Zwischen Regulatorik und Rohstoffwettbewerb: Was Europas Batterierecycling bremst

Ausgediente Elektrobatterien sind gefährlicher Abfall und ihre Logistik ist eine Disziplin für Spezialisten. Gemeinsam bauen Fortum Battery Recycling und DHL Supply Chain eine europäische Sammel- und Transportinfrastruktur auf. Der Hochlauf lässt jedoch noch auf sich warten.

Die fachgerechte Demontage der Hochvoltbatterie erfolgt vor der Entladung. (Foto: Fortum)

Eine ausgediente Batterie ist kein gewöhnliches Transportgut. Wer das noch nicht verstanden hat, dem erklärt Frank Stumpf es. Der Geschäftsführer von Fortum Battery Recycling findet dafür ein plastisches Bild: „Wenn so eine Batterie bei uns auf dem Werktisch liegt, hat die 400 PS. Auf dem transportierenden Lkw stehen also 1.000 Pferde und mehr drauf. Die Fahrer sind es gewohnt, mit vielen Pferden umzugehen – aber es ist halt echt ein sehr gefährlicher Wertstoff.“ Diese Mischung aus Respekt vor der Technologie und nüchternem Pragmatismus zeichnet Stumpfs Analyse der Batterielogistik als Abfall in Europa aus. Und die fällt an einigen Stellen kritisch aus.

Trotz Recycling im Namen versteht sich Fortum hauptsächlich als Rohstoffproduzent. „Wir fühlen uns in erster Linie als Produktionsunternehmen für Nickel, Kobalt, Lithium und Mangan“, sagt Stumpf. Das Ziel bestehe darin, aus ausgedienten Lithium-Ionen-Batterien, die überwiegend aus der Elektromobilität stammen, genau diese Rohstoffe zurückzugewinnen. Das Herzstück des Unternehmens ist eine hydrometallurgische Anlage in Finnland, die seit 2023 in Betrieb ist. Sie ist die erste kommerzielle Anlage dieser Art in Europa und bereitet Black Mass, also das gemischte Elektrodenmaterial aus zerkleinerten Batterien, zu verwertbaren Rohstoffen auf. In Kirchardt in Baden-Württemberg betreibt Fortum zudem seit 2023 einen Standort, an dem Batterien entladen, demontiert und für den weiteren Prozess vorbereitet werden. Von dort aus werden auch Drittkapazitäten für das Schreddern genutzt, bevor die Black Mass zur Verarbeitung nach Finnland geht.

Fortum sammelt Batterien europaweit ein, mit besonderem Fokus auf die Beneluxländer, da die Elektromobilitätsquote dort mit am höchsten ist. Die eigentliche logistische Herausforderung besteht laut Stumpf dabei in der Konsolidierung, dem Transport und der grenzüberschreitenden Abwicklung dieses Materialflusses.

25 Länder, 25 Regelwerke

Zur Koordination dieser komplexen europäischen Logistik hat Fortum eine unbefristete Partnerschaft mit DHL Supply Chain geschlossen. Die Aufgabenteilung ist dabei klar: „Unsere Wertschöpfung liegt in Nickel und Kobalt und nicht in der Logistik“, stellt Stumpf klar. DHL übernimmt die Koordination der Abholungen bei OEMs oder Werkstätten und organisiert sogenannte Milkruns: Dabei fährt ein Fahrzeug mehrere Standorte nacheinander an, sammelt die Batterien ein und bringt sie zu regionalen Konsolidierungspunkten, bis genug Material für eine volle Lkw-Ladung nach Kirchardt zusammengekommen ist. Dazu gehören auch die notwendigen abfallrechtlichen Notifizierungen für grenzüberschreitende Transporte. Die eigentlichen Fahrten werden dabei von lokalen Partnern in den jeweiligen Ländern übernommen. „Es wäre für einen OEM kaum zu leisten, 25 verschiedene Partner zu finden und 25 verschiedene Abfallnotifizierungen zu organisieren“, erklärt Stumpf. Der One-Stop-Shop-Ansatz ist somit für Großkunden wie Automobilhersteller mit europaweiten Rückrufkampagnen ein entscheidender Vorteil.

Sicheres Entpacken und Ausladen von Hochvoltbatterien. (Foto: Fortum)

Verantwortlich für die Partnerschaft auf DHL-Seite ist René Kaschta, EVB Product Lead bei DHL Supply Chain. Sein Team koordiniert die gesamte Logistik für Fortum – von der Transportbeschaffung über das Lieferantenmanagement bis zum Kundenservice. Dass dafür ein erheblicher Aufwand nötig ist, macht Kaschta deutlich: „Die Gesetzgebung in Europa ist über fast 40 Länder so hochfragmentiert und so speziell, dass jedes Land im Prinzip seine eigenen Spielregeln hat. Dieses Wissen kannst du nicht über drei, vier Köpfe aufbauen.“ Entsprechend hat DHL ein spezialisiertes Team aufgebaut, das das nötige Compliance-Wissen weitgehend intern entwickelt hat. Für Kaschta ist dabei klar, dass einfache Transportdienstleistungen nicht ausreichen: „Um compliant Logistik zu machen, reicht es nicht, wenn du einfach nur den Transport durchführst. Du musst wirklich von Anfang an in den Order-Management-Prozessen dabei sein.“ Fortum ist bislang der einzige Kunde, für den DHL das vollständige Netzwerkmanagement übernimmt – ein Ansatz, den Kaschta künftig auch anderen Recyclern anbieten will.

Doch Stumpf zeichnet ein ernüchterndes Bild vom aktuellen Zustand der Branche. Grenzüberschreitende Transporte seien ein zentraler Engpass: „Es gibt nur sehr wenige Unternehmen, die das heute tun können und auch erfolgreich tun.“ Kleinere Anbieter hätten nur dann eine Chance, wenn sie sich konsequent spezialisieren. Hinzu komme ein weitverbreitetes Compliance-Problem: Viele Kunden neigten dazu, regulatorische Anforderungen zu umgehen, beispielsweise bei ADR-konformen Verpackungen oder der korrekten Einstufung von Altbatterien als gefährlicher Abfall. „Es gibt den einen oder anderen, der erzählt, man könne Batterien auch als Produkt transportieren, obwohl sie zum Recycling gehen, was aus unserer Sicht nicht korrekt ist“, ergänzt Achim Ewenz, Commercial Manager bei Fortum Battery Recycling. „Wenn sich alle an die gleichen Spielregeln halten würden, wäre es für alle einfacher.“ Für Fortum selbst ist Sicherheit keine Floskel, sondern Teil der Unternehmens-DNA: „Sicherheit ist wesentlich – nicht nur, weil es gut klingt, sondern weil es darum geht, die Mitarbeiter zu schützen“, so Stumpf.

Große Pläne, wenig Umsetzung

Die strukturellen Defizite gehen jedoch über die operative Logistik hinaus. Fortum erwartet, dass sich das Batterievolumen in Europa bis 2030 verzehnfachen wird. Die vorhandenen Recyclingkapazitäten auf dem Kontinent reichen dafür bei weitem nicht aus. Der Ausblick in die nahe Zukunft fällt nüchtern aus: „Bis 2030 wird sich nicht viel tun“, sagt Stumpf. Viele Projekte großer Unternehmen wie BASF oder Umicore liegen auf Eis. Start-ups befinden sich noch in der Pilotphase. Und die erhoffte europäische Zellfertigung, ohne die Fortums Recyclingmodell langfristig nicht funktioniert, ist erst in Ansätzen Realität. Hoffnung macht Stumpf der EU Battery Booster, der erstmals nicht nur Investitionen, sondern auch den laufenden Betrieb europäischer Hersteller unterstützt.

Bis das Ökosystem trägt, bleibt die Batterielogistik eine Disziplin für Spezialisten: mit hohen Anforderungen, dünner Infrastruktur und erheblichem Aufklärungsbedarf auf allen Stufen der Lieferkette.

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