Was Führungskräfte von Jürgen Klopp lernen können – und was nicht

Jürgen Klopp hat seinen ersten Kader als DFB-Coach vorgestellt. Prof. Jonas Puck erklärt im Gespräch mit der DVZ, welche Fähigkeiten des neuen Bundestrainers auch für Führungskräfte in datengetriebenen Branchen wie der Logistik relevant sind.

Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp war nach seinen Stationen in der deutschen Bundesliga von 2015 bis 2024 beim FC Liverpool in England tätig und feierte dort große Erfolge. Zuletzt arbeitete er als TV-Experte bei der WM 2026. (Foto: Imago / Propaganda Photo)

Jürgen Klopp steht als neuer Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft derzeit besonders im Fokus. Seine Berufung wirft die Frage auf, was Führungskräfte von einem erfolgreichen Trainer lernen können – und was nicht. Klopp ist sicher keine Blaupause für Führung in Unternehmen. Sein Beispiel zeigt jedoch, welche menschlichen Fähigkeiten auch in zunehmend datengetriebenen Organisationen gefragt sind: Orientierung in unsicheren Zeiten, ein reflektierter Umgang mit Daten und Leidenschaft für die eigene Arbeit.

Im Management sind meist nur die Konsequenzen getroffener Entscheidungen sichtbar. Im Fußball hingegen lässt sich klar beobachten, wie Menschen unter Druck Entscheidungen treffen. Gehen sie ins Dribbling, passen sie den Ball oder vermeiden sie den Zweikampf? Setzen Trainer auf Risiko oder Sicherheit? Für Jonas Puck, Professor für International Business an der Wirtschaftsuniversität Wien, ist genau das der Grund, warum der Sport ein besonderes Forschungsfeld für Leadership darstellt.

Leidenschaft und Lernbereitschaft

Bereits 2023 beschrieben Puck und die ehemalige österreichische Nationalspielerin Nina Burger sechs Eigenschaften, die den Führungsstil von Jürgen Klopp prägen, darunter Leidenschaft, Vertrauen und Lernbereitschaft. Im Gespräch mit der DVZ nennt Puck, der früher selbst leistungsorientiert Fußball gespielt hat, zwei weitere Fähigkeiten, die im Zeitalter der KI besonders wichtig werden: Orientierung in unsicheren Zeiten und ein reflektierter Umgang mit Daten.

Zusammen mit der Leidenschaft stehen diese drei Aspekte für den Professor im Mittelpunkt. Der Wirtschaftswissenschaftler warnt jedoch davor, Klopp zum Muster für jede Führungssituation zu erklären: „Man kann ein Managementteam nicht exakt so führen, wie man ein Fußballteam führt“, sagt Puck, da Mitarbeiter in Unternehmen keine Tore schießen und Aufgaben meist länger dauern als 90 Minuten. Übertragbar sind also nicht explizite Verhaltensweisen, sondern die dahinterstehenden Fähigkeiten und Eigenschaften.

So ist Fußball zum Beispiel ein anschauliches Beispiel für Führung in einer unsicheren Situation. Zu Spielbeginn steht es 0:0 und der Ausgang ist bis zum Schlusspfiff offen. Im Management haben Entscheidungen zwar meist einen mittel- oder langfristigen Zeithorizont. Die Unsicherheit verschwindet dadurch jedoch nicht, sondern wird nur weniger sichtbar – gerade in der aktuellen Zeit mit erheblichen geopolitischen Disruptionen bleibt sie oft auch ein zentrales Thema im Management.

Puck plädiert dafür, Unsicherheit nicht vorschnell als negatives Thema zu betrachten. Führungskräfte müssen nicht Antworten auf alle offenen Fragen haben. Sie sollten jedoch gegenüber ihren Mitarbeitern Klarheit darüber schaffen, welche Annahmen zur Zukunft bestehen, welche Entscheidungen daher getroffen wurden und welche nächsten Schritte anstehen.

„Klare Kommunikation bedeutet für mich, zu benennen, was im Umfeld geschieht und welche Folgen für das Unternehmen und die einzelnen Stakeholder bereits absehbar sind “, sagt Puck.

Grenzen der Technologie

Fußball ist zudem ein gutes Beispiel für die starken Veränderungen, die Technologie für Entscheidungen mit sich bringt. Mit Hilfe von Fitness-Trackern, Kameras, taktischen Analysen und Leistungsdaten können im Fußball Informationen über Belastung, Bewegungen und Spielsituationen erfasst werden. Mit Daten allein gewinnt man aber zunächst nichts. Sie müssen in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht und analysiert werden. Erst dann helfen sie bei der Entscheidungsfindung. So ist es auch in Wirtschaftsunternehmen.

Der Blick des Kindes

Darüber hinaus kann Technologie zwar Muster erkennen, Informationen verdichten und Entscheidungsalternativen und ihre möglichen Konsequenzen aufzeigen, aber niemals abschließend bestimmen, welche strategische Entscheidung langfristig die richtige ist. Hier wird der Mensch immer eine relevante Rolle spielen.

Die Schlussfolgerung des Wissenschaftlers lautet daher: „Ich glaube nicht, dass die Rolle einer Führungskraft durch künstliche Intelligenz obsolet wird – weder im Sport noch im Management.“ Wichtiger werde es, Informationen aus Daten für Menschen verständlich und überzeugend zu übersetzen. Das gilt auch für die Logistik und andere datengetriebene Branchen. Daten ersetzen hier weder die Urteilskraft noch die Kommunikation darüber, warum eine Veränderung nötig ist.

Eine weitere Stärke Klopps als Führungskraft ist seine Leidenschaft. Der Trainer vermittelt laut Puck glaubhaft, dass ihm die Sache wichtig ist. Das könne Menschen auch außerhalb des Sports bewegen. „Wenn man mit viel Leidenschaft für etwas einsteht, ehrlich und authentisch ist und diese Leidenschaft lebt, dann gibt man sie auch an seine Mitarbeiter und alle Stakeholder weiter“, sagt Puck.

Damit ist jedoch keine dauerhafte Übermotivation gemeint, sondern die glaubwürdige Erklärung, warum eine Aufgabe relevant ist und wofür sich der Einsatz lohnt. Diese Fähigkeit, offen und glaubwürdig zu kommunizieren, hat sich bei Klopp im Laufe seiner Karriere weiterentwickelt – vom stärker emotional geprägten zum strategisch integrierten Kommunikator.

Mit Leidenschaft geht für Puck aber auch die Bereitschaft einher, eingefahrene Muster zu hinterfragen. Erfahrung ist für ihn wichtig, sie kann aber auch zur Falle werden. Wer jede neue Situation ausschließlich mit bekannten Mustern beurteilt, produziert womöglich immer wieder dieselben Lösungen. Puck spricht deshalb von einem Blick „wie ein Kind“: die Fähigkeit, eine Situation gelegentlich so zu betrachten, als habe man sie noch nie gesehen. Für ihn ist das eine Form von Kreativität. Je mehr Entscheidungen auf historischen Daten und erprobten Prozessen beruhen, desto wichtiger bleibt die Frage, ob die Vergangenheit eine ausreichende Vorlage für die Zukunft ist.

Was sich übertragen lässt

Aus dem Sport oder dem Verhalten von Trainern wie Jürgen Klopp lässt sich kein fertiges Führungsrezept für Manager in Unternehmen kopieren. In beiden Kontexten sind jedoch Orientierung in Momenten der Unsicherheit, ein reflektierter Umgang mit Daten und Leidenschaft wichtig. Klopp und seine Führungsmethoden können hier interessante Ansatzpunkte liefern, da er allen drei Anforderungen in hohem Ausmaß ausgesetzt ist. Gerade diese Verbindung zeigt, dass Führung auch im Zeitalter der KI eine menschliche Aufgabe bleibt.

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