Wie Automatisierung Jobs im Lager verändert – und Gebäude gleich mit

Förderbänder surren, autonome Fahrzeuge gleiten leise zwischen meterhohen Regalen hindurch. Nur vereinzelt stehen Menschen an den Packstationen, kontrollieren Bildschirme oder greifen dort ein, wo die Technik an ihre Grenzen stößt. „Die Automatisierung in Logistikimmobilien kommt nicht primär, weil sie billiger wäre, sondern weil seit Jahren kaum noch Personal zu finden ist, das in der Logistik arbeiten will – trotz Bezahlung über dem Mindestlohn“, sagt Raimund Paetzmann, Geschäftsführer des in Berlin ansässigen Logistikberatungsunternehmens Logivalue.
Die zunehmende Automatisierung verändert die Arbeitswelt spürbar; komplett auf Arbeitskräfte zu verzichten, ist aber nicht möglich. Zwar wird die Zahl der Beschäftigten in vielen Bereichen geringer, gleichzeitig verschiebt sich das Anforderungsprofil deutlich: „Anstelle einfacher Tätigkeiten sind zunehmend hochqualifizierte Fachkräfte gefragt, etwa aus der IT oder im Bereich der Systemsteuerung und Prozessüberwachung“, sagt Nikolaos Tsiberidis, Geschäftsführer der Müller – Die lila Logistik. Menschliche Arbeit bleibe insbesondere dort unentbehrlich, wo komplexe Entscheidungen, die Wartung der Anlagen oder das Eingreifen bei Störungen erforderlich sind.
Automatisierung reduziert die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt. Raimund Paetzmann, Geschäftsführer Logivalue
Arbeitsplätze werden aufgewertet
Aus Sicht von DHL Supply Chain etwa zeigt sich, dass Beschäftigung insgesamt stabil bleibt oder sogar wächst, während parallel neue Technologien eingeführt werden. „Gleichzeitig werden Arbeitsplätze durch den Einsatz von Robotik und digitalen Systemen aufgewertet“, erläutert Tim Tetzlaff, Global Head of Digital Transformation DHL Supply Chain. „Technisch gesehen entfaltet Automatisierung vor allem bei standardisierten Warenbewegungen ihr volles Potenzial – etwa bei Gebinden, die in Größe und Gewicht weitgehend homogen sind“, ergänzt Tsiberidis. Den entscheidenden Vorteil von Automatisierung bilden hingegen Effizienzgewinne: Systeme arbeiten schnell, präzise und durchgehend im 24/7-Betrieb – unabhängig von Urlaub, Krankheit oder Schichtarbeit.
Und was bedeutet Automatisierung für die Logistikimmobilie selbst? „Nimmt sie zu, steigen die technischen Anforderungen an die Gebäude deutlich“, sagt Tetzlaff. Besonders relevant seien präzise ausgeführte, glatte und ebene Betonböden, die eine zuverlässige Navigation von fahrerlosen Transportsystemen und Robotern ermöglichen. Gleichzeitig müssen Hallen hinsichtlich Höhe und Struktur so ausgelegt sein, dass automatisierte Lagersysteme zweckmäßig integriert werden können.
„Heute definiert die Automatisierung die Immobilie – nicht mehr umgekehrt“, betont Philipp Striebel, Vizepräsident Zentraleuropa bei Autostore, einem Entwickler von Robotik und Software. Wer neu baut, plant zuerst die Prozesse und die passende Technologie und richtet danach Hallenhöhe, Bodentraglast und Energieversorgung aus. „Das spart Kosten und vermeidet Überdimensionierung“, sagt er. Mit wachsendem Automatisierungsgrad steigen die Anforderungen an die Dateninfrastruktur, weil immer mehr Prozesse in Echtzeit gesteuert werden. Auch seien die meisten bestehenden Logistikimmobilien automatisierungsfähig. „Rund drei Viertel aller Autostore-Systeme werden im Brownfield-Segment realisiert“, sagt Striebel. Die Systeme können um Hindernisse wie Säulen, Rohre und Wände herum geplant werden.
Auch für KMU realisierbar
„Bei DHL Supply Chain sind inzwischen nahezu alle Standorte weltweit mit der einen oder anderen Form von Automatisierung oder technologischer Innovation in Berührung gekommen“, bestätigt Tetzlaff. Je breiter Technologien eingesetzt werden und je höher die Auslastung ist, desto wirtschaftlicher werden sie. Mit zunehmender Verbreitung, Standardisierung und technologischer Reife sinken die Eintrittshürden. „Das führt dazu, dass Automatisierung schrittweise auch für kleinere und mittelständische Anbieter wirtschaftlich attraktiv wird“, beschreibt Tetzlaff.
„Investoren achten zunehmend darauf, dass Immobilien flexibel genutzt werden können“, sagt Joachim Kieninger, Director Strategic Business Development des Technologieunternehmens Element Logic Germany, das sich auf Lagerautomatisierung spezialisiert hat. Dies führe zu standardisierten und modularisierten Gebäudekonzepten sowie Automatisierungs- und Robotiklösungen, die sich skalierbar und flexibel an sich ändernde Anforderungen anpassen lassen. „Damit können sowohl Großunternehmen als auch mittelständische Betreiber wirtschaftlich attraktiv automatisieren und sich so Wettbewerbsvorteile sichern“, fügt er hinzu.
Gleichzeitig gebe es Unterschiede in der Tiefe der Automatisierung: Während sich viele Technologien flexibel nachrüsten lassen, stoßen hochautomatisierte Systeme in bestehenden Strukturen teilweise an Grenzen – etwa bei Energieversorgung, Gebäudegeometrie oder Dateninfrastruktur. Künftig wird sich eine Mischung aus modernisierten Bestandsimmobilien und speziell auf Automatisierung ausgelegten Neubauten etablieren.
Logistikimmobilien bleiben systemrelevant, sind sich die Experten einig. Sie stellen die Versorgung von Industrie und Bevölkerung mit notwendigen Produkten des täglichen Bedarfs sicher. „Automatisierung ist also vor allem eine Strategie zur Standort- und Betriebssicherung und reduziert die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt“, sagt Paetzmann. „Die Logistikbranche wird weiterhin Arbeitsplätze schaffen – künftig jedoch häufiger qualifiziertere.“ (tof)
Anm. d. Red.: Diese Artikel erschien erstmals am 27. Mai 2026. Anlässlich der BVL Supply Chain CX im Oktober spielen wir den Beitrag mit dem aktuellen Veranstaltungshinweis noch einmal aus.


