Wie die Organisierte Kriminalität Logistik ausnutzt

DVZ: Herr Erdmann, was ist derzeit die größte Bedrohung für den Hafen?
Oliver Erdmann: Aus meiner Sicht ist das der Rauschgifteinfuhrschmuggel. Er birgt die Gefahr einer Infiltrierung durch die Organisierte Kriminalität. Die damit verbundene Gewalt ist in Hamburg nicht so dramatisch wie etwa in Rotterdam oder Antwerpen. Aber Rauschgiftkriminalität ist in gewisser Weise immer gewaltimmanent.
In den Sicherstellungen des Zolls macht Kokain nach Gewicht den größten Anteil aus. Wie gelangt es nach Deutschland?
Kokain sucht sich immer den Weg des geringsten Widerstandes. Sie müssen Europa als einen großen Rauschgiftmarkt verstehen. Ob Kokain über den Hamburger Hafen, über Bremerhaven oder Antwerpen reinkommt, ist selten relevant. Internationale Tätergruppierungen agieren hochflexibel. Wenn der Container erst in der EU ist, dann sind Kontrollen sehr unwahrscheinlich.
Welche Schmuggelmethoden begegnen Ihnen am häufigsten?
Eine klassische Schmuggelmethode ist der „Rip-Off“. In einem südamerikanischen Ladehafen wird der Container aufgebrochen und Kokain in großen Taschen hinter die Tür gepackt. Danach kommt ein gefälschtes Siegel davor. Wenn der Container im Hamburger Hafen gelöscht wird, holt die Taschen jemand raus, bevor sie dem Zoll entgegenfallen. Diese Variante sehen wir in letzter Zeit nicht mehr so häufig, weil die Taschen in einer Containerprüfanlage gut zu detektieren sind. Eine zweite Möglichkeit ist, die Kokainpakete in der Ware zu verstecken, zum Beispiel in Bananenkartons. Hier können Täter die größte Stoffmenge schmuggeln, theoretisch 10.000 Kilogramm in einem Reefer. Diese Methode ist immer noch üblich. Bei einer dritten Methode liegt das Rauschgift in der Containerstruktur. Ein Reefer bietet eine Menge Verstecke: im Boden, im Kühlaggregat, in den Wartungsklappen.
Zuletzt wurde weniger Kokain sichergestellt, der Preis blieb nahezu gleich. Das spricht dafür, dass Kartelle weiter Lieferketten ausnutzen. Wo vermuten Sie unter Logistikern blinde Flecken?
Das ist schwierig zu beurteilen, da es ein großes Dunkelfeld gibt. Aber wir sind in einem sehr intensiven Austausch mit der Hafenwirtschaft. Diese Public-private-Partnership könnte ein Gamechanger sein.
Sie bieten regelmäßig Informationsveranstaltungen für Unternehmen an. Was erwarten Sie von den Teilnehmern?
Da wünsche ich mir Offenheit, ernst genommen zu werden und eine entsprechende Resonanz. Das heißt, dass in einem Betrieb mit 300 Mitarbeitern nicht nur 2 Leute auftauchen. Aber da bin ich eigentlich nie enttäuscht worden. Die Verantwortlichen der Hafenbetriebe haben erkannt, dass ihre Mitarbeitenden im Fokus der Organisierten Kriminalität stehen könnten, und handeln entsprechend. Der Hamburger Hafen ist Herz und Motor unserer Stadt. Das sollten wir gemeinsam schützen, weil es für den Standort wirklich wichtig ist.
Da herrscht also durchweg Begeisterung für die Polizeiarbeit?
Manchmal werden die Kosten angesprochen. Klar, die Maßnahmen des Zolls können die Abläufe in der Logistikkette verlangsamen. Auch Anforderungen an Perimeter- oder IT-Sicherheit sind Kostenfaktoren. Es ist ein Spagat zwischen Sicherheitsanspruch und Wirtschaftlichkeit des Hafens. Aber dass ich mal auf einen Geschäftsführer treffe, der die Notwendigkeit unserer Maßnahmen nicht erkennt, das passiert höchst selten.
Wenn Sie illegale Substanzen sicherstellen: In welcher Verantwortung stehen die Firmen, auf deren Hof diese gefunden wurden?
Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn in einem Container mit Kaffeesäcken ein paar Taschen voller Kokain auf der Ware liegen und die Angestellten rufen die Polizei, dann drängt sich gegen die Firma kein Tatverdacht auf. Meistens haben die Unternehmen, die die sogenannte Legalware importieren, mit dem Rauschgiftschmuggel nichts zu tun.
Für Firmen gilt also keine besondere Sorgfaltspflicht?
Doch, eine gewisse Verantwortung gibt es schon. Zum Schutz des eigenen Unternehmens und der Mitarbeitenden. Für den Status als AEO müssen die Unternehmen einige Voraussetzungen erfüllen hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit und ihrer Sicherheitsstandards. Wenn sich die Firma auf einem ISPS-Gelände befindet und trotzdem wiederholt Eindringlinge auf die Anlage gelangen, beispielsweise um Kokain aus Containern zu bergen, dann machen wir die Unternehmen selbstverständlich auf die Verpflichtung zur Sicherung ihres Geländes aufmerksam.
Welche Maßnahmen empfehlen Sie?
Die Unternehmen müssen ihre Anlage inklusive IT so absichern, dass täterseitig keine Schwachstellen ausgenutzt werden können. Dann sollte die Geschäftsleitung ihrer Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitenden nachkommen und sie für Gefahren sensibilisieren, die mit Containerverkehr aus Südamerika einhergehen können. Wir freuen uns über die Bereitschaft, niedrigschwellig Auffälligkeiten zu melden, selbst wenn Fehler in der eigenen Firmenstruktur aufgedeckt werden.
Warum ist es so wichtig, Mitarbeiter zu sensibilisieren?
Weil Drogenschmuggler in der Regel auf Hafeninnentäter angewiesen sind. Wir sehen in etlichen Ermittlungsverfahren, dass Beschäftigte aus der Hafenwirtschaft der Organisierten Kriminalität geholfen haben, Rauschgift durch den Hafen zu schleusen. Das können Docker oder jemand vom Reinigungspersonal sein. Hauptsache, sie haben Zugang zu Hafenanlagen oder IT-Systemen. Allerdings ist das ein minimaler Prozentsatz derjenigen, die im Hafen arbeiten.
Wie werben Drogenbanden solche Mittäter an?
Den einen Weg gibt es nicht. Manchmal meldet sich ein alter Schulfreund und stellt Fragen, oder jemand aus dem Sportverein bittet um eine scheinbar kleine Gefälligkeit. Das kann sogar über Social Media passieren. Später verlangen die Kriminellen von ihnen, eine Containernummer durchzustechen oder selbst Rauschgift auf dem Terminal zu bergen. Grundsätzlich sollte man melden, wenn man Leute sieht, die auf der Hafenanlage nichts zu suchen haben.
Was springt für die Mittäter dabei heraus?
Es wird viel Geld geboten. Ich kann nachvollziehen, wenn man da in Versuchung gerät. Allerdings muss man bedenken, dass die Konsequenzen unkalkulierbar sind. Wer einmal mitmacht, hängt drin. Mal angenommen, ein Hafenarbeiter bekommt den Auftrag, aus einer Containerklappe Rauschgift zu holen, hat auf dem Weg zur Schicht einen Unfall und kommt nicht an den Container. Wen machen die Drogenschmuggler für die Fehlmenge wohl verantwortlich? Vermutlich ihn.
Wie kann man sich schützen?
Personalverantwortliche der Hafenbetriebe sollten Awareness unter ihren Mitarbeitenden schaffen. Wir weisen darauf hin, die eigene Sichtbarkeit in Bezug auf den Job im Hafen online und offline zu reduzieren. Das Wichtigste ist, sich zu überlegen, wie man auf einen Anwerbeversuch reagiert. Da empfehlen wir, unmissverständlich Nein zu sagen. Nach unserer Erfahrung wird nach einer Absage kein Druck ausgeübt. Denn eines will die Organisierte Kriminalität im Hafen nicht: Aufmerksamkeit.
Welche Haftstrafen drohen?
Das Strafmaß bei Verurteilungen ist hier schon drastisch. Die Leute vergessen oft: Selbst wenn sie nur eine Containernummer verraten, das Kokain ohne diese eine Information aber nicht nach Deutschland gelangt wäre, werden sie wahrscheinlich als Mittäter angeklagt.
Angenommen, Sie wären für einen Tag Hafenkönig und dürften machen, was Sie wollen. Wodurch würden Sie Ihren Job als Polizist erleichtern?
Ich würde gern in alle Container, die im Hafen ankommen, reingucken können. Dann hätte ich mal ein umfassendes Bild vom Rauschgiftschmuggel, das Dunkelfeld. Und ich würde gern wissen, wie viele Hafeninnentäter es wirklich gibt. Im Hafen arbeiten rund 50.000 Menschen. Wahrscheinlich sind 99,9 Prozent davon gesetzestreue Bürger, machen alles richtig. Aber ich weiß es nicht sicher. Drittens würde ich den Hafen physisch so absichern, dass niemand unerlaubt auf die Terminals gelangen kann.



