Ein Praktiker verlässt die Logistikbühne

Klaus-Michael Kühne hatte ein uneitles Bild von sich selbst. Er sei keine Legende, sagte er einmal im Interview auf dem Roten Sofa der DVZ. „Wenn Sie das noch einmal sagen, bekommen Sie eine ernsthafte Verwarnung, wenn nicht sogar die Rote Karte“, scherzte der HSV-Investor. Er fühle sich nicht als Legende und möchte auch nie eine werden. Er sei ein normaler Mensch und „Praktiker“.
Dieser Praktiker blickte stets offen auf technologische und globale Veränderungen, ohne ihnen blind zu vertrauen. Er betrachtete Wandel und Transformation mit Gelassenheit. Kühne verstand Fortschritt weniger als radikalen Bruch, sondern vielmehr als konsequente Fortsetzung einer langen technischen und wirtschaftlichen Entwicklung. So lässt sich das, was der Manager 2017 über die Digitalisierung gesagt hat, heute auf Künstliche Intelligenz übertragen. Sie habe „uns alle erfasst“ und werde sich weiter ausbreiten, wobei der Entwicklungsstand in den Unternehmen sehr unterschiedlich sei. Die heutigen technologischen Möglichkeiten führten zu „gewaltigen Veränderungen in den Prozessen und im gesamten Ablauf“. Und das beschränke sich nicht auf die Logistik, sondern betreffe den Alltag aller Menschen.
Bemerkenswert in dem Zusammenhang ist, wie schnell sich die digitale Transformation bei Kühnes persönlichem Medienkonsum vollzogen hat. Im Oktober 2017 bekannte er sich noch zu seinen konservativen Lesegewohnheiten: Er lese lieber eine Zeitung auf Papier, blättere darin und suche sich selbst aus, was ihn interessiere, statt sich online durch Inhalte zu klicken. Nur wenige Monate später, im Februar 2018, beschrieb er sich bereits deutlich digitaler: Informationen auf dem Mobiltelefon zu konsumieren, sei ihm „in Fleisch und Blut übergegangen“.
Wirtschaftspolitisch war Kühne ein überzeugter Internationalist. „Ich bin ein großer Anhänger der Globalisierung“, sagte er. Die Welt sei inzwischen so eng zusammengewachsen, dass sich keine scharfen Trennlinien mehr ziehen ließen. Doch Kühne war kein blauäugiger Optimist. Die geopolitische Zuspitzung der vergangenen Jahre ist auch an seinem Unternehmen nicht vorbeigegangen. Er war überzeugt, dass die globalen Wirtschaftsbeziehungen effizienter werden. Ob dadurch auch die Welt eine bessere werde, ließ er hingegen offen. Es war sein nüchterner Blick auf das Geschehen, der langfristig die Basis für seinen Geschäftserfolg bildete. In seinem Leben habe er viele Aufs und Abs, Rückschläge und überraschende Entwicklungen erlebt. Doch es ging immer weiter und oft kam es am Ende nicht so schlimm, wie zunächst vorhergesagt.
Scheu vor dem Umgang mit Krisen hatte Kühne nicht. Deutlich wird das an seinem Engagement für die humanitäre Logistik. Seine Stiftung unterstützt Hilfsorganisationen unter anderem in Afrika, im Nahen Osten und in Südostasien. Sie berät Nichtregierungsorganisationen, denen es häufig an logistischem Know-how fehlt, um Hilfsgüter in Krisensituationen schnell zu den betroffenen Menschen zu bringen. Kühne hat den enormen Bedarf in diesem Bereich erkannt. Gerade in Afrika zeigt sich die Bedeutung einer funktionierenden Logistik für die humanitäre Hilfe. Dass einer der weltweit größten Logistikdienstleister sein Wissen geteilt hat, brachte die Arbeit der Hilfsorganisationen enorm voran. Kühne appellierte deshalb an die Unternehmen der Branche, sich diesem Thema stärker und konzentrierter zu widmen.
Seine Stiftung finanziert zudem Lehrstühle und unterstützt Hochschulen. Kühne war klar, dass auf allen Ebenen mehr qualifizierte Arbeitskräfte benötigt werden. Mit der Kühne Logistics University in der Hafencity in Hamburg hat er eine spezialisierte Hochschule ins Leben gerufen, die Bachelor- und Masterstudiengänge anbietet und Studierende aus vielen Ländern anzieht.
Kühne und sein Lebenswerk sind eine Botschaft für die Logistikwirtschaft. Sie lautet: Die Branche muss sich wandeln und darf dabei nicht vergessen, wofür ihre Fähigkeiten gebraucht werden – für eine funktionierende Wirtschaft, für qualifizierte Menschen und im besten Fall für konkrete Hilfe in einer krisenhaften Welt.
Klaus-Michael Kühne ist in der Nacht zum 24. August im Alter von 89 Jahren verstorben. Er hinterlässt seine Frau Christine Kühne. (cs)
Noch mehr zum Tod von Klaus-Michael Kühne lesen Sie in der kommenden Ausgabe der DVZ.



