Störungen: Industrie baut vor – bleibt aber verwundbar

Die deutsche Industrie arbeitet angesichts geopolitischer Spannungen und tiefgreifender struktureller Veränderungen intensiv an ihrer Widerstandsfähigkeit. Das zeigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) unter 154 Unternehmen mit mindestens 500 Beschäftigten oder einem Jahresumsatz von mindestens 100 Millionen Euro. Demnach haben mehr als drei Viertel eine Resilienzstrategie entwickelt. Mehr als 8 von 10 Unternehmen schätzen ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen bereits mindestens eher hoch ein.
Die Unternehmen setzen vor allem auf Risikomanagement, Diversifizierung und Investitionen in neue Produkte und Verfahren. Mehr als die Hälfte baut zudem höhere Bestände bei wichtigen Vorprodukten auf. Im Durchschnitt haben die Firmen von den abgefragten 7 Maßnahmen 4,4 ergriffen. Dies sei jedoch mit erheblichem Aufwand verbunden, den eine Mehrheit als eher hoch (45 Prozent) oder sogar sehr hoch (14 Prozent) bewertet. Etwa die Hälfte sieht große Risiken durch gestörte Transportwege und Lieferketten sowie durch Ausfälle bei der Energieversorgung. Unternehmen können viel leisten, aber nicht im Alleingang. Gerade bei Energie, Infrastruktur und globalen Abhängigkeiten stoßen sie an systemische Grenzen“, sagte BDI-Präsident Peter Leibinger.
Wie politische Rahmenbedingungen zu resilienteren Unternehmen beitragen können, ist aus Sicht der Industrie klar. Größter Hebel seien Maßnahmen, die Unternehmen insgesamt entlasten: ein spürbarer Rückbau von Bürokratie, schnellere Verfahren sowie eine verlässliche Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen. Zudem sehen sie den Staat insbesondere bei Aufgaben gefordert, die Unternehmen nicht selbst leisten können, etwa, um umfassende Analyse strategischer Abhängigkeiten bereitzustellen oder den Aufbau von Frühwarn- und Krisenwarnsystemen und einen strukturierten Informationsfluss zwischen staatlichen Stellen und Unternehmen sicherzustellen.
Kritische Rohstoffe: Energieagentur warnt vor Abhängigkeit
Derweil hat die Internationale Energieagentur (IEA) die Industriestaaten angesichts zunehmender Risiken bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen zu Maßnahmen für vielfältige und widerstandsfähige Lieferketten aufgerufen.
In einem zunehmend komplexen geopolitischen Umfeld seien kritische Mineralien in den Vordergrund der Energie-, Wirtschafts- und nationalen Sicherheitsagenda der Länder gerückt, betonte die IEA in ihrem Jahresbericht zur globalen Versorgung mit kritischen Rohstoffen. Dabei habe sich die geografische Konzentration der Mineralien-Lieferketten weiter verstärkt.
In den vergangenen zwei Jahren entfielen auf die führenden Verarbeiter dieser Rohstoffe – Indonesien bei Nickel und China bei anderen wichtigen Energiemineralien – mehr als drei Viertel des gesamten Wachstums bei der Verarbeitung. Auf mehreren Märkten, darunter Mangan, Nickel und Graphit, stamme praktisch das gesamte Angebotswachstum in diesem Zeitraum von dem jeweils marktbeherrschenden Anbieter, teilte die IEA in Paris mit.
Exportbeschränkungen führten inzwischen dazu, dass diese hohe Konzentration zu einer wirtschaftlichen Herausforderung werde.
Staatliche Maßnahmen zahlen sich aus
Es zahle sich allerdings aus, dass Regierungen eine aktivere Rolle bei der Unterstützung des Ausbaus und der Diversifizierung der Versorgung mit kritischen Mineralien übernähmen, etwa mit öffentlichen Finanzzusagen. Bei der Veredelung von seltenen Erden führten neue Projekte in den USA und Produktionssteigerungen in Malaysia dazu, dass der Marktanteil des führenden Anbieters sinke.
„Unsere jüngste Analyse zeigt, dass enorme wirtschaftliche Werte von relativ geringen Mengen kritischer Mineralien abhängen, deren Lieferketten nach wie vor stark konzentriert und daher anfällig sind“, sagte IEA-Direktor Fatih Birol. „Dennoch gibt es ermutigende Anzeichen für Fortschritte – unter anderem in den Lieferketten für seltene Erden –, wo gezielte politische Maßnahmen und Investitionsförderung allmählich Wirkung zeigen.“ Auch wenn eine diversifizierte Versorgung mit höheren Kosten verbunden sein könnte, lasse sich dies in Zeiten geopolitischer Unsicherheit als eine Form der wirtschaftlichen Absicherung gegen erhebliche Versorgungsrisiken betrachten. (cs/dpa)
Anm. d. Red.: Diese Artikel erschien erstmals am 21. Juli 2026. Anlässlich der BVL Supply Chain CX im Oktober spielen wir den Beitrag mit dem aktuellen Veranstaltungshinweis noch einmal aus.





