Deutsche Verkehrs-Zeitung

29.03.2019 | Curiohaus, Hamburg

LEO 2019

Kategorie Unternehmer

Horst Bartels

Großes Engagement in Wilhelmshaven

Sein unermüdlicher Unternehmergeist zeichnet Horst Bartels aus wie kaum einen anderen. Dabei hat es ihm vor allem der Hafen Wilhelmshaven angetan. Dort engagiert sich die von ihm 1975 gegründete Firma Nordfrost, und seit vergangenem Jahr nimmt das Geschäft richtig Fahrt auf. Bartels investiert dabei nicht nur in Tiefkühlhäuser, sondern auch in General Cargo und Projektlogistik. „Alles, was ein Hafen braucht, das machen wir“, betont der LEO-Preisträger in der Kategorie Unternehmer.

Das Nordfrost Seehafen-Terminal ist im Containerhafen Wilhelmshaven angesiedelt. Von dort bedient das Unternehmen globale Märkte. In Deutschland selbst besteht ein flächendeckendes Netz aus Logistikzentren, die Transportlogistik ist europaweit aufgestellt. So positioniert bietet Nordforst Kunden aus Industrie und Handel internationales Supply Chain Management.

Im vergangenen Jahr verkündete der Nordfrost-Chef dann den Einstieg seines Unternehmens in die Frischelogistik. Bislang war der Dienstleister in diesem Segment nur als Lagerhalter und sehr eingeschränkt als Feindistributor tätig. Mit dieser Entscheidung gehen umfangreiche Investitionen in neue Logistikzentren sowohl für Tiefkühl- als auch Frischeware einher.

Bartels hat eine Banklehre und ein Studium der Betriebswirtschaft absolviert. Anschließend hat er kurz bei einem Zulieferer der Bauwirtschaft gearbeitet. Er sammelte sechs Jahre lang Erfahrung, bis dann das selbstständige Unternehmertum bei ihm die Oberhand gewonnen hat. So begann er vor 44 Jahren mit der Einlagerung von Magermilchpulver. Große Mengen kamen seinerzeit aus den Staaten der Europäischen Gemeinschaft, es waren sogenannte Interventionsbestände. Später stieg er dann ins Tiefkühlgeschäft ein.

Über Jahrzehnte hat Bartels Nordfrost aufgebaut. Das Unternehmen erwirtschaftet jährlich mit etwa 2.800 Beschäftigten einen Umsatz von rund 400 Mio. EUR. Das Netz umfasst 40 Kühlhausstandorte, die Tiefkühllagerkapazität beträgt 3,5 Mio. m2 sowie 760.000 Palettenstellplätze. Zuletzt wurde der Standort in Versmold erweitert. Allein in den Standort hat Nordfrost rund 23 Mio. EUR investiert.

Horst Bartels, der privat den Handballverein der Stadt Wilhelmshaven unterstützt, blickt auf eine lange Unternehmerkarriere mit Höhen und Tiefen zurück. Sein Engagement in Wilhelmshaven und an anderen Standorten wird der heute 74-Jährige fortsetzen. Ans Aufhören denkt er noch nicht. Seine Tochter Britta Heine und sein Sohn Falk sind Mitglieder der Geschäftsführung.

Kategorie Innovation

Clare Jones

Drei-Wörter-Adressen für die globale Zukunft

Die Managerin, die mit dem LEO in der Kategorie Innovation ausgezeichnet wird, hat weder Informatik noch Betriebswirtschaftslehre, noch Marketing studiert. Sondern englische Literatur und Geografie. Also die besten Voraussetzungen, weltweit das Geschäftsmodell von „What3words“ bekanntzumachen – als Chief Commercial Officer des Londoner Start-ups. Und das macht Clare Jones mit viel Engagement und Enthusiasmus.

Die wenigsten Orte auf unserem Globus haben eine Adresse. Deshalb entwickelten Chris Sheldrick und seine Freunde Jack Waley-Cohen und Mohan Ganesalingam, die Gründer von What3words, ein Adresssystem, mit dem sich jeder Flecken auf der Welt finden lässt. Und zwar mit drei Wörtern. Dafür wandelt das Unternehmen GPS-Daten in einprägsame Adressen um. Orte lassen sich damit wesentlich genauer bestimmen als durch herkömmliche Angaben mit Straßennamen und Hausnummern. Eingesetzt wird das System bei Lieferdiensten, Drohnen und bald auch bei der Navigation von selbstfahrenden Autos.

Zurück zu Clare Jones. Von Anfang an war die Cambridge-Absolventin vom Konzept fasziniert, das die Gründer 2013 erdacht hatten: eine Idee, um die Welt ein wenig besser zu machen. Nach ihrem Studium arbeitete Jones vor allem in sozialen Projekten mit Nichtregierungsorganisationen. Sie war halt immer schon an der Kombination aus Business und Sozialem interessiert. Deshalb macht es die What3words-Chefverkäuferin und damit auch das Gesicht des Start-ups stolz, dass ihre Lösung nicht nur Unternehmen hilft, sondern immer öfter auch in Krisensituationen.

Mit so viel Begeisterung konnte Clare Jones Konzerne wie den Automobilhersteller Daimler oder die Deutsche–Bahn-Tochter DB Schenker für die Geschäftsidee von What3words gewinnen. Deutsche Bahn Digital Ventures hat in das Londoner Unternehmen investiert. Und der zukünftige Daimler-CEO Ola Källenius hat sich als Forschungsvorstand dafür engagiert, bis zum Jahr 2020 in Mercedes-Fahrzeugen What3words als Standard zu etablieren.

Wer wie Clare Jones so viel für ein internationales Unternehmen unterwegs ist, hat nichts mit Brexit im Sinn. Sie ist vielmehr mit viel Engagement dabei, ihre Landsleute zu überzeugen, in der Europäischen Union zu bleiben. Auf Twitter ist ein Bild von Clare Jones vom 23. März zu sehen. An dem Tag versammelten sich in London über eine Million Brexit-Gegner, um in einem riesigen Protestzug zum Parlament zu ziehen. Mittendrin Clare Jones, die Europafahne ins Gesicht geschminkt. Unter das Bild hat sie drei Wörter geschrieben: Peoples, Vote, March.

Kategorie Mensch

­Dieter Schröder

Der Radfahrer und der LKW-Unternehmer 

Fast jeden Tag werden Unfälle gemeldet, an denen Radfahrer und LKW beteiligt sind. Allein über 30 der sogenannten Abbiegeunfälle enden jedes Jahr tragischerweise tödlich. Seit längerem arbeiten viele daran, deutlich stärker für dieses Thema zu sensibilisieren.

Einer davon ist Dieter Schröder. Er ist mit seinem im hessischen Hanau beheimateten Unternehmen Helco Transport- und Pharmalogistik leidenschaftlicher Spediteur und Transportunternehmer. Und er ist schon sein Leben lang leidenschaftlicher Radfahrer, ist Radrennen gefahren, war hessischer und saarländischer Meister. Auch heute noch, im Alter von 68 Jahren, radelt er etwa 1.000 km jeden Monat.

Das ging viele Jahre gut – bis zum 12. Juni vergangenen Jahres. Er wollte abends mal eben seine 50 bis 60 km trainieren, da passierte es. Ein Tanksattelzug übersieht ihn beim Einfädeln, er gerät unter das Fahrzeug. Da er sich beim Sturz instinktiv klein macht, befindet er sich glücklicherweise zwischen den Rädern. Drei Rippenbrüche, ein gebrochenes Fußgelenk, Milzriss und starke Prellungen innerer Organe sowie Hautabschürfungen sind die Folge, zwei Wochen liegt er im Krankenhaus.

Seine Doppelrolle beschäftigt ihn sehr: „Ich bin Transportunternehmer und werde als Radfahrer fast von einem LKW zu Tode gefahren.“ Das veranlasst ihn, noch mehr für die Sicherheit zu tun. Natürlich hat er schon zuvor bei seinem Unternehmen Helco Transport- und Pharmalogistik auf Sicherheitssysteme bei seinem Fuhrpark Wert gelegt. Doch jetzt achtet er noch mehr darauf, dass seine Fahrzeuge mit noch besseren Systemen ausgerüstet werden. Nicht nur optische, sondern auch akustische Systeme sollen es sein. Denn: Sein Unfall wäre wahrscheinlich nicht passiert, hätte der LKW einen Fronterkennungsassistenten gehabt.  

Schröder geht verstärkt an die Öffentlichkeit, adressiert seine Botschaft an die Politik, wendet sich an seine Unternehmerkollegen. Er appelliert, wo er kann, für den stärkeren Einsatz von Sicherheitssystemen in LKW. Die Politik müsse verbindliche Vorgaben machen und unterstützen, fordert er. Seine Unternehmerkollegen dürften sich von zusätzlichen Aufwendungen nicht schrecken lassen und sollten ihre LKW bestmöglich ausstatten – die Klage über Mehrkosten lässt er in einem reichen Land wie Deutschland nicht gelten. Und er hat einen Aufkleber für LKW-Hecks kreiert, um weiter zu sensibilisieren – „Sicherheits- und Assistenzsysteme können Leben retten“ steht darauf. Für sein Engagement zeichnet ihn die DVZ mit dem LEO in der Kategorie Mensch aus.

Kategorie Politik

Karima Delli und Michael Cramer

Abgeordnete für Europa

­In diesem Jahr steht für die Europäische Union viel auf dem Spiel. In wenigen Wochen wird sich erweisen, ob die in vielen Staaten festzustellende Rückbesinnung auf nationales Denken sich bei den Wahlen zum Europäischen Parlament manifestieren wird. Ob der Nationalismus per Votum auf die Ebene der Union übertragen wird und in der Lage sein wird, die Arbeit dort zu torpedieren.

Da ist es kein Zufall, dass die DVZ in diesem Jahr einen LEO in der Kategorie Politik vergibt. Und noch weniger zufällig geht er an zwei Europa-Politiker: an die Französin Karima Delli und den Deutschen Michael Cramer. Beide gehören der Grünen-Parteifamilie an – und beide werden ausgezeichnet für ihren Einsatz in der Europäischen Verkehrspolitik­.

Dieses Engagement war beiden nicht in die Wiege gelegt. Die Französin ist in der nordfranzösischen Textilindustriestadt Roubaix geboren, die heute als ärmste Kommune des Landes gilt. Sie war das 9. von 13 Kindern einer Migrantenfamilie aus Algerien – die Eltern des Lesens und Schreibens unkundig. Dennoch hat sie es an die Universität und zunächst ins Pariser und dann ins Europäische Parlament geschafft. Heute ist sie Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Hohen Haus.

In dieser Funktion hat sie Michael Cramer abgelöst, der schon seit 2004 dem Europäischen Parlament angehört. Er hätte erfolgreicher Trompeter werden können. Aber er entschied sich für die Politik, zunächst im Berliner Abgeordnetenhaus, dann im Europäischen Parlament. Erfolgreich, denn Vote, ein einflussreicher Thinktank in Sachen EU, wählte ihn vor drei Jahren zum einflussreichsten deutschen Verkehrspolitiker in der Union.
Die Liste der Gesetzgebungsprozesse ist lang, denen Delli und Cramer ihren Stempel aufgedrückt haben. Die Französin hat sich federführend vor allem um die Themen städtische Mobilität, autonom fahrende LKW und den multimodalen Transport auf den Korridoren der transeuropäischen Verkehrsnetze gekümmert. Und sie hat einen Preis organisiert für Start-ups in der Mobilität, der im April zum zweiten Mal vergeben wird.

Cramers Name ist vor allem mit Eisenbahnpolitik verbunden. Er hat sich durch die Mitarbeit an den Eisenbahnpaketen verdient gemacht: Jener Gesetzgebung, die dazu dient, bei der Bahn den europäischen Binnenmarkt zu schaffen, der auf der Straße längst existiert.

In einem wichtigen Jahr für die europäische Politik ehrt die DVZ das verkehrspolitische Engagement der beiden mit dem LEO in der Kategorie Politik.

Kategorie Lebensleistung

Jörg Conrad

Mit ganzem Herzen Spediteur

Allzu viele mittelständische Akteure, die in der Speditions- und Logistikszene international noch in der obersten Liga mitspielen können, gibt es nicht mehr. Einer ist Lexzau, Scharbau aus Bremen, besser bekannt als Leschaco. Das bereits 1879 gegründete Unternehmen gehört heute zu den zehn größten Seefrachtspeditionen in Deutschland. Und in der Chemielogistik ist es ein globaler Top Player. Dazu gemacht hat es in den vergangenen vier Jahrzehnten CEO und Inhaber Jörg Conrad. Diese Lebensleistung würdigt die DVZ mit einem LEO.

Seine Karriere startete der 1954 Geborene nach einer Banklehre 1976 im Berliner Betrieb der zur Leschaco-Gruppe gehörenden Anker Schiffahrts-Gesellschaft. Doch schon 1980 packte ihn das Fernweh. Er wollte die Welt kennenlernen, was er in den folgenden fünf Jahren ausgiebig tat. Die Stationen: USA, Brasilien und Südafrika. 1985 beorderte ihn der Vater zurück nach Deutschland. In demselben Jahr starb der Unternehmenslenker. Für Jörg Conrad hieß das, früh Verantwortung zu übernehmen. 1986 erhielt er Prokura, 1988 wurde er geschäftsführender Gesellschafter. Seit 1992 ist er Alleininhaber der Unternehmensgruppe.

Unter seiner Führung ist Leschaco zu einem internationalen Logistiker geworden – mit gut 2.500 Mitarbeitern in über 70 Büros in mehr als 22 Ländern. Die Produktpalette wurde um Kontrakt- und Tankcontainerlogistik erweitert. Kerngeschäft bleibt aber die internationale Spedition, entsprechend dem Leschaco-Leitspruch „Wir sind gerne Spediteure­“.

Dass sich das Geschäft rasant wandelt – Stichwort Digitalisierung – kann Jörg Conrad dabei nicht schrecken. Schon früh etablierte er bei Leschaco eine weltweit einheitliche IT-Landschaft. Am Stammsitz in Bremen beschäftigt das Unternehmen allein 20 Software­entwickler und hat mit Logward im vergangenen Jahr auch ein Digital-Start-up gegründet.

Gute Mitarbeiter sowie die zwischenmenschliche Kommunikation sind und bleiben für den LEO-Gewinner indes das A und O. „Denn Roboter können keine strategischen Entscheidungen treffen, sondern sie nur umsetzen“, betont er. Leschaco investiert daher massiv in den Nachwuchs und hat weltweit allein 120 Auszubildende.

Im November wird Jörg Conrad 65. Ans Aufhören denkt er zwar noch nicht; wie es bei Leschaco an der Unternehmensspitze weitergehen soll, hat er aber schon überlegt. Sein Sohn Constantin rückt im Sommer in die Geschäftsführung auf. Denn eines ist für Jörg Conrad glasklar: Leschaco soll eine „unabhängige und innovative Unternehmensgruppe“ bleiben.