MAN-Vorstand Zohm zu E-Lkw: „Vierstellige Reichweiten sind möglich“

MAN treibt die Entwicklung alternativer Antriebe voran und wird ab 2024 die ersten schweren E-Lkw ausliefern. Über die Strategie der Herstellers spricht Forschungs- und Entwicklungsvorstand Frederick Zohm im DVZ-Interview.

"Die Wasserstoffnutzung ist eine ergänzende Technik zum E-Lkw", sagt MAN-Vorstand Frederik Zohm im Interview. (Foto: MAN Truck & Bus)

MAN treibt die Entwicklung alternativer Antriebe voran und wird ab 2024 die ersten schweren E-Lkw ausliefern. Über die Strategie der Herstellers spricht Forschungs- und Entwicklungsvorstand Frederick Zohm im DVZ-Interview.

DVZ: Herr Zohm, die derzeitige Preisentwicklung an den Tankstellen treibt Fuhrunternehmer zur Verzweiflung. Alternativen zum Diesel-Lkw sind gefragt, und vor diesem Hintergrund hat MAN angekündigt, bereits 2024, also ein Jahr früher als bisher angepeilt, mit der Auslieferung serienreifer E-Trucks zu beginnen. Wie kommt das?

Frederik Zohm: Auf Grund des hohen Reifegrads der laufenden Entwicklung können wir zu diesem frühen Zeitpunkt Kunden bereits Vorserienfahrzeuge zur Verfügung stellen.

Ihr Unternehmen sieht E-Trucks als beste Lösung für die Kurz- und Langstrecken an. Der Wasserstoffantrieb hingegen wird als „Ergänzungstechnologie“ bezeichnet, weil es hier durch die zweimalige Energieumwandlung Verluste beim Wirkungsgrad gibt. Erst wird Wasserstoff aus grün erzeugtem Strom durch Elektrolyse gewonnen und dann elektrischer Strom aus Wasserstoff in einer Brennstoffzelle erzeugt – das mindert die Effizienz der Brennstoffzelle. Inwieweit sind die Innovationspotenziale für diese beiden Antriebstechniken bereits ausgeschöpft?

Auch wenn diese Umwandlungsverluste noch vermindert werden können: Bei Wasserstoffanwendungen ist die Wirkungsgradkette schlechter als bei batterieelektrischen Anwendungen. Allerdings hat auch Wasserstoff für bestimmte Anwendungen und in puncto Infrastruktur Vorteile. Wir verfolgen daher seit längerem die Strategie, batterieelektrische Fahrzeuge schnell mit einem großen Portfolio in Serie zu bringen und die Nutzung von Wasserstoff als ergänzende Technik möglich zu machen. Genau das unterstreichen wir mit unseren künftigen Serien-E-Trucks und Wasserstoffprojekten wie der Bayernflotte.

Beim Wasserstoffantrieb steht die Entscheidung über die Betankung mit flüssigem, gasförmigem oder gebundenem Treibstoff an. Was erhoffen Sie von dem Projekt Bayernflotte – wo genau im Markt werden „Ergänzungslösungen“ mit Wasserstoffantrieb benötigt?

Mit dem Projekt Bayernflotte wollen wir die tägliche Nutzung von Brennstoffzellen im elektrischen Lkw im direkten Kundenbetrieb testen und weiterentwickeln. Dabei sind zum Beispiel die thermische Integration, die Betriebsstrategie und die Bereitstellung einer hohen Dauerhaltbarkeit wichtige Themen. Die Tankvariante ist noch offen, sie wird aber wahrscheinlich maßgeblich von dem Energiesektor bestimmt werden, der als Erster große Mengen an Wasserstoff benötigt.

Frederik Zohm

Seit Juli 2017 ist Frederik Zohm (49) Vorstand für Forschung und Entwicklung bei der MAN Truck & Bus SE. Der gebürtige Meller studierte an der RWTH Aachen Fertigungstechnik sowie Wirtschaftsingenieurwesen und schloss 2003 mit einer Promotion ab. Anschließend hatte er leitende Positionen unter anderem bei Evobus, Mitsubishi Fuso und Daimler Trucks inne.

An diesem Projekt sollen sich große MAN-Kunden wie Dettendorfer, Rhenus und Schenker beteiligen. Doch natürlich steht dabei immer auch ein wichtiger weiterer Aspekt im Raum: Kritiker der E-Trucks monieren immer wieder deren geringe Reichweite. Wie weit werden die künftigen Fahrzeuge fahren können?

Wir erreichen in unserer Batterieentwicklung gute Fortschritte und werden – natürlich abhängig von der Fahrzeugkonfiguration – bis zu 500 Kilometer Reichweite schaffen. Mittelfristig sind sogar vierstellige Reichweiten möglich. Allerdings werden wir unser Angebot an Elektro-Lkw in einer hohen Modularität vorhalten. Damit wollen wir es unseren Kunden ermöglichen, die elektrischen Antriebsstränge ihrer Fahrzeuge so zu konfigurieren, dass sie optimal zu dem gewählten Einsatzprofil passen.

Wie weit fließen wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema E-Lkw in die Überlegungen Ihrer Forscher mit ein?

Bei unserer strategischen Aufstellung für künftige Technologien schätzen wir den kontinuierlichen Austausch mit der Wissenschaft. Die endgültigen Produktentscheidungen treffen wir aber vollkommen eigenständig.

Der Wettbewerb – zum Beispiel Daimler Truck in Stuttgart – kommt zu anderen Schlüssen und setzt weiterhin auf eine duale Strategie. Vergibt MAN vorzeitig Marktchancen?

Wie bereits gesagt, haben wir eine smarte Strategie gewählt, um die entsprechenden technischen Lösungen zu entwickeln. Auf Basis der derzeit laufenden Projekte sind wir sehr gut für mögliche Eventualitäten gerüstet.

Für Wasserstoff-Lkw halten die ISI-Wissenschaftler bundesweit 140 Tankstellen für ausreichend. Für E-Lkw werden weit mehr Stationen benötigt: Wie stark will sich das Joint Venture, das ihr Mutterkonzern Traton mit anderen Wettbewerbern plant, auf dem deutschen Markt engagieren?

Im Rahmen dieses Joint Ventures werden 1.700 Ladepunkte geplant, die insbesondere auf den Langstreckenverkehr zielen. Klar ist aber auch, dass unterschiedliche Kunden unterschiedliche Anforderungen haben. So benötigen Kunden im urbanen Raum unter Umständen keine öffentliche Ladeinfrastruktur, wenn sie Ladelösungen auf ihrem Betriebshof nutzen können. Hierfür bieten wir mit unserem Team von MAN Transport Solutions eine 360-Grad-Beratung, um unsere Kunden beim Umstieg auf elektrische Antriebe bestmöglich zu unterstützen.

Ein bislang unterschätztes Problem ist die Entsorgung von Altbatterien von E-Lkw. Wie will MAN mit dieser Herausforderung umgehen?

Auch auf diesem Gebiet sind wir breit aufgestellt und gut unterwegs. Wir entwickeln Lösungen für die akkurate Einschätzung der Leistungsfähigkeit einer Batterie während der Nutzung. Dabei geht es um das Second Life – also den Folgeeinsatz als Speicher in oder außerhalb von Fahrzeugen. Ansonsten bleibt die Wiederverwendung der eingesetzten Rohstoffe. Wir hoffen, hierzu bald Näheres mitteilen zu können. (ben)

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