Harry Seifert: Der Mann, der Chancen früher sieht als andere

Mit gerade einmal 20 Jahren steigt Harry Seifert im Juli 1976 in das Fuhrunternehmen seines Vaters Franz X. Seifert ein, das dieser im Jahr 1947 im schwäbischen Ehingen-Berg gegründet hatte. Schon bald steht für den Filius fest: Er will expandieren. 1981 folgt der erste Zukauf. Aus dem Fuhrbetrieb wird eine Spedition. Das Unternehmen kann nun endlich wachsen.
Im November 1989 fällt die Mauer. Während Deutschland feiert, hat Harry Seifert bereits große Pläne. Nur drei Tage nach der Grenzöffnung sitzt er im Auto Richtung Osten. Er sucht Grundstücke – und nach den Möglichkeiten, die andere noch nicht sehen. 1990 eröffnet er den ersten ostdeutschen Standort. Die Expansion nach Polen folgt zum Ende des Jahrzehnts – nach dem großen Schritt in die Kontraktlogistik Mitte der 1990er Jahre.
Von da an nimmt das Wachstum stetig Fahrt auf: Der Umsatz, die Zahl der Niederlassungen, der Mitarbeiter, der Fahrzeuge und auch der Dienstleistungen und Kundenbranchen wachsen in den folgenden Jahren kontinuierlich.
„Himmelreich“ im Ulmer Norden
Dann der Schock. Im Juni 2016 muss sich Seifert einer Herzoperation unterziehen. Im Krankenhaus wird ihm klar, wovor er die meiste Angst hat: eines Tages vom Gas gehen zu müssen – für immer. Die Stunden auf dem OP-Tisch verändern seinen Blick auf das, was wichtig ist – und was nicht. Und er beginnt, das Unternehmen langsam so aufzustellen, dass es auch ohne ihn funktioniert. Der größte Schritt in seinem Unternehmerleben folgt allerdings erst noch.
Frühjahr 2020. Corona. Die Welt steht still. Seifert bekommt an einem Märzmorgen einen Brief: Das Grundstück im Ulmer Norden – für das er 25 Jahre gekämpft hat – ist endlich verfügbar. Er kann bauen. Gleichzeitig rechnet er mit seinem Team durch, wie lange die Firma überlebt, wenn die Kunden monatelang schließen müssen. Die Zahlen sind alles andere als beruhigend. Er kauft das Grundstück trotzdem.
705 Tage nach Vertragsunterzeichnung steht das neue Logistikzentrum fertig da. 75.000 Quadratmeter, mehr als 120.000 Palettenplätze. Das Bürogebäude thront auf 22 Metern Höhe über dem Gelände. Die Adresse: Himmelreich 1. Ein Kilometer Logistik, direkt an der Autobahn. Sein Lebensziel sei damit erreicht, sagt er.
Harry Seifert, heute noch Vorsitzender des Beirats der Seifert Logistics Group, hat in einem halben Jahrhundert aus einem Fuhrunternehmen mit 5 Mitarbeitern einen internationalen Transportdienstleister und Kontraktlogistiker mit 3.800 Beschäftigten, 50 Standorten und 360 Millionen Euro Umsatz gemacht. Für seine logistische Lebensleistung zeichnet die DVZ den 70-Jährigen mit einem LEO Award aus.



