Rotes Meer: Verlader finden Zuschläge der Reeder für Krise zu hoch
Die verladende Wirtschaft findet die diversen Zuschläge, die Schiffsbetreiber für Fahrten zwischen Asien und Europa wegen der Gefahren im Roten Meer erheben, zu hoch. „Wir verstehen, dass längere Routen höhere Kosten verursachen“, sagt Godfried Smit, Generalsekretär des europäischen Verladerverbandes ESC. „Unserer Ansicht nach gibt es aber eine Überkompensation“. Zuschläge sollten nur die zusätzlichen Kosten abdecken. Alles, was darüber hinausgehe, schade der europäischen Wirtschaft.
Gespräche mit den internationalen und europäischen Schiffseignerverbänden World Shipping Council (WSC) und ECSA über Struktur und Höhe der Zuschläge hätten noch nicht zu Ergebnissen geführt, sagt Smit. Der ESC bemühe sich jetzt um Gespräche mit großen Linienreedereien. Die Verlader wünschen sich eine genaue Überwachung der Marktentwicklung, auch durch die EU-Kommission.
EU-Kommission gibt sich zurückhaltend
Diese hat offenbar nicht vor, demnächst zu intervenieren. In Krisen werde die Kommission oft aufgefordert, stärker in Märkte einzugreifen, sagt Annika Kroon, die in der Generaldirektion Verkehr der Kommission das Referat für Seeverkehr und Logistik leitet. Das sei aber ein „extremer“ Schritt.
Sie verweist auf Bemühungen, die Handelsschifffahrt im Roten Meer vor den Angriffen der Huthi zu schützen, etwa durch die EU-Mission „Aspides“. Gespräche mit den betroffenen Anrainerstaaten seien „ebenso wichtig“. Den jüngsten Daten von Clarksons SIN zufolge, mieden einige Schiffstypen das Rote Meer inzwischen vollständig, sagt Kroon. Gegenüber der ersten Dezemberhälfte sei das Verkehrsvolumen wie folgt zurückgegangen:
- Containerschiffe: minus 91 Prozent
- Rohöltanker: minus 31 Prozent
- Andere Tankschiffe: minus 58 Prozent
- Bulk Carrier: minus 37 Prozent
- LNG-Gastanker: minus 100 Prozent
- LPG-Gastanker: minus 90 Prozent
- Autotransporter: minus 100 Prozent
In den vergangenen Wochen hätten auch Rohöltanker und Bulk Carrier zunehmend die Route um das Kap der Guten Hoffnung gewählt. Laut Kroon ist die Lage nicht mit der Covid-Pandemie vergleichbar. Die Transportpreise seien nicht so stark wie damals gestiegen, es gebe nach Kenntnis der EU-Kommission keine generelle Kapazitätsknappheit und deshalb immer noch Spielraum, über Preise zu verhandeln. In manchen Sektoren sei das anders, etwa beim Automobiltransport. Hier fehlten zusätzliche Kapazitäten.
Selbst wenn es gelinge, die Sicherheitslage im Roten Meer zu verbessern, erwarte die Branche, dass es eine Weile dauern wird, bevor die Reedereien wieder zu den üblichen Routen zurückkehren, sagt Kroon.

