Willkommen in Deutschland – bitte warten

Die Rekrutierung von Berufskraftfahrern aus Drittstaaten scheitert häufig an Behördenchaos und unseriösen Vermittlern. Der Personaldienstleister Educaro zeigt, wie es besser funktioniert.

Eines der größten Hindernisse für effiziente und seriöse Fachkräfteeinwanderung ist die fragmentierte Behördenlandschaft. (Foto: iStock)

In den letzten 13 Jahren hat Christian Sassin rund 3.000 Menschen aus dem Ausland nach Deutschland begleitet. Zunächst waren es Studierende, dann Fachkräfte aus Pflege, Informatik und Ingenieurwesen – und seit Neuestem auch Auszubildende und Berufskraftfahrer.

Sassin ist Gründer und Geschäftsführer von Educaro, einem internationalen Bildungs- und Personaldienstleister mit Hauptsitz in Düsseldorf. Er kennt die Behörden in Ländern wie Tunesien und Indien ebenso gut wie die in Deutschland. Und er kennt die Frustration auf allen Seiten: „Ich habe 2013 bei einem Praktikum in Tunesien festgestellt, wie Menschen von unseriösen Anbietern erpresst und ausgenutzt werden. Familien beleihen zum Teil ihre Häuser, um ihrer Tochter oder ihrem Sohn eine Möglichkeit zu geben, in Deutschland zu studieren – oft auf Basis völlig überzogener, falscher Versprechungen“, erzählt er. Auch der Markt für Vermittler, die behaupten, in kurzer Zeit Dutzende Fahrer aus Drittstaaten nach Deutschland zu holen, boomt.

Das Unternehmen

(Foto: Educaro)

 

Mit Hauptsitz in Düsseldorf vermittelt Educaro seit 2014 Auszubildende, Fach- und Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland. Das Unternehmen betreibt elf eigene Sprachschulen und Beratungszentren in sieben Ländern – darunter Tunesien, Indien, Mexiko und Kolumbien. Neben Geschäftsführer Christian Sassin (Foto r.) und Projektmanager Simon Kellermann begleiten rund 100 Mitarbeitende Bewerber von der Sprachausbildung bis zur Integration. Der Ansatz fußt auf sogenannter ethischer Erwerbsmigration: einer fairen und transparenten Anwerbe- und Vermittlungspraxis.

Educaro wurde 2013 als Gegenmodell zu den verbreiteten Betrugsmaschen gegründet. Das Unternehmen setzt auf ethische Erwerbsmigration, ein frühes Matching von Bewerbern und Arbeitgebern und betreibt eigene Sprachschulen und Beratungszentren in Drittstaaten.

Pilotprojekt mit Fahrern aus Tunesien

Im Juli sollen die ersten Berufskraftfahrer aus Tunesien einreisen – das Ergebnis eines Pilotprojekts, das Educaro vor etwa anderthalb Jahren mit zwei mittelständischen Speditionen gestartet hat. „Tunesien war unser erster Standort, wir sind dort sehr etabliert“, erklärt Simon Kellermann, Projektmanager für gewerbliche Berufe bei Educaro. „Viele unserer Berufskraftfahrer haben ein französisches Abitur, sprechen mehrere Sprachen und kennen sich mit europäischen Lkw aus. Vom Standard her kommen sie dem, was wir in Deutschland erwarten, sehr nahe. Und in Tunesien haben viele junge Leute Lust auf den Beruf – da wird er mehr wertgeschätzt als in Deutschland.“

Zwischen dem unterschriebenen Arbeitsvertrag und der Einreise vergehen im Idealfall sechs bis neun Monate. Künftig will Educaro auch in Indien oder Kolumbien Berufskraftfahrer gewinnen. Rekrutiert wird nur bei einem klaren Mandat eines deutschen Arbeitgebers – damit niemand einen monatelangen Prozess durchläuft, ohne am Ende eine Stelle zu haben.Denn auch im Logistikbereich gibt es viele schwarze Schafe auf dem Markt, weiß Kellermann: „Da werden dann Pakistani über einen polnischen Überlasser angeworben, der eigentlich nur sechs Monate in Deutschland fahren darf, aber trotzdem zwölf fährt, weil es kaum kontrolliert wird.“

Förderalismus als Bremsklotz

Eines der größten Hindernisse für effiziente und seriöse Fachkräfteeinwanderung ist die fragmentierte Behördenlandschaft. So gibt es in Deutschland allein 549 kommunale Ausländerbehörden und 454 Anerkennungsstellen für Berufsqualifikationen.

Um den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt künftig einfacher und schneller zu gestalten, hat das Bundeskabinett im November 2025 die Eckpunkte für eine Work-and-Stay-Agentur (WSA) beschlossen. 775 Millionen Euro sind bis 2029 eingeplant, um Prozesse zu digitalisieren und über eine IT-Plattform zu zentralisieren.

Wann die Agentur arbeitsfähig sein wird, ist nach jetzigem Stand aber noch offen: „Die mit der Work-and-Stay-Agentur verbundenen Ziele sollen gestaffelt umgesetzt werden. Konkrete Daten zur Umsetzung können noch nicht genannt werden“, teilt das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) auf Rückfrage der DVZ mit. Auch die Frage, ob und wie die zahlreichen Behörden in die neue Struktur integriert werden, sei noch „Gegenstand laufender Überlegungen“, antwortete die Bundesregierung im Februar auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion.

„Die Work-and-Stay-Agentur kann nur funktionieren, wenn alle Bundesländer ihre Zuständigkeiten zusammenführen“, gibt Sassin zu bedenken. Mit einer schnellen Umsetzung und Erleichterungen in der Praxis rechnet der Personalexperte zeitnah daher nicht: „Ich fürchte, das wird so herausfordernd wie Stuttgart 21.“

Zusätzlich hat das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im März mit Vertretern der deutschen Wirtschaft ihre eigene Fachkräfteallianz „WE-Fair“ ins Leben gerufen, bei der auch Educaro Mitglied ist. „Ich engagiere mich immer häufiger in Workshops und Gremien der politischen Akteure, doch leider reden die nicht miteinander“, beobachtet Sassin. „Dass das Auswärtige Amt zum Beispiel nicht bei der Fachkräfteallianz vom BMZ mitmacht, löst das Problem nicht.“

Beispiele internationaler Vorbilder

  • Kanada nutzt das „Comprehensive Ranking System“ (CRS), ein transparentes Punktesystem für Fachkräfte. Bewerber werden nach Alter, Bildung, Sprachkenntnissen und Berufserfahrung bewertet.
  • Philippinen: Das Vermittlerregister „Philippine Overseas Employment Administration“ (POEA) lizenziert alle Recruitment-Agenturen. Ohne Lizenz darf niemand Arbeitskräfte ins Ausland vermitteln.
  • Indien: Der indische Emigration Act von 1983 (Section 10) schreibt vor, dass sich alle Vermittler, die indische Staatsbürger für Arbeit im Ausland rekrutieren, beim „Protector General of Emigrants“ (PGE) im Ministry of External Affairs registrieren müssen.

Internationale Vorbilder

Dabei gibt es Modelle, an denen sich Deutschland orientieren könnte, weiß der Personalexperte: „In England bekommt man einen zentralen Ansprechpartner für das gesamte Verfahren. Und Kanada hat ein Punktesystem ohne Sachbearbeiter-Willkür.“

Die Philippinen verlangen indes von jedem Vermittler eine Registrierung bei der staatlichen Arbeitsbehörde, inklusive finanzieller Sicherheitsleistung. Wer Mist baut, haftet. Indien hat ein ähnliches System.

„Wir könnten uns bedienen – wir müssen als Deutsche nicht immer alles neu erfinden“, sagt Sassin. Sein Vorschlag: „Auf deutschen Aufenthaltstiteln steht bereits der Arbeitgeber. Warum nicht auch den Vermittler vermerken? So kann die Agentur bei Verfehlungen belangt werden.“ Neue Gesetze bräuchte es dafür nicht unbedingt, sagt Sassin. Das Arbeitsschutzgesetz und das Aufenthaltsrecht böten ausreichend Handhabe – es fehle schlicht an konsequenter Kontrolle.

Sein Appell richtet sich aber auch an die Unternehmen: „Die Arbeitgeber müssen lauter werden – das ist der größte Schlüssel.“ Solange Betriebe ihre Personalprobleme stillschweigend überbrückten, fehle der politische Druck für echte Reformen. Um der bestehenden Skepsis vor Erwerbsmigration aus Drittstaaten entgegenzuwirken, brauche es jedoch vor allem eines: Aufklärung.

Ihr Feedback
Teilen
Drucken

Sie sind noch kein Abonnent?

Testen Sie DVZ, DVZ-Brief oder DVZ plus 4 Wochen im Probeabo und überzeugen Sie sich von unserem umfassenden Informationsangebot.

  • Online Zugang
  • Täglicher Newsletter
  • Wöchentliches E-paper

 

Zum Probeabo

Jetzt 4 Wochen kostenlos testen

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Sie sind noch kein Abonnent?

Testen Sie DVZ, DVZ-Brief oder DVZ plus 4 Wochen im Probeabo und überzeugen Sie sich von unserem umfassenden Informationsangebot.

  • Online Zugang
  • Täglicher Newsletter
  • Wöchentliches E-paper

 

Zum Probeabo

Jetzt 4 Wochen kostenlos testen

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Nach oben