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Mit einem Stopp alles im Shop

Kay Schiebur (links) und Ralph Dreger vor der Lekkerland-Zentrale in Frechen bei Köln. (Foto: Oliver Schmauch)

24. Oktober 2013

Es gibt Tankstellen, die aussehen wie Einkaufsmärkte, bei denen man unter anderem Benzin zapfen kann. Einige Kunden wollen auch gar nicht tanken, sondern Grillkohle und Fleisch kaufen, ein frisches, belegtes Brötchen mit Kaffee frühstücken oder schnell noch ein Geschenk für die Geburtstagsfeier am Abend besorgen. Entsprechend umfangreich ist mittlerweile das Sortiment vieler Tankstellenpächter, für die der Konsumgüterabsatz ein wichtiger Umsatzbringer ist. Die Produkte reichen von Tiefkühlwaren und Süßigkeiten über Tabak und Zigaretten bis hin zu Non-Food-Artikeln wie Film- und Tonträgern sowie Autozubehör.

Je nach Jahreszeit ändert sich außerdem der Schwerpunkt des Sortiments, es gibt saisonale Aktionsspitzen wie im klassischen Handelsgeschäft. All das muss berücksichtigt werden, wenn die Regale stets gut gefüllt sein sollen. Zudem soll die Lieferung an einen Shop den regulären Betrieb der Tankstelle nicht aufhalten oder eine Zapfsäule zu lange blockieren.

Das breite Produktsortiment hat jedoch viele Anlieferungen zur Folge. Tiefkühlkost kommt separat von Tabakwaren, ebenso werden ungekühlte Lebensmittel und Backwaren extra angeliefert. Die Folge sind viele Stopps an den Verkaufstellen. Doch das muss nicht sein. Die Firma Lekkerland, die zahlreiche Tankstellen mit Convenienceartikeln beliefert, hat ein Konzept entwickelt, um die unterschiedlichen Produkte mit einer Anlieferung zum Tankstellenpächter zu bringen. Das reduziert bei ihm den Aufwand erheblich, denn was zuvor in mehreren getrennten Lieferungen gebracht wurde, kommt nun gebündelt auf einmal. Technisch möglich wird dies durch speziell für das Unternehmen entwickelte Mehrkammerfahrzeuge, in denen sich Produkte in drei verschiedenen Temperaturzonen transportieren lassen. Das Konzept wurde in dieser Woche im Rahmen des 30. Deutschen Logistik-Kongresses in Berlin mit dem Deutschen Logistik-Preis ausgezeichnet.

Doch das Innovative an diesem Konzept sind nicht nur die Fahrzeuge für die temperaturgeführten Transporte, sondern die gesamte Prozessumstellung, die Lekkerland im Oktober vergangenen Jahres für die Pächter der Tankstellenkette von Aral umgesetzt hat. "Die Idee dazu ist in einem Strategiemeeting entstanden", erzählt Kay Schiebur, Logistikvorstand bei Lekkerland. Ende 2011 fiel die Entscheidung, in die deutsche LKW-Flotte die von derFirma Wüllhorst Fahrzeugbau in Sellm bei Dortmund entwickelten Mehrkammerfahrzeuge verstärkt aufzunehmen. Dann ist man mit dem Konzept auf den Kunden zugegangen. Schließlich ist die neue Anlieferstrategie auf Anhieb bei rund 61.400 Tankstellen gestartet. Probleme habe es beim Anlauf laut Schiebur und Ralph Dreger, verantwortlich für die Logistik der Landesgesellschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz, nicht gegeben, denn die Disposition und Tourenplanung sei Wochen im Voraus immer wieder durchgespielt worden.

Viel Verantwortung für Fahrer

Ebenfalls wurden die Prozesse in den Logistikzentren restrukturiert, und die Fahrer erhielten Schulungen im Umgang mit der neuen Technik der Mehrkammerfahrzeuge. Das Konzept dafür hat Lekkerland zusammen mit dem Tüv, dem Fahrzeugaufbauer und dem Kühlmaschinenhersteller entworfen. "Die technischen Anforderungen sind viel anspruchsvoller geworden", betont Schiebur. "Die Fahrer müssen die Kühltechnik beherrschen, sich mit der Telematik auskennen und nicht zuletzt die Trennwände der Kühlkammern setzen können." Entsprechend umfangreich war daher das Schulungsprogramm, das dem Projekt vorausging.

Derzeit sind 160 Mehrkammerfahrzeuge mit eigenen Fahrern im Einsatz, die alle zum eigenen Fuhrpark von Lekkerland gehören. Die Fahrer tragen viel Verantwortung. So werden sie beispielsweise alarmiert, sollte es zu Temperaturabweichungen kommen. Dies wird internetbasiert mit Telematik überwacht. Dadurch habe sich Schiebur zufolge die Qualität in den Prozessabläufen deutlich erhöht. Die Fahrer genießen bei Lekkerland einen hohen Stellenwert, denn sie liefern nicht nur, sondern repräsentieren auch das Unternehmen gegenüber den Kunden. Zufriedene Mitarbeiter sind dafür die Voraussetzung. "Wir zahlen nach Groß- und Außenhandelstarif", unterstreicht der Manager. Das Alter liege im Schnitt bei 45 Jahren, im Durchschnitt seien die Fahrer seit 15 Jahren im Unternehmen beschäftigt. Die Fluktuation sei sehr gering.

Die Fahrer sind das Gesicht zum Kunden, die Multitemperatur-LKW die technische Basis für die ausgereifte Distributionslogistik. Die Fahrzeuge werden durch ihre in Längs- und Querrichtung verschiebbaren Trennwände den täglich schwankenden Mengen der drei Sortimentsbereiche (ungekühlt, frisch, tiefgekühlt) gerecht. Auftragsspitzen in der Feindistribution lassen sich effizient berücksichtigen. Die Kühlanlage wird auf die jeweilige Kammerkonfiguration eingestellt, wobei das Lagerpersonal die Ladefläche je nach Tourenplanung in Temperaturzonen einteilt und vorkühlt.

Die Kunden bestellen bis 12 Uhr und erhalten am Folgetag ihre Artikel für drei Sortimente auf einmal - aus der ehemaligen Multi-Stopp-Strategie ist eine Ein-Stopp-Strategie geworden. "Der große Vorteil für den Kunden ist der erheblich geringere Aufwand, denn er gibt nur eine Bestellung auf, bekommt eine Lieferung und eine Rechnung. Somit hat er weniger Warenannahmen und Warenkontrollen", verdeutlicht Schiebur den Vorteil. Die Lieferzeitfenster betragen dabei drei Stunden und werden zu über 95 Prozent eingehalten. Die Kunden erhalten aus der Tourenplanung ein Lieferavis mit der vorgesehenen Ankunft. Am Vortag bekommen sie zudem Rechnung und Lieferschein per E-Mail. Die elektronischen Belege erzeugt Lekkerland aus einer Telematikanwendung, die das Drucken der Dokumente überflüssig macht.

Höhere Liefermenge, weniger Kilometer

Nach Unternehmensangaben reduziert die gebündelte Anlieferung die Zahl der jährlichen Stopps bei den Shopbetreibern um 260.000 - bei gleichzeitig höherer Liefermenge und geringerer Kilometerleistung. Das wiederum schlägt sich durch die Senkung der CO2-Emissionen in einer besseren Umweltbilanz nieder - ein willkommener Nebeneffekt, welcher der Nachhaltigkeitsstrategie des Unternehmens zugute kommt und für Marketingzwecke nützlich ist.

Damit das Konzept aufgeht, müssen die Multitemperaturfahrzeuge allerdings in der richtigen Reihenfolge beladen sein, damit sich bei einem Tourstopp die Waren problemlos und ohne zwischenzeitliche Teilentladung entnehmen lassen. Voraussetzung hierfür ist die Kommissionierung in den Logistikzentren. Früher hat Lekkerland die Tiefkühlwaren für eine Tour im Logistikzentrum vorkommissioniert. Die endgültige Lieferung für eine Tankstelle hat der Fahrer dann auf dem Fahrzeug zusammengestellt.

Das gehört nun der Vergangenheit an. Die Lagerarbeiter erledigen die Feinkommissionierung mit Hilfe von Pick-by-Voice-Technik bereits nach der Auftragsvergabe. Sogar im Tiefkühlbereich ist dadurch die gleichzeitige Bearbeitung von bis zu sechs Aufträgen möglich. Zudem erweiterte Lekkerland die vier bestandsführenden Zentrallager für Tiefkühlprodukte in Berlin, Hamburg, München und Oberhausen um 6300 qm. Gerade der Umsatz mit Tiefkühlprodukten hat seit Einführung der Ein-Stopp-Strategie rasant zugelegt - um etwa 50 Prozent. So sind allein bei Tiefkühlbackwaren über 100 neue Produkte für Aral hinzugekommen.

Daher wurde auch die Kapazität für die Zwischenlagerung und den Umschlag in elf weiteren Verteilzentren vergrößert. Die Standorte erhalten von den Zentrallägern täglich Tiefkühlwaren im Cross Docking. Die Umstrukturierung hat sich Lekkerland einiges kosten lassen. "Wir haben 2012 in Fuhrpark und Lagerstandorte rund 28 Mio. EUR investiert", beziffert Schiebur die im vergangenen Jahr größte Einzelinvestition der Lekkerland-Gruppe.

Europaweite Ausrollung

Nun steht der Vertragabschluss mit einer weiteren Mineralölgesellschaft kurz bevor. Es hat zwar nicht die Dimension wie das Aral-Geschäft, ist aber dennoch ein wichtiger Schritt auf der Agenda des Unternehmens. Das Konzept soll langfristig in weiteren europäischen Ländern umgesetzt werden. "In den Niederlanden und in Belgien ist bereits ein Drittel der Flotte auf Multitemperatur-Lkw umgestellt", berichtet Schiebur. Das Belieferungskonzept ist zudem übertragbar auf andere Geschäftsbereiche, beispielsweise auf die Belieferung von Flughafen- und Bahnhofgastronomiebetrieben oder Schnellrestaurants. Davon verspricht sich Lekkerland vor allem in Spanien noch Wachstumschancen, denn in dem wirtschaftlich gebeutelten Land haben Fast-Food-Ketten wie Burger King oder Pizza Hut Konjunktur. Bis Ende 2014 will das Unternehmen das neue Belieferungskonzept in allen Landesgesellschaften ausrollen.

Hierzulande werden Tankstellenkunden künftig mit noch reichhaltigeren Sortimenten rechnen können. Die effiziente Belieferung durch Lekkerland ist jedenfalls gegeben. Und die Mehrkammerfahrzeuge ließen sich sogar noch um eine vierte Temperaturzone erweitern.

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