(Know-)How to start up

Immer stärker rücken die Logistik-Start-ups in den Blickpunkt von Investoren. Wagniskapital ist trotz Pandemie vorhanden, das zeigen exemplarisch die Investitionen bei Flugtaxi-Start-ups. So bekam beispielsweise Volocopter aus Bruchsal nach Angaben der Start-up-Datenbank Crunchbase bislang 368,2 Millionen US-Dollar. Der Wettbewerber Lilium aus München konnte sogar schon 376,4 Millionen Dollar einsammeln.
Ebenfalls in der Riege der seltenen „Einhörner“ findet sich das auf die blitzschnelle Belieferung mit Lebensmitteln spezialisierte Berliner Start-up Gorillas, in das die Geldgeber bisher insgesamt 335,4 Millionen Euro investiert haben. Der Lieferdienst gilt laut einem Bericht des „Handelsblatts“ als Start-up, das in Deutschland am schnellsten eine Milliardenbewertung erreicht hat. Doch sind diese drei Start-ups nicht unbedingt typisch für die Branche. „Rund 70 Prozent der Logistik-Start-ups unterstützen die Logistik, sind also eher Zulieferer“, erklärt Martin Schwemmer, Senior Consultant Fraunhofer IIS. Reichlich Kapital einsammeln konnten aber auch einige Player in diesem Segment, wie beispielsweise die Umzuggsplattform Movinga (92,8 Millionen Dollar) und die Luftfrachtplattform Cargo.one (63,8 Millionen Dollar).
Das erste deutsche Logistik-Einhorn
Noch etwas größer aufgestellt ist das Berliner Start-up Sennder, das erst Mitte Januar weitere 160 Millionen Dollar erhielt, nach zuvor 100 Millionen Dollar. „Das Unternehmen war im Januar das erste deutsche Logistik-Start-up-Einhorn, das mit umgerechnte 1 Milliarde Euro bewertet wurde“, berichtet Schwemmer. Von dem Geld werden nach seiner Einschätzung voraussichtlich etwa 60 bis 70 Millionen in Zukäufe von physischen Strukturen investiert. Dann blieben noch 100 Millionen Euro, die in Vertrieb, aber vor allem in die IT fließen dürften. Das Ziel sei, ein umfassendes Paket an digitalen Tools zu entwickeln. Schwemmer: „Sennder setzt hier Standards.“
Diese Entwicklungen könnten einerseits ein Indiz dafür sein, dass der deutsche Logistik-Start-up-Markt auch für große Investitionen bereit sei, andererseits auch dafür, dass es krisenbedingte Investitionen sind und den Kapitalgebern das Geld nicht ausgeht. Was der Berater darüber hinaus beobachtet: „Unternehmen stellen sich im Kontext der Pandemie resilienter auf, und es ist klargeworden, dass auf die technischen Lösungen vertraut werden kann.“ Allerdings seien viele neue Logistiker zwar datengetrieben aufgestellt, sie bräuchten aber nach wie vor die alte Logistik. Dabei gibt es laut Schwemmer durchaus Unterschiede: Während Provider wie Cargonexx und Forto stärker auf die Softwarekompetenz mit Hilfe von Algorithmen setzen, findet bei Flexport und Sennder noch viel händischer Vertrieb statt. „Die physische und die Welt der Daten ergänzen sich mehr, als dass sie konkurrieren“, erklärt Schwemmer dazu.
Ähnlich sieht das auch Juliane Heßmann, Pressesprecherin von der Innovationsplattform Startport aus Duisburg: „Logistik-Start-ups versuchen häufig, vorhandene Prozesse in der Logistik beziehungsweise Supply-Chain zu optimieren und nicht zwingend neue Geschäftsfelder zu erschließen.“ Wichtige Geschäftsfelder für Logistik-Start-ups seien die Bereiche Transport, Supply Chain Management, Intralogistik, Kontraktlogistik und Last-Mile-Delivery. „Das sehen wir auch bei unseren Start-ups“, so Heßmann.
Unerlässlich dabei ist das Netzwerken, was sich jedoch unterscheidet, je nachdem, ob Gründer bereits Berufserfahrungen sammeln konnten oder sich nach dem Studium oder einer Ausbildung selbstständig machen. „Erstere Personengruppe verfügt in der Regel bereits über ein Netzwerk, die zweite nicht“, so Heßmann. „Wollen sich Logistik-Start-ups also stärker vernetzen, empfehlen wir, zunächst die Standortwahl zu prüfen.“ Gut geeignet seien dafür Regionen mit hohem Logistikbezug, in denen sich auch Innovationsplattformen etabliert hätten, die über ein großes Netzwerk mit zahlreichen Partnern verfügen.
Wichtig bei der Wahl des Firmensitzes sei aber auch die Infrastruktur in Bezug auf Technik und Flächen. „Logistik-Start-ups, die entweder Hardware- oder Software-Start-ups sind, benötigen einerseits große Produktionsflächen, andererseits aber beispielsweise auch eine gute Breitbandanbindung“, erläutert Heßmann. „Aktuell in Zeiten der Coronapandemie merken wir allerdings, dass Logistik-Start-ups unabhängiger von Standorten werden, mit Ausnahme der B2C-Start-ups, da sich das Netzwerken in den digitalen Raum verschiebt.“
Innovationsplattformen wie Startport organisieren darüber hinaus (Online-)Events, die neben Messen, Pitching-Events, Gründerstammtischen und Konferenzen auch eine gute Möglichkeit sind, um Investoren kennenzulernen. Um diese zu überzeugen, sollten Gründer zunächst möglichst im Vorhinein in Erfahrung bringen, was ein Investor sucht, was ihn interessiert und nach welchen Kriterien er investiert. „Den richtigen Investor zu finden, ist natürlich auch abhängig von der Finanzierungsrunde“, betont Heßmann. „In der Frühphasenfinanzierung investieren eher Business Angels, zu einem späteren Zeitpunkt und bei größeren Finanzierungsrunden Venture Capital Fonds.“
Inkubatoren und Acceleratoren
Eine weitere wichtige Finanzierungsmöglichkeit sind die zahlreichen Förderprogramme für Start-ups. Hinzu kommen Accelerator-Programme: „Startport unterstützt Start-ups in zwei Programmschienen dabei, ihr volles Potenzial auszuschöpfen“, so Heßmann. „Im Inkubator-Programm begleiten wir die Start-ups bei der Entwicklung eines ersten Prototypens. Beim Accelerator-Programm gibt es bereits ein innovatives Produkt.“ Hier liege der Fokus darauf, gezielt Kooperationsprojekte mit den Partnern zu starten und die innovativen Lösungen der Start-ups vor weiteren Partnern und Investoren zu präsentieren. „Denn wir sind überzeugt, dass erste konkrete Aufträge und Referenzen grundlegend für den weiteren Erfolg der Start-ups sind“, betont Heßmann. (ben)