Ein Hype ist noch längst kein Vertrauensbeweis

Immer wieder lösen Spekulationen über die weitere Entwicklung der künstlichen Intelligenz drastische Börsenreaktionen aus. Bei den enormen Investitionen ist das nicht überraschend, meint DVZ-Redakteur Robert Kümmerlen.

Die Unterhaltung mit Chatbots ist mittlerweile eine alltägliche Sache geworden. Dafür braucht es ein Sprachmodell und eine Nutzeroberfläche. Nun kommt eine weitere wichtige Ebene hinzu, nämlich die sogenannten „Agent Harnesses“. Dabei handelt es sich um Arbeitsumgebungen, die die KI nicht nur antworten, sondern handeln lassen. Die Harness gibt ihr Zugriff auf Werkzeuge wie Browser, Tabellen, Dateien, Konten oder Programme und ermöglicht es dem KI-Bot, Aufgaben selbstständig zu planen und auszuführen.

Damit entwickelt sich vereinfacht gesagt der Chatbot hin zu einem autonomen KI-Assistenten für mehrstufige Aufgaben. Dasselbe KI-Modell kann je nach Harness texten und chatten oder komplette Arbeitsprozesse übernehmen und Entscheidungen treffen. Dafür muss der Nutzer dem KI-Agenten entsprechende Befugnisse erteilen. Die Veröffentlichung des Bots OpenClaw im Januar war in dieser Hinsicht ein Schlüsselereignis und hat diese Neuerung ins öffentliche Bewusstsein katapultiert.

Der Schritt zur Autonomie ist fundamental und ändert die Einsatzmöglichkeiten von KI in den Arbeitsprozessen von Transport und Logistik erheblich. Er gibt zudem Anlass für vielfältige Spekulationen, wie die Technologie die Wirtschaft weiter umkrempeln wird. Die Börse reagiert auf entsprechende Meldungen mitunter drastisch. Das liegt auch daran, dass die Investitionen in KI mit Hunderten Milliarden US-Dollar gigantisch sind. Die Aktienmärkte zeigen, wie empfindlich Investoren in Bezug auf technologische Versprechen oder Enttäuschungen sind. Dass rund um KI ohnehin ein nervöses Marktumfeld besteht, verstärkt das noch.

Ein Beispiel sind die Kursschwankungen, die kürzlich ein Whitepaper des bislang kaum bekannten US-Unternehmens Algorhythm Holdings ausgelöst hat. Dahinter steht die einfache und nicht neue Geschichte von der spektakulären Effizienzsteigerung in der Disposition der Transportwirtschaft durch KI. Die Folge waren zweistellige Kursverluste bei etablierten Logistik- und Transportdienstleistern, während die Aktie des Start-ups regelrecht Flügel bekam.

Wenn Vorgänge an den Aktienmärkten kaum nachzuvollziehen sind, sprechen Börsenexperten gern von Psychologie. Was aber ist wirklich greifbar? Technologisch ist Algorhythm durchaus ernst zu nehmen, die Börse übertreibt allerdings maßlos. KI-gestützte Arbeit in der Disposition ist nicht neu. Große Logistiker und Frachtbroker investieren seit Jahren in Automatisierung, Prognosemodelle und algorithmische Planung. Dass sich damit Leerkilometer reduzieren und Produktivität steigern lässt, ist unbestritten. Zweifel gibt es jedoch, ob die von dem Start-up kommunizierten Effekte in Indien wie eine 400-prozentige Effizienzsteigerung realistisch auf Transportnetzwerke in Europa oder Nordamerika übertragbar sind. Unabhängige Validierungen fehlen bislang.

Die Börse hat dennoch reflexartig reagiert. Besonders stark gerieten eben Dienstleister unter Druck, da ihr Geschäftsmodell als informationsgetrieben gilt und damit per se anfällig für KI-Automatisierung ist. Doch das ist nur ein Aspekt: Disposition ist in der Praxis mehr als mathematische Optimierung. Haftung, Ausfallsicherheit, Compliance, Vertragsmanagement und operative Krisenfähigkeit lassen sich noch nicht ohne weiteres an eine KI-Plattform delegieren.

Entsprechend gelassen äußerten sich Marktführer zu den Börsenereignissen. Die Kursgewinne des Start-ups sind daher weniger als Vertrauensbeweis in ein neues Geschäftsmodell zu sehen, sondern als kurzfristige Übertreibung.

Eine andere, noch drastischere Börsenreaktion hat das US-amerikanische KI-Unternehmen Anthropic mit der Veröffentlichung von ein paar Plug-ins für Claude Cowork ausgelöst. Der Vorgang hat Parallelen zu Algorhythm Holdings. Die Desktop-KI konnte nun plötzlich Aufgaben übernehmen, die zum Kerngeschäft großer Konzerne gehören. Prompt stürzten deren Aktienkurse ins Bodenlose.

Ungeachtet derartiger Ausschläge an den Aktienmärkten wird KI die Transportlogistik weiter verändern. Um die Auswirkungen der sich gerade stark ausbreitenden KI-Agenten-Thematik realistisch zu bewerten, ist es wichtig, Technologie, Marktstruktur und Börsendynamik auseinanderzuhalten.

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