Mexiko: Neue Impulse für Transport und Logistik erwartet

Am 11. Juni wird im legendären Aztekenstadion die Fußball-WM eröffnet. Längst sind neben den großen Logistikkonzernen auch viele Mittelständler in Mexiko aktiv. Im nördlichsten Land Lateinamerikas profitieren Logistiker von Handelsabkommen – und die Nachfrage dürfte steigen.

Das Aztekenstadion (durch Sponsoring offiziell Estadio Banorte) in Mexiko-Stadt: Hier wurden schon Pelé (1970) und Maradona (1986) Weltmeister. Die Arena fasst 83.000 Zuschauer und wird die erste sein, in der zum dritten Mal ein WM-Eröffnungsspiel angepfiffen wird. (Foto: IMAGO/Xinhua)

Als Mexiko zuletzt 1986 Austragungsland der Fußball-Weltmeisterschaft war, hatte Martin Sack bei Leschaco in Hamburg gerade seine Ausbildung zum Speditionskaufmann abgeschlossen und verfolgte das Finale Deutschland gegen Argentinien (2:3) am Fernseher. Diesmal – Gastgeber vom 11. Juni bis zum 19. Juli sind auch die USA und Kanada – ist er vor Ort: 1998 hat Sack Leschaco Mexicana gegründet, lebt und arbeitet seitdem in Mexiko-Stadt. Heute beschäftigt die Tochterfirma der Bremer Spedition fast 200 Personen in zwei Büros in der Hauptstadt und am Hafen Veracruz. „Innerhalb der Gruppe stellen wir ein wichtiges Standbein dar, weil wir uns wirtschaftlich sehr erfolgreich entwickelt haben“, sagt Sack, als Managing Director auch für Kolumbien und Peru zuständig.

Allerdings wuchs Mexikos Wirtschaft zuletzt kaum noch, 2025 laut Statistikamt INEGI nur um 0,8 Prozent. Für den wichtigsten Handelspartner der USA konstatiert Sack „seit zwei Jahren ein stagnierendes Umfeld“. Marktkenner wie er sehen Mexiko jedoch als Gewinner der US-Zollpolitik. So legten die Exporte 2025 um 7,4 Prozent zu. Ungefähr 80 Prozent der Ausfuhren gehen in die USA.

Nachteile gibt es wegen der sektoralen Sonderzölle zwar etwa bei Stahl, Aluminium und Autoteilen. Aber das Hauptvolumen ist nach wie vor durch das Handelsabkommen USMCA geregelt. 82 Prozent der Exporte in die USA erfüllten laut Germany Trade & Invest 2025 die Abkommensregeln – entsprechend legten die mexikanischen Ausfuhren in die USA trotz Zollumfelds um 8,3 Prozent zu.

Sebastian Hertel (Foto: Schryver Logistics)

Zwei große Absatzmärkte

Sebastian Hertel, Chief Commercial Officer bei Schryver Logistics in Hamburg, reist jedes Jahr geschäftlich nach Mexiko. Für die Autoindustrie sei das Land „alternativlos“, sagt er. Aus seiner Sicht spricht für Mexiko nicht nur der US-Markt, sondern auch das Land selbst mit seinen rund 131 Millionen Menschen. Schryver startete 1938 mit der ersten Niederlassung in Mexiko. Der Projektladungsspezialist übernimmt unter anderem Schwertransporte für Automotive-Kunden, befördert Tunnelbohrmaschinen, Hochöfen oder Wasserpumpen aus Deutschland nach Mexiko. Circa 40 Beschäftigte in Puebla, Monterrey, Guadalajara und Querétaro tragen ein Fünftel zum Gruppenumsatz bei. Damit ist die Tochterfirma die größte Gesellschaft außerhalb Deutschlands (45 Prozent). Alle anderen Lateinamerika-Märkte kommen zusammen auf 35 Prozent.

Für Leschaco ist die Chemiebranche weltweit eines der Hauptgeschäfte und in Mexiko laut Sack „sehr importlastig“. Die Spedition hat seit Anfang der 2000er Jahre lokale Dienstleistungen vom Ankunftshafen über die Verzollung, den Nachlauf bis zur Endbestimmung weiter verfeinert. Die Landesgesellschaft habe „viel Eigengeschäft aufgebaut“, unter anderem in den Geschäftsfeldern Pharma, Healthcare und Automotive.

Alle Bereiche seien miteinander verbunden: „Wir haben viele Chemiekunden, die auch an die Autoindustrie liefern.“ Während diese beiden Branchen momentan schwächeln, boomen dem Manager zufolge Pharmaimporte – „nicht nur Medikamente, auch Equipment für Krankenhäuser“, sagt Sack.

Iovana Mucino Lugo (Foto: Fr. Meyer’s Sohn)

Das familiengeführte Hamburger Logistik- und Speditionsunternehmen Fr. Meyer’s Sohn (FMS) wiederum ist mit 60 Beschäftigten in Mexiko-Stadt und Querétaro aktiv. „Forstprodukte gehören zu unseren wichtigsten Bereichen in Mexiko. Alles rund um Papier, Holz, Harz sowie Altpapier. Kunststoffabfälle stellen ebenfalls einen wichtigen Markt dar“, sagt Iovana Mucino Lugo, Geschäftsführerin der Landesgesellschaft. Ihr zufolge diversifiziert der Dienstleister aktuell in die Agrarbranche und baut das Importgeschäft unter anderem für Fertigwaren und Rohstoffe aus. „Wir entwickeln uns auch im Automotive- und Konsumgüterbereich sowie in der Elektronikbranche sehr gut“, ergänzt Trond Prestroenning, CEO & President bei FMS Americas.

Viele Logistiker sind in Monterrey

Mexiko spielt als Kfz-Produktionsland eine führende Rolle und rangiert nach Daten der internationalen Automobilherstellervereinigung OICA auf dem siebten Platz. Branchenbetriebe befinden sich in zahlreichen Bundesstaaten: Während Puebla durch das große VW-Werk bekannt ist, haben sich Zulieferbetriebe traditionell im Nordosten des Landes angesiedelt. Denn seit dem 1994 in Kraft getretenen NAFTA-Abkommen (heute USMCA) hat sich die nordamerikanische Fahrzeugproduktion eng verzahnt.

Viele Logistiker sind in Monterrey ansässig, auch FMS will dort ein Büro eröffnen. Managerin Mucino geht davon aus, dass sich an dem wichtigen Industriestandort weitere Branchen wie Stahl oder Baustoffe „sehr stark entwickeln“. Im Nordwesten plant sie in Tijuana oder Mexicali, wo Elektronik und Technologieprodukte für den Export produziert werden, ein neues Büro: „Der Markt in Kalifornien spielt eine bedeutende Rolle.“ Alle Logistiker haben zudem Niederlassungen in der zentralen wirtschaftsstarken Bajío-Region mit Bundesstaaten wie Aguascalientes, Guanajuato und Querétaro.

Modernisiertes Abkommen mit der EU

Wichtiger Wachstumstreiber ist das im Jahr 2000 in Kraft getretene EU-Mexiko-Freihandelsabkommen, das jetzt ein Update erhält. Das neue Rahmenwerk, das das Modernisierte Globalabkommen (MGA) und das Interimsabkommen über Handel (ITA) umfasst, soll die Handelsbeziehungen stärken, den Marktzugang verbessern und Investitionen zwischen den beiden Volkswirtschaften fördern. Die Abkommen werden am Freitag (22. Mai) beim EU‑Mexiko‑Gipfel unterzeichnet. Dafür reisen unter anderem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa in die mexikanische Hauptstadt und treffen Staatschefin Claudia Sheinbaum.

Die EU war 2025 Mexikos drittgrößter Handelspartner nach den USA und China und zweitgrößter Exportmarkt, während Mexiko auf Platz elf der EU-Handelspartner rangierte, knapp hinter Brasilien und vor Kanada.

Martin Sack (Foto: Leschaco)

Starkes Cross-Border-Geschäft

Längst sind neben internationalen Logistikkonzernen auch fast alle global agierenden Mittelständler in Mexiko, wie Sack beobachtet. Geschäftschancen gibt es ihm zufolge vor allem im mexikanischen Binnenmarkt sowie im Außenhandel mit den USA und Lateinamerika. Aus seiner Sicht bietet das Land mit seinen großen Distanzen und Zugang zu zwei Ozeanen für Gütertransporteure viele Möglichkeiten. Das Cross-Border-Geschäft mit den USA wachse „sehr stark“. Täglich überqueren tausende Lkw mit Komplett- oder Sammelladungen die trockene Grenze, vor allem über Laredo im US-Bundesstaat Texas. Leschaco partizipiert an diesem Geschäft und organisiert zum Beispiel Komplett-Lkw innerhalb von zwei bis vier Tagen von Mexiko-Stadt nach Chicago. Mit Lateinamerika wickelt der Logistiker vor allem See- und Luftfrachtexporte nach Kolumbien ab, auch nach Brasilien, Peru und Ecuador.

Für den Seeverkehr mit Europa sind Veracruz und Altamira am Golf von Mexiko am wichtigsten, für Asienverkehre die Pazifikhäfen Manzanillo und Lázaro Cárdenas. Darüber gelangen laut Schryver-Manager Hertel viele Komponenten aus China und Asien ins Land, um in mexikanische Autos verbaut zu werden. Auch FMS-Americas-Chef Prestroenning bemerkt, dass sich durch Trumps Zollpolitik Fertigung für den US-Markt aus China nach Mexiko verlagert hat: „Wenn Produkte in Mexiko fertiggestellt werden, lassen sich im Vergleich zu direkten Exporten aus China in die USA Zölle sparen.“

Obwohl das USMCA-Abkommen aktuell revidiert wird, erwartet Sack „keine nachhaltige Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Mexiko und den USA“. Seit März beobachtet er „eine deutliche Erholung“ der mexikanischen Wirtschaft. Auf die Fußball-WM führt er das allerdings nicht zurück. (cs)

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