigungsindustrie. (Foto: Dierk Kruse)
Jörg Mosolf, Vorstandsvorsitzender des gleichnamigen Automobillogistikers, spricht über seine Erfahrungen in der Verteidigungslogistik.(Foto: Dierk Kruse)
Über die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr gibt es in der Transport- und Logistikwirtschaft viel Gesprächsbedarf. (Foto: Dierk Kruse)
General a.D. Hans-Lothar Domröse spricht über die geopolitischen Entwicklungen und sieht die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands kritisch. (Foto: Dierk Kruse)
Jasmin Hahn, Head of Sales bei Solvares Logistics, nutzt die Pause für einen intensiven Austausch. (Foto: Dierk Kruse)

Einer, der schon in der Verteidigungslogistik aktiv ist, ist Jörg Mosolf, Vorstandsvorsitzender des gleichnamigen Automobillogistikers. „Ohne Logistik ist letztendlich kein Krieg zu gewinnen“, sagt der Unternehmer. Er verfügt über die Zertifizierung ISO 27001, um IT-Sicherheit zu garantieren. Diese ist verpflichtend, wenn Aufträge der Bundeswehr oder der NATO erfüllt werden sollen.

„Wir machen heute schon für Rheinmetall die weltweite Logistik“, sagt Mosolf und fügt hinzu, dass er damit Geheimnisträger ist. Bis ein Auftrag der Bundeswehr klappt, könne Zeit vergehen, so Mosolf. Bei ihm habe es zweieinhalb Jahre gedauert. „Das ist letztendlich ein Strukturgeschäft, was sehr langfristig ist, mit langfristigem Engagement, langfristigem Kapital und Kompetenzen, die aufgebaut werden müssen“, schildert er seine Erfahrungen in der Verteidigungslogistik.

Logistikimmobilien mit großem Potenzial

„Die Verteidigung wirkt im Logistikimmobilienmarkt wie ein Beschleuniger, allerdings nicht primär nur für Standardlogistik.“ Das sagte Kuno Neumeier, Sprecher des Themenkreises Logistikimmobilien der Bundesvereinigung Logistik und CEO der Logivest-Gruppe. Seit 2021 befinde sich der Sektor auf Wachstumskurs. 2025 habe er einen Nachfrageanstieg von 150 Prozent für Bestandsflächen registriert. Und er sieht weiteres Potenzial. Rheinmetall, Thyssenkrupp, Hensoldt und Diehl hatten ihren Umsatz um rund 36 Prozent gesteigert, rechnet Neumeier vor. Sie erweiterten ihre Defence- und Aerostandorte um 4,3 Millionen Quadratmeter.

Laut dem Logistikimmobilienexperten liegen die meisten der Rüstungs- und Aerostandorte im Westen Deutschlands. Attraktiv seien Flächen außerhalb der teuersten Ballungsräume.

„Die Schiene gewinnt als Standortfaktor erneut an Relevanz“, so Neumeier. Zudem zählten künftig werksnahe Lagen mit guter Erreichbarkeit.

Die Flächennachfrage für Verteidigungsmittel sei mit 43 Prozent am höchsten, gefolgt von Aero (13 Prozent) und Maschinenbau (12 Prozent).

Neue Chancen sieht der Experte in Light-Industrial-Immobilien sowohl als Greenfield- als auch Brownfield-Investition. 2025 sei die Neubaufläche in diesem Bereich um etwa 495.000 Quadratmeter gestiegen. Das entspricht einer Zunahme von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Hinzu kämen noch einmal 185.000 Quadratmeter in Gewerbeparks.

Für die Jahre 2026/2027 nannte Neumeier 490.000 Quadratmeter projektierte Fläche und prognostiziert, dass „ein weiterer Anstieg der Nachfrage der Assetklasse noch zu erwarten ist“. Bei reinen Logistikneubauten sah Neumeier 2025 allerdings einen Abschwung. Nur 57.000 Quadratmeter seien gebaut worden. Für die nächsten 24 Monate erwartet Neumeier, dass in Deutschland rund 1 Million Quadratmeter neue Flächen entstehen.

Allen potenziellen Investoren in Logistikimmobilien rät er dringend, bei der Konzeption von Lagerhallen auf die Drittverwendungsfähigkeit zu achten. Das heißt, dass die Halle 10 Meter hoch, Heckanbindungen vorhanden und der Warenfluss auch bei anderweitiger Nutzung gewährleistet sein sollte.

Abschreckung notwendig

Angesichts der geoplitischen Lage ist Durchhaltevermögen gefragt. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine dauert nun schon über vier Jahre. Stefan Fröhlich, Professor für Internationale Beziehungen und Politische Ökonomie, ordnet das Thema Verteidigungslogistik in einen größeren Kontext ein. Er sehe drei große Trends. Zum einen die „Rückkehr der Geopolitik“. Der Ukraine-Krieg sei nicht der Anfang gewesen, sondern die Annexion der Krim 2014 und die Verteidigungsstrategie Chinas im Jahr 2019.

Als Zweites nennt er die geoökonomische Zeitenwende, die 2007 mit der Finanzkrise begonnen habe, und als Drittes die systemische Trendwende. Hier geht es Fröhlich zufolge um Autokratie versus Demokratie. Das sei kein lokales Phänomen. Von 27 EU-Mitgliedsstaaten hätten mittlerweile 11 Regierungen zumindest rechtspopulistische Beteiligungen.

„Wir waren auf vieles nicht vorbereitet, obwohl es sich andeutete“, schlussfolgert Fröhlich. Viele Gewissheiten seien heute nicht mehr gültig. Ob sich Europa und Deutschland noch auf die USA verlassen könne, wisse er nicht. „Wir müssen unser eigenes Abschreckungsszenario entwerfen“, ist Fröhlich überzeugt.

Das wird General a.D. Hans-Lothar Domröse zufolge jedoch noch dauern. Verteidigungsfähigkeit bedeutet für ihn: „Wenn mich einer angreift, ist das für ihn teurer, als wenn er mich nicht angreift.“ Doch noch sei Deutschland zu sehr von den USA abhängig und der Reformbedarf der Bundeswehr groß. Ihr fehlen rund 80.000 Menschen. Mosolf merkt an, dass das Arbeitszeitgesetz bei der Marine in Wilhelmshaven nicht mit der neuen Realität zusammenpasse. Von Freitagabend bis Montagfrüh seien die Schiffe nicht besetzt. „Das weiß der Russe. Und der greift dann erst am Montag an“, so Mosolf spöttisch.

Um auf einen möglichen Verteidigungsfall vorbereitet zu sein, sind laut Hans Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des BDSV Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, drei Voraussetzungen notwendig: genügend Haushaltsmittel, die Entbürokratisierung und die Bündelung von Bedarfen bei der Bundeswehr. „Wir haben einen strategischen Fachdialog mit dem Bundesverteidigungsministerium gegründet“, sagt der Experte und fordert die Unternehmer auf, sich daran zu beteiligen.

Jan Byok, Fachanwalt für Vergaberecht und Informationstechnologierecht bei der Juliett Bravo Rechtsanwaltsgesellschaft, rät Logistikunternehmen, nicht nur auf das deutsche Sondervermögen für die Bundeswehr zu schauen. Die Politik sei an Rüstungskooperationen zwischen Deutschland und der Ukraine interessiert. Angesichts von Korruption wollen die EU und Deutschland nicht, dass ihre Milliardenhilfen in dunklen Kanälen versickern.

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