Verfassungsschutz: „Logistikzentren stehen besonders im Fokus“

Deutsche Unternehmen und damit auch die Logistik werden immer häufiger Opfer von Cyberattacken. Nach dem jüngsten Bericht „Wirtschaftsschutz 2026“ des Digitalverbandes Bitkom verursachen sie drei Viertel aller Schäden. Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst beziffert die Schäden durch Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage auf 211 bis 270,8 Milliarden Euro.
Für Cyberattacken allein gibt er 160,4 bis 205,8 Milliarden Euro an. Die Untergrenze basiert auf sicher nachgewiesenen Angriffen. Für die Obergrenze wird zusätzlich der Anteil vermutlich betroffener Unternehmen berücksichtigt, der über dem Durchschnitt der Jahre 2021 bis 2025 liegt. Die Schadenssumme umfasst unter anderem Kosten für Betriebsausfälle, Ermittlungen, Ersatzmaßnahmen, Rechtsstreitigkeiten und Erpressung sowie Umsatzeinbußen durch Plagiate und verlorene Wettbewerbsvorteile.
Angriff im Staatsauftrag
Für den Bericht hat der Verband zwischen April und Juni etwa 1.000 Firmen ab zehn Beschäftigten und einem Jahresumsatz von mindestens 1 Million Euro telefonisch befragt. Demnach waren in den vergangenen 12 Monaten 96 Prozent der Unternehmen von Datendiebstahl oder Spionage betroffen oder vermuteten einen Angriff. Allerdings nehme die Unsicherheit darüber, ob ein Angriff tatsächlich stattgefunden hat, immer weiter zu. Nur noch 67 Prozent der Firmen waren sich dessen sicher. Im vergangenen Jahr waren es noch 87 Prozent.
62 Prozent der 671 sicher betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff der organisierten Kriminalität zuordnen. Auffällig: 37 Prozent konnten Angriffe bei einem ausländischen Nachrichtendienst verorten. 2023 seien es nur 7 Prozent gewesen. 52 Prozent der sicher betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen, 49 Prozent nach Russland. „Das bereitet uns eine extreme Sorge“, sagte Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, und fügt hinzu: „Logistikzentren stehen besonders im Fokus.“ Auf Osteuropa (ohne die EU und Russland) entfielen 34 Prozent, auf die USA 27 Prozent. Neu als relevanter Player der Wirtschaftskriminalität sei der Iran (9 Prozent).
Auch die Forscher des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sehen für Unternehmen wachsende Risiken durch hybride Angriffe. Das IW hat 1.041 Unternehmen befragt. Demnach spürt jedes fünfte Unternehmen in Deutschland Auswirkungen hybrider Bedrohungen aus dem Ausland. Darunter fallen unter anderem Cyberangriffe, Desinformation, Spionage und Sabotage. Die Unternehmen sind dadurch etwa veranlasst, den Werkschutz zu verbessern, oder sie sind durch Vorfälle eingeschränkt im operativen Geschäft. „Eher stark“ oder „sehr stark“ sind demnach vor allem größeren Firmen mit mehr als 250 Beschäftigten betroffen (39 Prozent). Nach Branchen sind es vor allem Information und Kommunikation (33 Prozent) und Energie- und Wasserversorgung sowie Entsorgung (23 Prozent). In der Branche Großhandel, Verkehr und Logistik liegt der Anteil bei 16 Prozent.
Datendiebstahl und Spionage
Als erstaunlich betrachtet Bitkom-Präsident Wintergerst, dass die Investitionen der Unternehmen in ihre Sicherheit nicht mit der steigenden Zahl der Angriffe zusammenpassen. Er hält es für notwendig, dass Firmen die eigene Software auf Sicherheitslücken überprüfen. Bei der Umfrage sei auch deutlich geworden, dass 82 Prozent der Unternehmen erwarten, dass Angreifer verstärkt künstliche Intelligenz einsetzen. Bemerkbar mache es sich den befragen Firmen zufolge an der automatisierten Anpassung von Angriffsversuchen, an der hohen Qualität gefälschter Audio- oder Videoaufnahmen und an der hohen sprachlichen Qualität in Textnachrichten. „KI ist ein Booster der Bedrohungslage“, so Selen.
Der Anteil der Unternehmen, bei denen Deepfakes Schäden verursachten, stieg von 4 Prozent im Vorjahr auf 8 Prozent. Ein neues Phänomen sind sogenannte Robo Calls – also automatisch generierte Massentelefonanrufe, die 2024 und 2025 laut Umfrage je zu 3 Prozent für Schäden verantwortlich waren. 2026 waren es bereits 14 Prozent der Unternehmen, die dies feststellten.
Sicherheitsvorfälle nur unzureichend erkannt
Mehr als die Hälfte der befragen Unternehmen hat in den vergangenen zwölf Monaten einen Schaden durch Cyberangriffe erlitten. Als wichtigsten Grund dafür nannten sie, dass sie einen Sicherheitsvorfall nur unzureichend erkannt hatten, weitere Ursachen seien Fehlkonfigurationen von IT-Systemen, ein unzureichendes Identitäts- und Zugriffsmanagement, technische Schwachstellen und veraltete Hard- und Software.
Als besorgniserregend empfindet Wintergerst, dass der Anteil der IT-Sicherheit am gesamten IT-Budget stagniere und wie 2025 bei 18 Prozent liege. Selen fügte hinzu, dass es für ihn nicht nachvollziehbar sei, dass Unternehmen zwar weniger gut auf Cyberangriffe vorbereitet sind, sie zugleich die Existenzbedrohung als geringer einschätzen. Waren 2025 noch 50 Prozent dieser Meinung, sank der Wert 2026 auf 45 Prozent ab. „Dem würde ich nicht folgen“, warnt Selen. Zugleich rechnen zwei Drittel der befragten Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten mit einer Zunahme von Cyberangriffen. (dpa/cs)
Anm. d. Red.: Diese Artikel erschien erstmals am 26. August 2026. Anlässlich der BVL Supply Chain CX im Oktober spielen wir den Beitrag mit dem aktuellen Veranstaltungshinweis noch einmal aus.



