Deglobalisierung? „Für mich ist das ein Gerücht“

Die Weltwirtschaft wird immer unberechenbarer. Handelskonflikte verschärfen sich und deutsche Exporte geraten unter Druck. Doch von einer Deglobalisierung kann laut Vincent Stamer keine Rede sein. „Das ist für mich ein Gerücht“, sagte der Senior Economist der Commerzbank bei der BVL Supply Chain CX in Berlin. Im Anschluss an seinen Vortrag diskutierte er mit DVZ-Chefredakteur Sebastian Reimann über die Folgen geopolitischer Spannungen, neue Handelsbeziehungen und die Aussichten für die deutsche Wirtschaft.
Stamer stützt seine Einschätzung auf die Entwicklung des Welthandels: Dessen Anteil an der globalen Wirtschaftsleistung stagniert seit etwa 2008, ist aber nicht gesunken. Gleichzeitig wachsen Weltwirtschaft und Handel weiter. Die entscheidende Veränderung sieht der Ökonom deshalb weniger in einem Ende der Globalisierung, sondern vielmehr in einer Verschiebung der Handelsströme und zunehmenden Unsicherheiten.
Zwischen China und den USA
Deutschland steht durch den Wettbewerb zwischen den beiden größten Volkswirtschaften besonders unter Druck. Während US-Präsident Donald Trump den amerikanischen Markt mit Zöllen abschottet, baut China seine Position in globalen Lieferketten mit umfangreichen Subventionen aus. Dadurch gerät Deutschland in einen geopolitischen „Schraubstock“: Die USA sind weiterhin der wichtigste Absatzmarkt für deutsche Exporte, während die Ausfuhren nach China deutlich zurückgegangen sind. Hinzu kommt, dass chinesische Produkte zunehmend mit deutschen Waren auf Drittmärkten konkurrieren.
Die Folgen der US-Zölle dürften zudem länger anhalten als von vielen Unternehmen erwartet. Lieferketten passen sich erst mit einer Verzögerung von zwei bis drei Jahren an neue Handelsbedingungen an. Somit könnten die 2025 eingeführten Zölle auch noch 2027 bremsend wirken.
Neue Märkte, neue Chancen
Stamer setzt seine Hoffnung auf neue Handelsabkommen der Europäischen Union. Während das Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten bereits in Kraft ist, steht die Vereinbarung mit Indien vor der Umsetzung. Der Ökonom erwartet für den europäischen Export nach Indien in den kommenden zehn Jahren eine Verdoppelung, die maßgeblich durch den Abbau von Zöllen begünstigt wird.
Allerdings könne Indien China nicht kurzfristig als Produktionsstandort ersetzen. Dafür sind die Unterschiede zwischen den indischen Bundesstaaten sowie die Hürden beim Vertrags- und Steuerrecht noch zu groß. Auch Afrika bietet erhebliche Chancen, etwa für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau. Allerdings fehlen in vielen Ländern weiterhin die institutionellen Voraussetzungen für eine dynamische wirtschaftliche Entwicklung. Das Potenzial des Kontinents wird seit Jahrzehnten beschworen, ohne dass es sich überall eingelöst hat, warnte Stamer.
Frankreich bleibt Risiko
Auch innerhalb Europas sieht Stamer Unsicherheiten. Das steigende Haushaltsdefizit Frankreichs und die fehlende politische Mehrheit für Sparmaßnahmen beunruhigen die Finanzmärkte. Eine neue Eurokrise hält der Commerzbank-Ökonom dennoch für weniger wahrscheinlich: Das Risiko liege aus seiner Sicht unter 50 Prozent.
Für Deutschland sieht Stamer trotz struktureller Probleme Grund zur Zuversicht. Zwar schwächelten die Exporte und hohe Energiekosten sowie Bürokratie belasteten die Wettbewerbsfähigkeit. Zugleich zögen die Aufträge aus europäischen Partnerländern wieder an. Auch die Nachfrage in Industrie und im Dienstleistungssektor beginne sich zu erholen. Deutschland verfügt weiterhin über die nötigen wirtschaftlichen Kapazitäten, um einen Aufschwung aufzufangen. Entscheidend sei es, diese Stärken zu nutzen und sich auf neue Märkte einzustellen.



