Feuerwerkslogistik: Monate Vorbereitung für Minuten

Rund 13 Millionen Deutsche kauften zum vergangenen Jahreswechsel Feuerwerk – mit 197 Millionen Euro ein Umsatzrekord für die Branche. Doch der Boom stellt Hersteller und Logistiker vor heikle Aufgaben.

Foto: Corri Seizinger / iStock

Nein, der Mönch Berthold Schwarz hat es nicht erfunden: Das Schwarzpulver trägt seinen Namen nach der Farbe. Erfunden haben es die Chinesen, die etwa seit dem 11. Jahrhundert Feuerpfeile für militärische Zwecke und für festliche Rituale nutzten. Bis heute versorgen sie beinahe die ganze Welt mit Böllern, Raketen und Feuerwerksbatterien. Das Zentrum der Produktion liegt in der Provinz Hunan im Süden das Landes, allein in der Stadt Liuyang stehen rund 900 Feuerwerksfabriken. Von hier treten jedes Jahr rund 60 Prozent aller chinesischen Feuerwerks- und Knallkörperexporte ihre Reise in alle Welt an.

Der lange Vorlauf

Ein Teil davon wird für Nico Feuerwerk mit Standorten in Berlin und Remscheid produziert, mit über hundert Jahren Erfahrung einer der größten Anbieter für Silvesterfeuerwerk. „Wir liefern in wenigen Wochen vor dem Jahresende mehr als 40.000 Paletten aus“, sagt Nicolas Kandler, der im Familienbetrieb für das Marketing zuständig ist und das Geschäft von der Knallerbse bis zur Batterie, von der Planung bis zur Retoure kennt.

Eine Besonderheit: Für die Hersteller beginnt die Saison mit einem Jahr Vorlauf bereits direkt nach Silvester: „Von Januar bis März planen und entwickeln wir neue Produkte. Im ersten Quartal 2025 also schon für den Jahreswechsel 2026/27.“ Dabei sind Neuerungen gefragt, denn beim traditionsreichen Feuerwerk verändern sich, wie auch in anderen Lebensbereichen, die Vorlieben. Deshalb feilen die Entwickler an der Lautstärke, der Flughöhe und besonderen Effekten. „Ein Riesenthema in den vergangenen Jahren war die Reduzierung von Plastik.“ Das kann heute – nicht nur bei Nico – durch recyceltes Papier ersetzt werden.

Zunächst werden die neuen Produkte auf einem firmeneigenen Gelände nahe Remscheid getestet – erst danach beginnen die Verhandlungen mit den chinesischen Produzenten. Im späten Frühjahr startet dann die Produktion in China, streng kontrolliert vom eigenen Büro vor Ort. Die rund 500 Container mit dem Feuerwerk für Nico sind danach noch sechs Wochen per Schiff unterwegs, bis sie nach und nach den Hamburger Hafen erreichen.

Die „magischen“ 21 Tage

Dort bleibt die Fracht nicht lange. Pyrotechnische Produkte fallen unter das Gefahrgutrecht und werden in Klasse 1 als Explosivstoffe und Produkte mit Explosivstoff eingestuft. Entsprechend streng sind die Vorschriften zur Lagerung – etwa bei den zulässigen Mengen, die von der Nettoexplosivstoffmasse abhängen.

Zuständig für die Überwachung in Hamburg ist die Behörde für Justiz und Verbraucherschutz. „Bei Kontrollen wurden in den vergangenen Jahren keine Verstöße gegen die genehmigten Lagerhöchstmengen festgestellt“, sagt Valerie Meister, stellvertretende Pressesprecherin. Wenn es Beanstandungen gibt, dann meist wegen fehlender Unterweisungsnachweise, versperrter Fluchtwege oder zu geringer Abstände bei der Blocklagerung. „Diese Mängel können in der Regel in kurzer Zeit oder noch während der Besichtigung beseitigt werden“, ergänzt sie.

Viele Importeure – wie auch Nico – greifen jedoch auf eine Sonderregelung zurück, um gar nicht erst in den Anwendungsbereich dieser Gefahrgutvorschriften zu gelangen: die sogenannte „Bereitstellung zum Transport“, die auf 21 Tage begrenzt ist. Denn für diesen Zeitraum gelten keine Mengenbeschränkungen. Die Container werden daher so rasch wie möglich in die eigenen Lager befördert. Dort wird die Ware kommissioniert.

Eine weitere Besonderheit gilt für „Ganzjahresprodukte“ wie Wunderkerzen und Knallerbsen, die als Gefahrgut der Unterklasse 1.4.S gelten und daher jederzeit ausgeliefert werden. Privatpersonen können diese stets kaufen, etwa für Hochzeiten und Geburtstage.

Die aufregenden drei Tage

Besonders herausfordernd im Vergleich zu anderen Geschäften sind für die Beteiligten die extrem kurzen Verkaufszeiten für Silvester-Feuerwerk der Unterklasse 1.4.G. Es darf nur in den letzten drei Werktagen des Jahres an die Endverbraucher abgegeben werden.

Angesichts des extrem kurzen Verkaufszeitraums muss jede Lieferung klappen. „Wir arbeiten hier mit verschiedenen Logistikdienstleistern zusammen“, berichtet Kandler. Gefragt sind dafür Gefahrgut-Spezialisten wie Hellmann und Schenker oder die Spedition Emons aus Köln. Dort betreut Kai Laudan als Gefahrgutbeauftragter seit 20 Jahren das Geschäft und beobachtet auch Veränderungen: „Wir gehören zu den wenigen, die heute noch Pyrotechnik fahren.“

Dabei achtet die Spedition darauf, unter den Mengengrenzen des europäischen Übereinkommens über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Straße (ADR) zu bleiben – so müssen keine explosionsgeschützten Fahrzeuge eingesetzt werden. Laudan erklärt: „Kleine Mengen dürfen außerdem versandt werden, ohne dass sie als Gefahrguttransport gekennzeichnet werden müssen.“

Diese Lösung funktioniert jedoch nur bei direkten Verkehren zuverlässig. Problematisch wird es, wenn bei gebrochenen Verkehren eine Wechselbrücke weitere solcher Versandstücke aufnimmt – dann kann die Mengengrenze schnell überschritten sein. In diesem Fall greift das vollständige Gefahrgutrecht, einschließlich der Zusammenladeverbote.

Damit hier nichts schiefgeht, verlässt sich Emons auf sein eigenes Netzwerk. Nochmals spannend für die Disposition wird es, weil nicht alle Verkaufsstellen ausreichend Lagermöglichkeiten haben, so dass innerhalb der drei Tage mitunter noch mal nachgeliefert werden muss. „Das macht die Logistik zum Jahresende zur echten Königsdisziplin“, sagt auch Kandler von Nico Feuerwerk.

Der kurze Nachlauf

Doch auch nach der Auslieferung der Silvesterware bleibt eine Herausforderung: die Retouren. Nicht alle Artikel werden im Handel verkauft – übrig gebliebene Bestände dürfen jedoch nicht einfach entsorgt werden, sondern müssen als Gefahrgut zurück ins Lager. Dabei steht weniger der Zeitdruck im Vordergrund als die sichere Verpackung. Häufig fehlt im Handel die Originalverpackung, so dass Ersatzkartons genutzt werden – im schlimmsten Fall eine leere Bananenkiste. Um solche Risiken zu vermeiden, investieren Hersteller und Logistiker in Informationsmaterial und Schulungen für Einzelhändler, damit auch die Transporte in den ersten Tagen des neuen Jahres sicher ablaufen. Während also die Raketen längst verglüht sind, läuft in der Logistik noch der Nachklang des Jahreswechsels. (cb/fh)

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