Die Logistik bei Thomann: Gut gestimmt ist halb versandt

Der Weg von Bamberg nach Treppendorf führt vorbei an Wiesen, Wäldern, Höfen und Teichen. Inmitten dieser ländlichen Idylle befindet sich ein weitläufiges Logistikareal mit Hallen, Lkw-Verladerampen und hochautomatisierter Fördertechnik. Hier arbeiten mehr als 1.800 Menschen. Treppendorf ist die Heimat von Thomann, dem weltweit größten Musikinstrumentenhändler. Dass aus einem kleinen Familienbetrieb ein Global Player wurde, liegt unter anderem an einer Logistik, die zu den modernsten im europäischen Onlinehandel zählt.
„Zunächst war mein Traum, Marktführer zu werden – erst in Franken, dann in Bayern und schließlich in Deutschland. Und das geht natürlich nicht ohne Logistik“, sagt Hans Thomann, Inhaber und Geschäftsführer des Unternehmens. Sein Vater hatte das Musikgeschäft 1954 gegründet. Der Sohn übernahm das Unternehmen mit 28 Jahren und begann zu expandieren. Heute verschickt Thomann jährlich rund 7 Millionen Sendungen in 162 Länder, importiert mehr als 3.800 Container pro Jahr und verwaltet ein Sortiment von 120.000 Artikeln sowie 150.000 Ersatzteilen. Im Geschäftsjahr 2024 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von rund 1,53 Milliarden Euro.
Schritt für Schritt entstand in dem fränkischen Ort ein eng verzahntes System aus Hochregallagern, automatisierten Kleinteilelagern, Shuttlesystemen, Sortieranlagen und Fördertechnik. Die Logistik ist heute so groß wie ein mittelständischer Industriebetrieb und muss so präzise laufen wie ein Metronom.
Deshalb stehen stabile Prozesse im Mittelpunkt der Logistik, nicht Expansion um jeden Preis. „Wir investieren jedes Jahr rund 10 Millionen Euro in die Logistik“, sagt Maximilian Molkenthin, Chief Logistics Officer (CLO) bei Thomann. Dabei geht es nicht nur um Neubauten, sondern vor allem um Modernisierungen im laufenden Betrieb. Der Standort wächst organisch: So wurde 2023 das Speditionslager erweitert und das sogenannte Logistics Headquarters geschaffen, in dem alle Bereiche unter einem Dach gebündelt sind. Inzwischen stehen in Treppendorf rund 100.000 Palettenstellplätze bereit.
Anfang 2026 sollen eine weitere Sortieranlage sowie eine neue Verpackungs- und Etikettierlinie in Betrieb gehen. Letztere soll die Leistung im Versand verdoppeln. „In der Intralogistik legen wir den Fokus auf Performance und Output“, sagt Molkenthin. Die Systeme stammen von TGW, einem Partner, mit dem Thomann seit mehr als 15 Jahren zusammenarbeitet. „Wir haben uns für TGW entschieden, als wir 2010 beschlossen haben, die Logistik stärker zu automatisieren. In diesem Zuge haben wir den ersten Sorter sowie ein automatisches Kleinteilelager und Palettenlager gebaut“, berichtet Hans Thomann.
Die 83.500 Quadratmeter große Logistikfläche verteilt sich auf drei Hochregallager, manuelle Bereiche und Spezialzonen für sperrige Güter. Für Kleinteile stehen automatisierte Systeme mit rund 250.000 Behältern bereit. Zusätzlich gibt es ein 7.000 Quadratmeter großes Speditionslager, in dem unter anderem Klaviere, Traversen und Lichttechnik gelagert werden. Die Flächen werden dynamisch genutzt. Im Weihnachtsgeschäft dominieren großvolumige Artikel wie Digitalpianos, im Sommer hingegen viel Veranstaltungstechnik.
In der Logistik sind rund 700 bis 750 Festangestellte beschäftigt, die im Hochbetrieb durch Saisonkräfte unterstützt werden. Dann läuft der Betrieb im Dreischichtsystem. Täglich verlassen 30.000 bis 40.000 Kundenaufträge das Lager. „96 Prozent aller Sendungen werden konsolidiert verschickt“, betont Hans Thomann. „Das spart CO2, ist bequemer für den Kunden und effizienter für uns.“
Ein typischer Thomann-Auftrag besteht im Durchschnitt aus fünf Positionen. Das könnten beispielsweise folgende Artikel sein: Gitarre, Gurt, Tasche, Kabel und Bodeneffektgerät. Die Artikel liegen in unterschiedlichen Lagerzonen und müssen gleichzeitig an einem Packplatz eintreffen. „Der Auftrag wird in die verschiedenen Lagerbereiche verteilt“, erklärt Peter Bogensperger, der die operative Logistik verantwortet. „Automatische und manuelle Systeme arbeiten parallel und führen die Artikel an den Packtischen wieder zusammen.“
Dort werden die Artikel gescannt, verpackt, gewogen und etikettiert. Die durchschnittliche Durchlaufzeit von der Auftragserfassung bis zum Status „versandfertig“ beträgt 18 Minuten. Bevor eine Sendung den Versandbereich verlässt, wird sie fotografiert und gewogen. Für empfindliche Instrumente gelten zusätzliche Regeln. „Wenn eine Posaune zwölf Monate lang gelagert wurde, lassen wir sie kontrollieren, da das Öl harzen oder die Dichtungen austrocknen können“, sagt Bogensperger. Thomann beschäftigt zahlreiche Facharbeiter, darunter viele Instrumentenbauer, die die Ware prüfen und veredeln, bevor sie versandt wird.
So werden Klaviere vor dem Versand gestimmt, Saiten auf Gitarren, Bässen und Streichern neu aufgezogen, Instrumente poliert und eingestellt. Diese Endkontrolle und Feinabstimmung sind fester Bestandteil des Prozesses. „Ich habe fast 30 Mitarbeiter, die nur dafür zuständig sind“, stellt Hans Thomann fest. Dieser Service ist ihm sehr wichtig. Denn er spielt selbst Instrumente – Bariton, Klavier, Schlagzeug – und weiß daher, worauf Musiker Wert legen.
Eine Software errechnet die geeignete Kartongröße für die Verpackung. Dafür sind rund 30 Standardmaße hinterlegt. „Unser Grundziel ist es, pro Auftrag möglichst ein Paket zu verwenden“, betont Bogensperger. Empfindliche Produkte werden zusätzlich mit Papierpolstern geschützt.
Abweichungen von der errechneten Paketgröße werden dokumentiert und im Team besprochen, um den Materialverbrauch und die Frachtkosten zu optimieren. „Wir versuchen, unter den Sperrgutgrenzen zu bleiben und keine Luft zu verschicken“, sagt der Logistiker. Dabei gebe es allerdings immer noch Verbesserungspotenzial, vor allem im Massengeschäft, ergänzt Molkenthin. Thomann hat Rahmenverträge mit den gängigen Versanddienstleistern wie DHL, UPS und Fedex. Die Auswahl richtet sich nach Zielland, Gewicht und Serviceanforderung.
Eigene Produktlinien
Das Unternehmen erzielt etwa 20 Prozent seines Umsatzes mit Eigenmarken, die einen Großteil der Gesamtmarge ausmachen. Vieles wird in Asien produziert. „Wenn ‚Made in Germany‘ oder Europa möglich ist, machen wir es“, sagt Hans Thomann. „Aber wir bekommen die Kapazitäten hier oft nicht.“
Die Qualitätssicherung ist sowohl bei den eigenen Produkten als auch bei denen der Markenhersteller ein zentrales Anliegen des Instrumentenhändlers. Denn viele Produkte sind sehr empfindlich. „Wir haben 70 Mitarbeiter allein in der Qualitätskontrolle. Jedes handgefertigte Instrument – egal, ob Querflöte, Saxofon, Gitarre oder Bass – wird geprüft. Außerdem können Kunden uns defekte Instrumente zur Reparatur senden. Über 80 Prozent dieser Aufträge erledigt das Unternehmen innerhalb von 24 Stunden.“
Das 6.000 Quadratmeter große Servicecenter für Wartung, Reparaturen und Kundenservice in Treppendorf besteht aus vier Gebäudekomplexen. Viele der dort Beschäftigten sind nicht nur Instrumentenbauer, sondern auch selbst Musikerinnen und Musiker. Das sorgt, wie Hans Thomann betont, für Motivation und Fachwissen zugleich. Hinzu komme noch eine weitere Eigenschaft: „Musiker können zuhören. Das prägt das Miteinander im Unternehmen und mit den Kunden.“
Die bestellen auch schon mal Instrumente, Effektgeräte oder Audio-Equipment, um es auszuprobieren. Wenn es dann doch nicht den persönlichen Vorlieben entspricht, wird es zurückgeschickt. Thomann bietet eine 30-tägige Geld-zurück-Garantie. Die Waren sollten allerdings noch nicht mehrere Bühneneinsätze hinter sich haben.
Die Retourenquote variiert je nach Produktkategorie und liegt im unteren einstelligen Prozentbereich. Dies ist zum einen der gründlichen Qualitätskontrolle und zum anderen der Webseite mit umfangreichen Produktinformationen, Videos und Hörbeispielen zu verdanken. Grundsätzlich werden Rücksendungen in zwei Prozessströme unterteilt: Reparaturen gehen direkt in die Fachwerkstätten und reguläre Retouren in die Wiedereinlagerung. „Bei Money-back-Rücksendungen prüfen wir Karton und Artikel. Wenn alles in Ordnung ist, lagern wir sie innerhalb von drei bis vier Stunden wieder ein“, sagt Bogensperger. Artikel mit leichten Gebrauchsspuren werden aufbereitet und als B-Ware oder – wesentlich seltener – als C-Ware verkauft.
Zentrales Element der Bestandsüberwachung ist das Warenwirtschaftssystem. Darüber findet eine permanente Inventur statt. Hochwertige und schnell drehende Artikel werden dabei häufiger kontrolliert. „Wir haben keine Tagesinventur, sondern eine laufende Inventur mit Prioritäten“, erklärt der Logistiker. Über Minimal- und Maximalbestände werden Nachbestellungen automatisch ausgelöst. Bei Artikeln, die neu in den Bestand aufgenommen werden, prüft Thomann eigenständig alle Artikelmaße und -gewichte. „Wir übernehmen zwar teilweise Daten vom Hersteller, aber wir messen alles nach – auch Karton und Verpackung“, betont Bogensperger.
Die im täglichen Betrieb anfallenden Daten nutzt Thomann, um die Digitalisierung der Logistik voranzutreiben. Ein eigenes Datenteam arbeitet an Anwendungen auf Basis künstlicher Intelligenz, die Lager- und Versandprozesse künftig effizienter steuern und weiter beschleunigen sollen.
Nachhaltigkeit und Energie
Umweltschonende Gebäudetechnik spielt in Treppendorf ebenfalls eine Rolle, auch wenn Thomann sie selten offensiv vermarktet. „Wir machen relativ viel im Bereich Nachhaltigkeit, aber wir reden gar nicht so viel darüber“, sagt Molkenthin. Der Standort wird durch ein Blockheizkraftwerk und großflächige Photovoltaikanlagen versorgt. Die Shuttleverkehre zu Paketdienst-Hubs werden schrittweise auf Biodiesel oder Elektromobilität umgestellt.
Trotz des globalen Aufstiegs des Unternehmens ist Hans Thomann bodenständig geblieben. „Jeder verdiente Euro bleibt in der Firma. Ich reinvestiere alles“, sagt er. Bei Problemen zögert er nicht lange, sondern handelt entschlossen. So auch im Jahr 2017, als die Umstellung einer Logistiksoftware nicht reibungslos verlief. Sechs Wochen lang konnte das Unternehmen infolgedessen so gut wie nichts versenden. Er brach eine Reise nach New York ab, um vor Ort an einer Lösung zu arbeiten. „Wir haben damals für 1,5 Millionen Euro Gutscheine verschickt, um die Kunden zu halten.“ Es sei eben die Logistik, von der letztendlich alles abhängt.
Von solchen Rückschlägen lässt sich Hans Thomann nicht aufhalten. In Treppendorf wird weitergebaut – sowohl an neuer Lagertechnik als auch am stationären Musikgeschäft, das 2027 fertiggestellt sein soll. Die Fläche legt von 5.000 auf rund 14.000 Quadratmeter zu. Neben Verkaufsflächen für alle Instrumentengattungen wird der Laden dann auch ein Museum mit historischen Instrumenten beherbergen.
Die Logistik ist und bleibt das Rückgrat des Geschäfts. „Bei uns gibt es mittlerweile Sendungen, die wir gar nicht mehr anfassen. Sie werden vom Lastwagen direkt ins automatische Lager gebracht, dort sortiert und automatisch wieder verladen. Das ist moderne Logistik“, sagt Hans Thomann. Treppendorf ist somit nicht nur ein idyllisches Dorf, sondern zugleich ein globaler Umschlagplatz für Musikinstrumente. Hier spielt ein großes Logistikorchester jeden Tag zusammen. Und Hans Thomann dirigiert.








