Die eigentliche Kunst der Brauereien

Sommerwetter und Fußball-WM regen derzeit den Bierkonsum an – wie stark, hängt allerdings auch vom Erfolg der Nationalmannschaft ab. Grundsätzlich haben die Brauereien aber mit Absatzrückgängen zu kämpfen. Hinzu kommt eine immer anspruchsvollere Logistik. Ein Blick hinter die Kulissen zweier Betriebe.

Prost! Der Absatz von alkoholhaltigem Bier brach 2025 in Deutschland um 5,8 Prozent ein. Viele Brauer produzieren verstärkt alkoholfreies Bier oder auch Limonaden. Laut Brauer-Bund haben alkoholfreie Biere inzwischen 11 Prozent Anteil am Bierkonsum. (Foto: iStock)

Marc Büche, Exportlogistikleiter der Bayerischen Staatsbrauerei Weihenstephan, sagte Anfang Mai im DVZ-Gespräch: „Wir haben jetzt schon die ersten Container mit Festbier in die USA versendet“ – aber nicht etwa für die Fußball-WM in Nordamerika, sondern für das Oktoberfest, das in vielen US-Bundesstaaten traditionell zwischen Mitte September und Mitte Oktober gefeiert wird.

Die Vereinigten Staaten sind größter Importeur der nach eigenen Angaben ältesten noch bestehenden Braustätte der Welt, die Benediktinermönche 1040 auf dem Weihenstephaner Berg gründeten. Laut Büche lief 2026 im ersten Quartal gut an, aber „ob das jetzt unbedingt nur mit der WM zu begründen ist“, kann er nicht sagen. Zuletzt belasteten Zusatzzölle das Geschäft. „Um im Markt weiterhin konkurrenzfähig zu sein, setzen wir auf eine enge Zusammenarbeit mit unserem langjährigen Importpartner“, sagt er.

Produktion und Logistik im Takt halten

Der Bierabsatz ist im vergangenen Jahr nicht nur in Deutschland auf ein Rekordtief gesunken. Brauereien im Freistaat verkauften 2025 laut Bayerischem Landesamt für Statistik (LfStat) im Vergleich zu 2024 auch 8,4 Prozent weniger ins Ausland. Am stärksten traf es Drittländer außerhalb der EU mit Einbußen um fast ein Fünftel. Weihenstephan hat einen großen Exportanteil, den Büche mit ungefähr 70 Prozent angibt. Rund die Hälfte davon verlädt die Staatsbrauerei für den Kombinierten Verkehr Schiene/Seeschiff als Container, die in München-Riem per Bahn Richtung Süden oder Norden in die Häfen rausgehen. „Irgendwo auf der Welt ist immer Saison“, sagt der Exportlogistikleiter mit einem Augenzwinkern.

In das Umschlaglager von Weihenstephan in Freising passen maximal 35.000 Hektoliter Bier. (Foto: Christian Schranner / Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan)

Für Büche besteht die Kunst in der Brauerei darin, dass Produktionsplanung und Logistik eng zusammenarbeiten. Brauereien verkaufen Ex-Works und stellen die Ware im Werk an der Rampe bereit. Kunden organisieren die Abholung selbst, Importeure im Ausland zusätzlich zum Transport auch die Verzollung. In den Monaten Mai bis Juli ist der Bierabsatz nach LfStat-Angaben bei allen 588 Brauereien im Freistaat am höchsten. Während der Saison fahren jetzt auf dem Hof des Logistikzentrums von Weihenstephan täglich bis zu 50 Lkw ein und aus. 30 entfallen auf Abholer, 20 auf den betriebseigenen Shuttle zur 7 Kilometer entfernten Produktionsstätte auf dem Universitätsgelände von Freising.

Puffer für dreieinhalb Wochen

Im Jahr 2019 hatte die Staatsbrauerei auf 10.700 Quadratmetern zwischen Autobahn und Stadt ein neues Logistikzentrum eröffnet. Gemeinsam mit Büche war Logistikleiter Stefan Bachmaier maßgeblich an Planung und Bau beteiligt. „Wir haben jetzt den gesamten Prozess von der Rohstoffanlieferung bis hin zur Abholung an der Rampe selbst in der Hand“, betont er. Bachmaier zufolge befinden sich in dem Umschlaglager bis zu 35.000 Hektoliter Bier auf Paletten, in Trägern oder Fässern, außerdem Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe. „Wir haben hier lastzügeweise Kronkorken und über 800 Paletten Kartonagen“, gibt er Beispiele. Ausgehend von 480.000 Hektoliter Bier, die Weihenstephan im vergangenen Jahr verkaufte, verlädt Bachmaier mit seinem Team pro Woche im Schnitt 9.600 Hektoliter: „Das bedeutet, dass unser Lagerbestand ungefähr dreieinhalb Wochen ausreicht.“

Seit 2019 betreibt die Staatsbrauerei auf 10.700 Quadratmetern ein Logistikzentrum. (Foto: Bayerische Staatsbrauerei Weihenstephan)

Die Freisinger produzieren die bestellten Produkte kundenspezifisch innerhalb von drei bis vier Wochen, das Logistikteam „verheiratet einen Auftrag mit einer Spur“, wie Bachmeier erklärt. „Wir sammeln die verschiedenen Paletten, Fässer und Flaschen bei uns in einem bestimmten Bereich.“ Spätestens am Tag der Verladung steht die komplette Bestellung inklusive Werbematerialien wie Sonnenschirmen, Gläsern oder T-Shirts zur Verladung bereit. Geschultes Personal kümmert sich um die Ladungssicherung. Das Logistikzentrum hat 20 Mitarbeitende – plus neun Fahrer. Denn die Staatsbrauerei verfügt über einen eigenen kleinen Fuhrpark mit zwei Sattelzugmaschinen für den Shuttle zur Brauerei sowie drei Solo-Lkw, die Gastronomie und Getränkemärkte in Südbayern beliefern.

Ein E-Lkw pendelt zwischen Brauerei und Logistikzentrum und legt dabei täglich bis zu 130 Kilometer zurück. „Während des Be- und Entladens lässt sich das Fahrzeug tagsüber mit Sonnenenergie aufladen, so dass wir keinen Netzstrom brauchen“, sagt Bachmaier. Inzwischen sind in der Logistikhalle auch sechs Elektrostapler neben zwei älteren Gasstaplern im Einsatz. Seit Ende 2023 befindet sich auf dem Dach eine 380.000-Kilowatt-Photovoltaikanlage, vorigen Monat kam ein Stromspeicher hinzu: „Wir wollen dann auch die Elektrostapler so laden, dass wir möglichst keine Lastspitzen haben.“

Die Weißbierbrauerei verlädt am oberbayerischen Firmensitz jährlich circa 11.000 bis 12.000 Lkw. (Foto: Erdinger Weißbräu)

Erdinger: Fuhrpark für Kernmarkt Bayern

Deutschland- oder Europa-Verkehre organisieren Kunden üblicherweise mit Teil- und Komplettladungsverkehr, auch bei Erdinger Weißbräu. Die 140 Jahre alte Privatbrauerei befindet sich im nördlichen Münchner Speckgürtel und beliefert einzelne Kundengruppen mit langjährigen regionalen Transportpartnern wie Fürmetz Logistik aus Taufkirchen oder Sirl Interaktive Logistik aus Unterschleißheim.

Getränkemärkte und Gaststätten werden im Nahverkehr auch mit dem Eigenfuhrpark beliefert: „Wir wollen die Nähe zu den Kunden pflegen, indem wir als Aushängeschild für unsere Brauerei vor Ort eigene Lkw mit eigenen Bierfahrern einsetzen, die Anregungen für die Disposition mitnehmen können“, sagt Logistikleiter Martin Hörner. Für den Kernmarkt Bayern betreibt Erdinger sechs Lkw – Zugmaschinen und Gliederzüge mit Getränkeaufbau und Klappbordwand.

Dreischichtbetrieb in der Logistik

Der Kernmarkt liegt allerdings nicht in Hörners direkter Verantwortung. Sein Aufgabenbereich umfasst die Selbstabholer- und Leergutlogistik, Lagerung, Kommissionierung sowie Verladung auf Kunden-Lkw. 60 Personen arbeiten am Firmensitz im Dreischichtbetrieb in der Logistik, für eine zügige Be- und Entladung der Kundenfahrzeuge sind Stapler mit 8 Tonnen Tragfähigkeit im Einsatz. „Wir verladen pro Jahr circa 11.000 bis 12.000 Lkw“, sagt Hörner. Die übliche Vorlaufzeit gibt er mit 24 bis 48 Stunden an. Es komme auch vor, dass ein Kunde anruft, der mit einem leeren Lkw in der Nähe ist und spontan 30 Paletten abholen möchte. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Biertransportmarkt individueller und flexibler wird.“

Von der altbayerischen Herzogstadt aus beliefert die Weißbierbrauerei in Familienbesitz mehr als 100 Länder. Um die Qualität sicherzustellen, gibt es dem Logistikleiter zufolge keine anderen externen Verteilzentren oder Abfüllbetriebe: „Den Gärprozess, der ein Qualitätsmerkmal unseres Produkts ist, möchten wir nicht durch externe Einflüsse verkürzen.“ Um die Reifezeit einzuhalten, betreibt Erdinger Weißbräu ein temperiertes Hochregallager mit 22.000 Palettenplätzen.

Automatisierung und Robotik stecken in der Getränkebranche noch in den Kinderschuhen. Bei Erdinger gibt es laut Hörner „sehr viele manuelle Prozesse“, die aber auf den Prüfstand kommen. Er sieht erste gute Ansätze, zum Beispiel könnten Roboter für die Kastenkommissionierung eingesetzt werden. „Vielversprechend“ findet er auch Automatisierungsprojekte bei den Staplerherstellern.

„Wir nehmen deutlich wahr, dass die Bevorratung bei unseren Kunden abnimmt“, fügt er hinzu. Getränkefachgroßhändler oder Getränkemärkte würden ihre Lagerbestände weiter reduzieren und Ware „situativ abrufen“, so dass die Bierlogistik immer „flexibler und agiler“ werden müsse: „Dafür brauchen wir künftig automatisierte, digitale Prozesse, die wir mittlerweile mit unseren Partnern und unserer aktuellen Plattform SAP S/4 Hana angehen.“

Fremdflaschen als Kostentreiber

Das Sortierzentrum für Leergut läuft bereits über robotergestützte Prozesse. „Wenn ein Kunde 30 Paletten Vollgut abholt, bringt er im besten Fall 64 Paletten Leergut zu unserem Standort zurück“, sagt Hörner. Darunter befinden sich immer mehr Individualflaschen von unterschiedlichen Abfüllbetrieben. „Das führt dazu, dass bei uns viele Fremdflaschen ankommen, die wir nicht verwenden können“, sagt der Logistikleiter. Die Distribution muss Fremdflaschen mit „hohem finanziellem Aufwand“ gegen sogenannte Gutflaschen tauschen. Auf den Mehrkosten bleibt die Brauerei sitzen, letztlich fließe das „in die Gesamtkostenbetrachtung mit ein“, fügt Hörner hinzu.

Um die Abfüllung garantieren zu können, speist die Brauerei in das Mehrwegsystem auch regelmäßig Neuglas ein. Trotz Robotik im Sortierzentrum ist der Personalaufwand hoch – angefangen bei Staplerfahrern, die Fremdgebinde separat lagern und verladen müssen. Aufwendig ist auch der Transport inklusive Beauftragung, Rechnungsprüfung, Konditionsverhandlungen. Er gibt Beispiele: „Laderaum einkaufen, um das Mehrwegsystem am Laufen zu halten, oder regelmäßige Absprachen mit Flaschentauschern, um die Tauschintervalle wöchentlich abzustimmen.“

Das größte Oktoberfest in den USA startet am 17. September in Cincinnati (Ohio). Derweil kurbeln sonniges Wetter und die Fußball-WM in Nordamerika das Geschäft an – wie stark, hängt allerdings auch vom Erfolg der Nationalmannschaft ab. So oder so erwartet der Deutsche Brauer-Bund aber ein weiteres schwieriges Jahr für die Hersteller. „2026 wird für uns ein sehr hartes Jahr werden, eine Entspannung ist nicht in Sicht“, sagte Hauptgeschäftsführer Holger Eichele zum Tag des Deutschen Bieres, der auf das am 23. April 1516 erlassene Reinheitsgebot zurückgeht. (cs)

Ihr Feedback
Teilen
Drucken

Sie sind noch kein Abonnent?

Testen Sie DVZ, DVZ-Brief oder DVZ plus 4 Wochen im Probeabo und überzeugen Sie sich von unserem umfassenden Informationsangebot.

  • Online Zugang
  • Täglicher Newsletter
  • Wöchentliches E-paper

 

Zum Probeabo

Jetzt 4 Wochen kostenlos testen

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Sie sind noch kein Abonnent?

Testen Sie DVZ, DVZ-Brief oder DVZ plus 4 Wochen im Probeabo und überzeugen Sie sich von unserem umfassenden Informationsangebot.

  • Online Zugang
  • Täglicher Newsletter
  • Wöchentliches E-paper

 

Zum Probeabo

Jetzt 4 Wochen kostenlos testen

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Nach oben