„Wir schauen uns 1.000 Start-ups im Jahr an und investieren in sechs bis acht“

Die Finanzierungslage für Start-ups in Deutschland erholt sich, bleibt aber von konjunkturellen Herausforderungen geprägt. Großes Potenzial für die Logistik haben derzeit vor allem drei Segmente, beobachtet Matthias Schanze von der Venture-Capital-Gesellschaft Rethink Ventures.

Matthias Schanze war im April Speaker bei den Logistics Tech Talks in Hamburg. (Foto: Logistics Tech Talks)

DVZ: Herr Schanze, wie würden Sie die aktuelle Lage von Logistik-Start-ups zusammenfassen?

Matthias Schanze: Die Lage ist grundsätzlich gut. Woran wir keinen Mangel haben, ist Gründergeist – und das ist eine wirklich gute Nachricht. Funding ist prinzipiell auch da, aber Geld ist nicht mehr so billig wie 2021 oder 2022. Das äußert sich darin, dass sich Spreu und Weizen stärker unterscheiden. Wenn ich ein KI-Start-up bin und im Gründerteam einen Lebenslauf mit Google, Meta oder OpenAI vorweisen kann, werde ich wahrscheinlich überschüttet mit Investorengeldern. Aber auch mit einem starken Team, einem klaren Business Case und einem Alleinstellungsmerkmal darf man Investoreninteresse erwarten.

Wie wirkt sich die konjunkturelle Lage aus?

Unsicherheit ist immer schlecht für alle Arten von Investments. Das gilt auch für Venture Capital. Wenn Geld knapp ist, ist auch weniger da, um neue Sachen auszuprobieren. Für Proof-of-Concept-Projekte mit Start-ups geben Unternehmen in guten Zeiten mal 50.000 oder 100.000 Euro aus – in schlechten Zeiten nicht.

Die gute Nachricht: Alle etablierten Unternehmen wissen, dass die Disruption von Start-ups kommen wird – rund um Robotik, Elektrifizierung und KI. Keiner will von diesen Entwicklungen überrollt werden, sondern sie möglichst frühzeitig als Wettbewerbsvorteil nutzen. Gleichzeitig können sie für Innovationstheater kein Geld zum Fenster rauswerfen. Dieses Spannungsfeld begünstigt gute Start-ups und sorgt für Kooperationen mit etablierten Logistikern.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob ein Start-up ins Portfolio passt?

Wir schauen uns 1.000 Start-ups im Jahr an und investieren in sechs bis acht. Was uns von anderen Investoren unterscheidet: Wir konzentrieren uns auf die Transport- und Logistikbranche und auf Start-ups in der frühen Phase – also auf Teams, die vor einem halben Jahr oder maximal drei Jahren gegründet wurden. Üblicherweise zwischen drei und fünfzehn Leuten, die noch nicht sichtbar am Markt sind, aber das Potenzial haben, in wenigen Jahren den Markt aufzurollen.

Wir schauen vor allem darauf, wie stark das Team und die Skalierbarkeit sind. Häufig wird das unterschätzt. In Deutschland wird häufig nur auf Technologie und Produkt geschaut. Aber es geht in erster Linie um die Fähigkeit des Gründerteams, etwas richtig Großes aufzubauen und jeden Tag viele gute Entscheidungen zu treffen – und das über Jahre. Das ist die seltene Gabe.

Die Menschen zählen also mehr als das Produkt?

Vor allem die Menschen, die etwas aufbauen. Geschäftsmodelle und Technologien können sich in der frühen Phase noch ändern. Das muss zwar alles top sein, aber entscheidend ist: Ist hier unternehmerisches Potenzial da? Wir kennen die Logistikbranche sehr gut und haben ein gutes Verständnis dafür, welches Geschäftsmodell und welche Technologie in fünf Jahren erfolgreich sein werden. Aber wir sind immer rein finanzgetrieben in unserer Entscheidung.

Welche Segmente sind besonders vielversprechend?

Wir sehen vor allem drei Themen. Erstens: Elektrifizierung und Energy Transition. Jeder Flottenbetreiber weiß, dass er in zehn bis fünfzehn Jahren mit einer Dieselflotte nicht mehr wettbewerbsfähig sein wird – rein kostengetrieben. In China sind E-Trucks heute in Herstellung und Verkauf genauso günstig wie Diesel-Lkw. Das wird auch in Europa absehbar sein. Es reicht aber nicht, einfach E-Trucks statt Diesel-Trucks zu kaufen. Es ist viel komplexer.

Zweitens: Robotik und Automatisierung. Gerade in der Lagerlogistik sehen wir unfassbar viele neue Start-ups. Die nötige Robotik-Hardware kostet nur noch die Hälfte von vor neun bis elf Monaten. Selbst der Einsatz von humanoiden Robotern ist eine Frage von Monaten oder wenigen Jahren, bis das in den ersten Use Cases zuverlässig funktioniert.

Drittens: KI. Hier unterscheidet sich die Spreu vom Weizen – von Themen, wo jemand einen Wrapper gebaut hat, der keinen Wettbewerbsvorteil darstellt, bis zu echter KI, die funktioniert und ganze Prozesse zuverlässig automatisiert. In der Logistik muss es jeden Tag unter allen operativen Herausforderungen funktionieren. Da sehen wir schon die ersten Geschäftsmodelle, die das hinkriegen.

Logistics Tech Talks

Die Logistics Tech Talks (LTT) sind eine Veranstaltungsreihe, die seit 2018 einmal im Quartal Logistiker, Wissenschaftler und Gründer zusammenbringt, die mit Technologie konkrete Branchenherausforderungen lösen wollen. Im Mittelpunkt stehen drei Vorträge von Branchenpraktikern, die konkrete Erfahrungen und Projekte teilen. Im Anschluss folgen offene Q&A-Runden und informelles Networking. Das nächste Event findet am 9. September 2026 statt.

Weitere Informationen: www.logisticstechtalks.com

Wie schwierig ist es, im KI-Bereich echte Innovation von Marketing zu unterscheiden?

Für uns ist das auch eine Herausforderung, aber wir lernen dazu. Wenn man 300 KI-Start-ups im selben Gebiet gehört hat, dann weiß man, wo heiße Luft ist und wo mehr dahintersteckt. Wir arbeiten eng mit unseren Investoren zusammen – da sind große Logistikunternehmen dahinter, die viel operative Erfahrung mitbringen. Wir schauen beispielsweise bei Robotik für die automatisierte Be- und Entladung von Lkw ganz genau hin: Was kann die Lösung wirklich im praktischen Umfeld und was nur im Showcase? Welcher Winkel kann an der Rampe überwunden werden? Welche Spaltmaße? Da hilft es, dass wir aus der Logistik kommen und die Abläufe tiefer verstehen.

In welche Segmente würden Sie auf keinen Fall investieren?

Wir lösen uns von Trends und Hype-Themen. Viele Venture Capitalists würden zum Beispiel nie in die Schienengüterindustrie schauen, wir haben dort mit Rail-Flow ein bärenstarkes Team unterstützt. Aber es gibt zwei Themen, die wir nicht machen würden: Das sind zum einen Geschäftsmodelle, die ausschließlich auf Regulierung beruhen. Viele Start-ups im Nachhaltigkeitsbereich hatten zum Beispiel das Problem, dass ihr Geschäftsmodell nur auf einer Regulierung beruhte. Wenn die sich ändert, brechen ganze Märkte weg. Außerdem würden wir nie in Themen investieren, die „Nice-to-have“ oder in der Nische sind. Es muss immer etwas sein, das sich am Markt bewähren und groß werden kann.

Wie sehen Sie das Thema Zoll – fällt das auch unter problematische Regulatorik?

Nein. Unsere Wette ist: Zollformalitäten ändern sich, aber werden so schnell nicht weggehen. Deswegen würden wir in so ein Thema investieren. Besonders interessieren uns Themen, die heute schon durch Dienstleister erfüllt werden und zukünftig auch durch Dienstleister erfüllt werden – nur dass dahinter nicht manuelle Bearbeitung von Formularen steht, sondern weitreichende Automatisierung durch KI. Das sehen wir bereits auch im Zollbereich.

Was müsste auf politischer Ebene passieren, damit es noch mehr Start-up-Gründungen in Deutschland gibt?

Europäische Pensionskassen verwalten je nach Abgrenzung zwischen 3.600 und 4.500 Milliarden Euro. Wenn davon nur 2 Prozent in Risikokapital investiert würden, wie es nordamerikanische Pensionskassen tun, würden bis zu 90 Milliarden Euro jährlich mehr in Start-ups und Innovation landen. Das kriegt Europa leider noch nicht auf die Kette. Ein weiterer Punkt ist das Thema Bürokratie. Wir können 1 Million in ein finnisches Start-up investieren, ohne einen Notar gesehen zu haben. Das funktioniert digital, ohne dass Papiere ausgedruckt und gestempelt werden. In Deutschland muss man für eine beglaubigte Kopie zum Notar. Ausländische Investoren schütteln da mit dem Kopf.

Rethink Ventures ist eine auf Transport und Logistik spezialisierte Venture-Capital-Gesellschaft, die in Start-ups in einer sehr frühen Phase investiert.

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