Pionierin mit neuem Ziel

Vor gut dreieinhalb Jahren hatte Denise Schuster noch keine Ahnung davon, wie Lkw-Parkplätze mit E-Ladesäulen ausgestattet werden könnten. Heute treibt die Chefin von Park Your Truck (PYT), dem wohl größten Lkw-Parkplatzbetreiber in Europa, die Elektrifizierung auf den von ihrem Unternehmen betriebenen Flächen voran. Nachdem in Eching bei München, Paderborn und Bautzen Ladeangebote entstanden sind, sollen demnächst Anlagen in Göda bei Bautzen und an der dänischen Grenze folgen. „Wenn diese fünf Flächen am Markt sind und die Ladepunkte über das Reservierungssystem gebucht werden können, dann ist PYT vorne mit dabei“, sagt die 44-Jährige selbstbewusst.
Und die fünf sind nur der Anfang: Insgesamt will das Unternehmen 50 der derzeit gut 120 in Europa bewirtschafteten Parkplätze in den nächsten Jahren mit einer Ladeinfrastruktur für E-Lkw ausstatten, 30 davon in ein bis zwei Jahren. Alle für die Elektrifizierung vorgesehenen Parkplätze befinden sich in Deutschland und liegen an den Hauptachsen. Der niederländische Partner Entent, der Leitungen und Ladeinfrastruktur auf den Flächen installiert, investiert dafür 100 Millionen Euro. Wenn man so viele Flächen ausstatten wolle, auch in Großbritannien und Frankreich, wo Netzanschlüsse teils noch schwerer zu bekommen seien als hierzulande, dann sei dieser Betrag notwendig, sagt Schuster.
Für die temperamentvolle Betriebswirtin, die die Grundzüge ihrer mehrfach prämierten Geschäftsidee bei einem MBA-Studium entwickelte, ist die Elektrifizierung eine logische Konsequenz. Das „Credo“ des Unternehmens sei es, mit dem Flächenangebot Verkehre zu vermeiden, die sonst mit dem Suchen von Parkplätzen entstünden, sagt Schuster. „Biete ich aber nicht die Infrastruktur, welche die Transportbranche künftig braucht, dann bin ich wieder verantwortlich für zusätzliche Verkehre, weil die Fahrer auf meiner Fläche nicht laden oder nicht tanken können.“
Die Herausforderung dabei sei die Schaffung ausreichend dimensionierter Netzanschlüsse. Normalerweise beantrage man bei der Planung eine Leistung zwischen 1,6 und 2 Megawatt, es gebe aber auch Standorte, wo man 4 Megawatt brauche, beispielsweise an stark frequentierten Routen. Sie höre allerdings von den Netzbetreibern, dass diese die Versorgung mit der erforderlichen Energie in den nächsten zwei bis fünf Jahren häufig nicht gewährleisten könnten, sagt Schuster, die 2024 für ihr Engagement für die Zukunft des Lkw-Verkehrs mit einem der begehrten LEO-Awards der DVZ ausgezeichnet wurde.
Die Netzbetreiber können nicht immer die notwendige Energieversorgung gewährleisten. Denise Schuster,
„Die Zusammenarbeit mit den Eigentümern der Flächen, die PYT für Parkplätze mietet, klappt dagegen sehr gut“, berichtet Schuster. „Diese akzeptieren die 15-Jahres-Verträge, die nötig sind, damit sich die Investition amortisiert.“ Allerdings bekämen sie auch gratis eine Mittelspannungsleitung, durch die die Fläche aufgewertet werde. Andere Akteure, die ebenfalls Ladeangebote schaffen, fürchtet die PYT-Geschäftsführerin nicht: Bei Flächen und Angeboten sei ihr Unternehmen Vorreiter.
Auch wenn die Elektro-Euphorie aus Kosten- und Infrastrukturgründen etwas abgeflaut ist: Für Schuster ist der rein batterieelektrische Lkw-Antrieb die Zukunft. Sie verweist auf China, wo bereits große Teile der Lkw-Flotten elektrifiziert seien und sich der E-Lkw für Spediteure viel mehr lohne als der Diesel. „Da müssen wir hinkommen“, sagt sie – und denkt bereits an die Produktion von Solarstrom auf oder neben dem Parkplatz.
Unfair ist es aus ihrer Sicht, von der neuen Technik zu verlangen, dass sie gleich zu Beginn so günstig sein soll wie der über Jahrzehnte hinweg optimierte Diesel. Hier wären Verlader, die von ihren Transportpartnern den Einsatz von E-Lkw fordern, vielleicht gut beraten, etwas mehr zu bezahlen. Schließlich würden sie auch von den emissionslosen Transporten profitieren.
Mit ihren 44 Jahren gehört die alleinerziehende Mutter eines Sohnes zu den Jüngeren in ihrem 25-köpfigen Team. Das hat seinen Grund: Nachdem sie die Erfahrung machen musste, dass jüngere Mitarbeiter zur Konkurrenz wechselten, stellt sie am liebsten Menschen über 50 ein – etwa Ex-Kollegen ihres Vaters. Ältere hätten viel Erfahrung, die man gerade bei der Elektrifizierung brauchen könne. Und mancher sei nach Jahrzehnten im selben Betrieb, in dem er mitunter nicht die gebührende Wertschätzung erfahre, bereit für Neues, so die Chefin, die nach eigenen Angaben auch schon Mitarbeiter abgeworben hat. Ältere müssten auch nicht so intensiv betreut werden wie manche Jüngere, die oft den Austausch in der Kaffeeküche bräuchten – eine Begegnung, die es bei PYT, wo viel im Homeoffice gearbeitet wird, nicht gibt. „Homogene Mitarbeiterstrukturen sind nicht das Schlechteste“, so Schuster. Sind Stellen zu besetzen, wird zunächst das eigene Netzwerk abgefragt – nach qualifizierten Ex-Kollegen oder Verwandten. Auch zwei frühere Schulfreunde zählen zum Team.
Weil sie aber gemerkt hat, dass sich manche Mitarbeiter „draußen“ zu viel zumuten und im Urlaub krank werden, hat sie die Vier-Tage-Woche eingeführt. Schuster selbst muss viel reisen und wird, damit sie im Auto ihre Mails sichten kann, vom Vater gefahren, der seine Monteurstelle aufgab, um die selbstständige Tochter zu unterstützen. Bis auf zwei Personen aus dem Team haben nun in der Regel freitags alle frei, was laut Schuster gut ankommt. Sie geht dann zur Massage oder trifft sich mit anderen Selbstständigen zum Sport. Sport ist auch in der übrigen Freizeit angesagt, die sie gern mit ihrem Sohn verbringt, um den sich sonst ihre Mutter kümmert. „Ohne Eltern geht es nicht“, sagt Schuster, die auch privat gerne reist, um Neues zu sehen, etwa nach Frankreich oder Italien. (ben)


