Wolfgang Ischinger: Unternehmen sollten Lieferketten diversifizieren

Im Gespräch mit Thyssenkrupp-Vorständin und Vize-BVL-Chefin Ilse Henne äußerte sich der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz über die Schlüsse, die Entscheider aus der angespannten Weltlage ziehen sollten. Zudem sprach er über Europas Gewicht gegenüber China, die US-Midterms und die Lage im Ukraine-Krieg.

Prominenter Talk-Gast auf der Supply Chain CX: Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz. (Foto: Dierk Kruse)

Geopolitik war dieses Jahr eines der Schwerpunktthemen auf der BVL Supply Chain CX – und stand auch zum Abschluss auf der Hauptbühne des Kongresses in Berlin im Mittelpunkt. Zu den Talk-Gästen gehörte am Donnerstagnachmittag der ehemalige Diplomat Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, die er seit 2008 leitet.

Ischinger äußerte sich in dem Gespräch mit Thyssenkrupp-Vorständin Ilse Henne, zugleich stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bundesvereinigung Logistik (BVL), auch zu Wirtschaftsthemen. So beschrieb er zum Beispiel, wie sich die Lage für Entscheider in den vergangenen Jahren verändert hat. Vor zehn Jahren habe er selbst jeden Morgen etwa 20 Minuten gebraucht, um zu erfassen, was sich über Nacht auf der internationalen Bühne getan habe. Heute brauche er zwei Stunden, weil so viel passiere. Auch viele Manager großer und kleiner Unternehmen bräuchten deutlich mehr Zeit, um sich hinsichtlich der aktuellen geostrategischen Hintergründe auf den neuesten Stand zu bringen, beobachte er.

Diese haben inzwischen großen Einfluss auf das Supply Chain Management, weshalb Resilienz das Schlagwort auf der diesjährigen Supply Chain CX war. Auch Ischinger hält es angesichts der zahlreichen geopolitischen Unsicherheiten für sehr wichtig, Lieferketten zu diversifizieren und Risiken einzudämmen. Selbst kleinere Firmen sollten seiner Ansicht nach jemanden haben, der Schwachstellen und Risiken identifiziert.

Positiv bewertet er das Freihandelsabkommen zwischen der EU und Indien, das zwar noch nicht in Kraft, aber bereits unterzeichnet ist. Es verbindet Märkte mit rund 1,5 Milliarden Menschen in Indien und fast 500 Millionen in Europa. Ischinger lobte zudem das Abkommen mit dem Mercosur. „Das ist der richtige Weg“, sagte er.

Europa hat nur mit einer Stimme Gewicht

Ischinger hob in dem Gespräch immer wieder die große Bedeutung der Europäischen Union hervor. So berichtete er von einem Besuch in Shanghai, wo er mit den Gastgebern auf einem hohen Gebäude stand und über die Stadt blickte. Aus dieser Perspektive werde leichter verständlich, dass die EU-Staaten aus chinesischer Sicht einzeln betrachtet allesamt Zwergstaaten sind, Deutschland eingeschlossen.

Deshalb müsse die EU in China mit einer Stimme sprechen. Das sei nicht immer einfach, sagte Ischinger, „aber es ist der einzige Weg“. Wenn Europa mit einer Position auftrete, könne es Ergebnisse erzielen. „Sie werden uns zuhören. Auch Donald Trump wird uns zuhören.“

Verteidigungsausgaben sollten der eigenen Wirtschaft nützen

Ischinger warnte davor, Europa ständig schlechtzureden. Natürlich gebe es Defizite, und in Deutschland sowie bei einigen Partnern wachse die Wirtschaft zu wenig. Doch das enorme Potenzial sei vorhanden. Entscheidend sei, es wieder zu wecken. Er sei kein Experte für industrielle Anwendungen oder künstliche Intelligenz, habe aber von Fachleuten gehört, dass Europa hier, wenn es richtig handle, erfolgreich mithalten könne.

Ischinger ging zudem auf die steigenden Verteidigungsausgaben und deren Wirkung auf die Wirtschaft ein. Bisher sei es wohl noch in Ordnung gewesen, dass ein großer Teil der Aufwendungen für amerikanische Raketen, Flugzeuge, Ausrüstung und Satelliten ausgegeben wurde. Das Ziel Ziel sei aber, statt bisher 1,5 Prozent künftig 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung auszugeben. „Ich würde gern einen Politiker sehen, der in seinem Wahlkreis in Deutschland wiedergewählt wird, wenn er seinen Wählern nicht sagen kann, dass ein Teil dieser 5 Prozent im eigenen Land ausgegeben wird“, sagte Ischinger. Er sei deshalb ein großer Befürworter der vielen Start-ups, die sich in Deutschland bereits etabliert hätten.

Als Beispiel nannte er das Raumfahrt-Start-up Isar Aerospace, dem im September ein erfolgreicher Raketenstart in die Umlaufbahn gelungen ist. Das Unternehmen entwickelt und fertigt die „Spectrum“ genannte Rakete nahezu vollständig im eigenen Haus, mit einem vertikal integrierten Produktionsmodell, und hat dafür im Sommer eine 40.000 Quadratmeter große Fabrik nahe München in Betrieb genommen.

Die Dinge bewegten sich. Man müsse aber sicherstellen, dass die Wähler in zehn Jahren sähen, dass die hohen Verteidigungsausgaben Arbeitsplätze schaffen, unterstrich Ischinger. Diese könnten zumindest teilweise die Jobs ersetzen, die derzeit etwa in der Autoindustrie verloren gehen. „Wir können auf keinen Fall weiterhin alles im Ausland kaufen“, betonte er.

Machtvakuum in den USA bis Januar

Ischinger gab zudem eine Einschätzung zu den Chancen auf Frieden in der Ukraine. Er sieht die Entscheidung über Verhandlungen allein bei Wladimir Putin. Die entscheidende Frage sei, ob der Kreml-Chef zu dem Schluss komme, dass sein Militär weiterhin seinen Zielen diene. Oder ob er erkenne, dass die russische Wirtschaft unter dem Krieg leide und sich militärischer Erfolg nicht mehr erzwingen lasse, so dass er sich besser auf Verhandlungen einlassen sollte.

Um dieses Ergebnis zu erreichen, müssten allerdings auch die amerikanischen Partner den Druck erhöhen und dürften keine freundschaftlichen Treffen mit Moskau abhalten, sagte Ischinger. Die Botschaft der Amerikaner an Russland sei in letzter Zeit allerdings nicht hilfreich gewesen.

Ischinger wäre überrascht, wenn es schon in den nächsten zwei oder drei Monaten oder während des Winters zu sinnvollen Verhandlungen kommen würde. Putin werde versuchen, die ukrainische Bevölkerung in den großen Städten mit verstärkten Angriffen auf die Energieinfrastruktur unter Druck zu setzen. Wenn überhaupt, dann werde Putin wohl erst nach diesem Winter bereit sein, Verhandlungen aufzunehmen, wenn er auch wisse, was in Washington passiere.

Der frühere deutsche Botschafter in den Vereinigten Staaten verwies in dem Zusammenhang auf die Zwischenwahlen in den USA am 3. November. Der neue Kongress mit seiner veränderten Machtverteilung trete aber erst im Januar in Washington zusammen. „Zwischen November und Januar entstehe deshalb ein Machtvakuum“, sagte Ischinger und fügte hinzu: „Das wird Putin ausnutzen.“

Was Ischinger den Bundeskanzler fragen würde

Ischinger zeigte sich zugleich überrascht, wie lange Europa die Sanktionen gegen Russland aufrechterhalten hat. Hätte man ihn nach Beginn des russischen Angriffs 2022 gefragt, hätte er nicht erwartet, dass die EU nach viereinhalb Jahren immer wirksamere Sanktionen gegen Russland verhängt.

Er übte allerdings auch Kritik an Europa. So mache man US-Präsident Donald Trump Vorwürfe wegen seines Diesel-Deals mit Russland. Doch auch etliche europäische Länder importierten weiterhin Gas oder Öl aus Russland, weil sie keine anderen Bezugsquellen hätten. „Bevor wir Trump etwas vorwerfen, sollten wir vor unserer eigenen Haustür kehren“, sagte Ischinger. Die Bilanz Europas sei daher gemischt. „Sie ist besser, als ich erwartet hätte, aber nicht so gut, wie sie sein sollte.“

Am Ende des Gesprächs wollte die Moderatorin wissen, welche eine Frage Ischinger dem Bundeskanzler stellen würde. Ischinger antwortete ohne Zögern. Er würde Merz fragen, welchen Plan er habe, um das europäische Projekt auf die nächste Stufe zu heben, damit die junge Generation einen neuen, inspirierenden Grund finde, warum Europa wichtig sei. Viele junge Menschen, so Ischinger, hielten das bisher Erreichte für selbstverständlich. Das sei es aber nicht. „Wenn wir es erhalten und weiterentwickeln wollen, müssen wir darauf aufbauen und es auf die nächste Stufe heben.“

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