Wegloc will die Lücke zwischen E-Commerce und Spedition schließen

Das Duisburger Start-up hat eine strukturelle Schwäche im deutschen E-Commerce ausgemacht: Die Logistik wird als Kostenfaktor behandelt und nicht als Wettbewerbsvorteil. Die Gründer kommen aus den Bereichen Spedition und E-Commerce und wollen beide Branchen erstmals durchgängig miteinander verbinden.

Der E-Commerce-Boom der vergangenen Jahre hat viele Händler und Marken schnell wachsen lassen. (Foto: Drazen Zigic/iStock)

Im deutschen Speditionsgeschäft gleicht der Alltag oft noch einer Zeitreise: Ein Auftrag startet per E-Mail, es folgen zeitraubende Rückfragen, weitere Nachrichten und schließlich der klärende Anruf. „Der manuelle Kernprozess im Speditionsgeschäft hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten kaum verändert“, sagt Hakan Gero Güla. Der 44-Jährige hat ein Vierteljahrhundert in der Logistikbranche verbracht, in den Bereichen Luft- und Seefracht, Bahnfracht und Kontraktlogistik. Der Marktdruck im E-Commerce zwinge die Branche nun zum Umdenken. Die traditionelle Speditionswelt öffnet sich, weil starre Strukturen den heutigen Anforderungen an Geschwindigkeit nicht mehr standhalten.

Güla hat Wegloc deshalb mitgegründet, ein junges Unternehmen aus Duisburg, das an dieser strukturellen Lücke zwischen E-Commerce-Brands und dem klassischen Speditionsgeschäft ansetzt – einer Lücke, die Güla zufolge seit Jahrzehnten existiert und gerade für den Mittelstand zunehmend teurer wird.

Der E-Commerce-Boom der vergangenen Jahre hat viele Händler und Marken schnell wachsen lassen. Die Logistik konnte da selten Schritt halten. „Die Logistik wird im E-Commerce oft stark unterschätzt“, sagt Güla. „Viele Marken reduzieren das Speditionsgeschäft auf den reinen Transport von A nach B. Dabei entscheidet heute die nahtlose Integration der Datenströme auf der ‚ersten Meile‘ über den Erfolg im Multichannel-Vertrieb.“

Wegloc

Das im Jahr 2025 gegründete Start-up hat seinen Sitz in Duisburg. Das Unternehmen wurde ohne Fremdkapital finanziert. Es ist in drei Geschäftsbereiche unterteilt: Fracht- und Lagerorganisation, Beratung und Software. Letztere sind unterteilt in Software as a Service (SaaS), einzelne buchbare Schnittstellen und auf Anfrage individuelle Anbindungen. Das Preismodell reicht von einem kostenlosen Einstiegstarif bis zu monatlichen Kosten von 1.499 Euro bei Einsatz des WMS.

In vielen mittelständischen Unternehmen sind gewachsene Systemlandschaften ohne durchgängige Datenflüsse die Folge. Der 26-jährige Simon Ferrazzi, Co-Gründer des Unternehmens, kennt dieses Problem aus der Praxis. Er hat mehrere E-Commerce-Unternehmen im Operationsbereich begleitet – vom Aufbau einer Marke auf Zypern bis zur Prozessoptimierung bei Händlern im deutschsprachigen Raum. „Überall stoßen wir auf denselben Punkt“, sagt Ferrazzi. „Entlang der gesamten Lieferkette setzt jeder Akteur auf unterschiedliche, untereinander inkompatible Systeme. Am Ende heißt es dann: Unsere bestehenden Systeme stoßen hier an ihre Grenzen.“

Marktlücke im Mittelstand

Mittelständische Händler und Fulfillment-Dienstleister, die nach einer durchgängigen Softwarelösung suchen, sehen sich einem unbefriedigenden Angebot gegenüber: Spezialisierte E-Commerce-Tools enden häufig an der Rampe. Klassische Transportmanagementsysteme hingegen sind auf die Bedürfnisse von Speditionen zugeschnitten. ERP-Systeme sind für KMU hingegen meist zu teuer oder zu unflexibel.

„Es muss möglich sein, dem Mittelstand ein System zur Verfügung zu stellen, das nicht vorschreibt, wie man sich in Zukunft zu verhalten hat“, sagt Güla. Wer sich einmal tief in die Ökosysteme großer Anbieter eingekauft hat, kommt kaum wieder heraus, selbst wenn die Preise steigen und der Service nachlässt. „Unternehmen haben Angst, zu wechseln, aus Angst, einen Fehler zu machen. Das kann so nicht weitergehen.“

Hakan Gero Güla, 44 Jahre, ist seit 25 Jahren in der Logistikbranche tätig. Er hatte Stationen in den Bereichen Luft- und Seefracht, Bahnfracht, Kontraktlogistik und Fulfillment bei verschiedenen Konzernen inne. Er ist Co-Gründer und Geschäftsführer von Wegloc und dort für die Frachtorganisation, das Netzwerk und strategische Partnerschaften zuständig. (Foto: Wegloc)

Auf der Speditionsseite kommt ein strukturelles Problem hinzu: Zwar bieten große Dienstleister eigene Track-&-Trace-Portale an, doch diese liefern ausschließlich die Daten, die das jeweilige System hergibt. Händler, die mehrere Carrier nutzen oder den Sendungsstatus systemübergreifend verfolgen möchten, stoßen somit schnell an ihre Grenzen.

Zwischen Beratung und Software

 Wegloc ist nicht als Softwareunternehmen gestartet. Die ursprüngliche Idee war eine Beratung für E-Commerce-Brands, die nicht wissen, wie Logistik wirklich funktioniert. Die Software entstand schrittweise daraus, gemeinsam mit einem kleinen Entwicklerkreis. Heute umfasst das Angebot Frachtberatung und -vermittlung, einzeln buchbare Systemschnittstellen sowie eine modulare Plattform für Lager- und Auftragsmanagement. Mittelfristig sollen weitere Akteure der Lieferkette angebunden werden – vom Lieferanten bis zum Spediteur.

Das Unternehmen wurde ohne Fremdkapital finanziert. Güla betont, dass dies kein Zufall ist: Klassische Investoren oder Venture Capital von Reedereien kämen nicht infrage, da damit stets Abhängigkeiten entstünden. „Wir wollen uns nicht in strategische Abhängigkeiten von einzelnen Branchengrößen begeben, bei denen wir am Ende nur die Marschrichtung des Investors mitgehen müssen“, sagt Güla. Stattdessen suche man Partnerschaften auf Augenhöhe mit unabhängigen Akteuren.

 Jenseits der operativen Prozesse sehen die Gründer eine weitere Schwachstelle: die fehlende Verbindung zwischen Lieferkettendaten und Marketingentscheidungen. E-Commerce-Marken erhalten Lieferzeitangaben von ihren Speditionspartnern, doch diese Informationen liegen meist isoliert vor, werden spät aktualisiert und erreichen selten automatisiert die Teams, die sie benötigen – etwa im Performance-Marketing. Bei mehreren parallelen Lieferketten mit verschiedenen Lieferanten, Carriern und Lagern wächst der Koordinationsaufwand schnell.

Simon Ferrazzi ist 26 Jahre alt und stammt aus Südtirol. Nach dem Abschluss des Bachelorstudiengangs „Internationales Logistikmanagement” an der Fachhochschule Oberösterreich, bei dem er tiefe Einblicke in das Konzernumfeld erhielt, unterstützte er mehrere E-Commerce-Start-ups im Operations-Bereich, darunter zwei Jahre auf Zypern. Er ist Co-Gründer und Geschäftsführer von Wegloc und zuständig für Produktentwicklung und Operations-Beratung. (Foto: Wegloc)

„Wenn Marken ihre Kampagnen drei Tage früher oder später schalten können, weil sie ein Forecasting auf Basis realistischer Lieferdaten haben, lässt sich damit relativ schnell sehr viel Geld sparen“, sagt Güla. Die langfristige Vision ist eine Plattform, die Lieferanten, Spediteure, Lager, Onlineshops und Endkunden in einem durchgängigen Datenstrom verbindet. Es soll kein Flickenteppich aus Insellösungen entstehen, sondern ein gemeinsames Nervensystem.

 Mit diesem Anspruch steckt sich Wegloc ein ambitioniertes Ziel. Das Unternehmen befindet sich mitten im weiteren Ausbau der E-Commerce-Plattform: Die Anbindung an zusätzliche Marktplätze wie Amazon steht kurz vor der Fertigstellung. Parallel soll die Anbindung weiterer Supply-Chain-Akteure gelingen, etwa durch das neue Frachtmodul, das sich derzeit in der Betaphase befindet.

Ein Markt im Umbruch

Der E-Commerce-Markt hat nach dem pandemiebedingten Boom an Schwung verloren. Gleichzeitig setzen chinesische Plattformen wie Temu und Shein europäische Händler mit eigenen Logistikstrukturen und aggressivem Pricing unter Margendruck. Ferrazzi stellt klar: „Unser Fokus liegt derzeit auf europäischen Marken mit europäischen Marktplätzen.“

Für den Mittelstand bleibt die Kernfrage bestehen: Wie lässt sich die Logistik effizienter und transparenter gestalten, ohne neue Abhängigkeiten einzugehen? Ob Wegloc dazu einen belastbaren Beitrag leisten kann, hängt unter anderem davon ab, wie offen die Speditionswelt gegenüber solchen Ansätzen ist. Güla ist da realistisch: „Die Speditionswelt ist manchmal sehr verschlossen gegenüber solchen Dingen. Das kenne ich seit 25 Jahren.“

Ihr Feedback
Teilen
Drucken

Sie sind noch kein Abonnent?

Testen Sie DVZ, DVZ-Brief oder DVZ plus 4 Wochen im Probeabo und überzeugen Sie sich von unserem umfassenden Informationsangebot.

  • Online Zugang
  • Täglicher Newsletter
  • Wöchentliches E-paper

 

Zum Probeabo

Jetzt 4 Wochen kostenlos testen

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Sie sind noch kein Abonnent?

Testen Sie DVZ, DVZ-Brief oder DVZ plus 4 Wochen im Probeabo und überzeugen Sie sich von unserem umfassenden Informationsangebot.

  • Online Zugang
  • Täglicher Newsletter
  • Wöchentliches E-paper

 

Zum Probeabo

Jetzt 4 Wochen kostenlos testen

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Kundenservice

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie uns gerne.

Nach oben