Vorteile von Fortschritt werden nicht gesehen
Innovationen haben in allen Wirtschaftssegmenten einen hohen Stellenwert. Fortschrittliche Unternehmen sichern sich dadurch oft Wettbewerbsvorteile, und Technologieoffenheit kann zu einem positiven Image beitragen. Das wiederum hilft bei der Suche nach Fachkräften, die sich in vielen Bereichen als zunehmend schwierig erweist. Das gilt im Besonderen für die Logistikwirtschaft. Man könnte also meinen, dass Innovationsfähigkeit eigentlich ein hohes und gefördertes Gut sein müsste. Doch für viele Unternehmen der Branche scheint das gerade nicht der Fall zu sein.
Im Rahmen einer Dissertation hat die Bundesvereinigung Logistik ermittelt, wie es um das Innovationsmanagement in Deutschland bestellt ist – sowohl bei Logistikdienstleistern als auch in Industrie und Handel. Befragt wurden 117 Logistik- und Supply Chain-Management-Experten und Entscheider aus Industrie und Handel sowie 213 Experten aus Logistikdienstleistungsunternehmen. Das ernüchternde Ergebnis: Logistikdienstleister stecken vergleichsweise wenig Ressourcen in die Entwicklung neuer Services, und sie folgen dabei keinem methodischen oder strukturierten Vorgehen.
Bedenklich ist auch die Aussage im Digitalisierungsindex des Bundeswirtschaftsministeriums: Demnach ist der Sektor Verkehr und Logistik in Sachen Forschungs- und Innovationsaktivitäten das Schlusslicht unter zehn analysierten Branchengruppen. Auch das passt nicht zu den vielfachen Bekundungen auf Branchenveranstaltungen, wie fortschrittlich doch das Segment sei.
Eine grundlegende Frage ist, ob Dienstleister von sich aus innovationsstark sein wollen oder ob sie lediglich so fortschrittlich sind, wie es ihre Auftraggeber erwarten, und die Entwicklung neuer Lösungsansätze oder Erfahrung mit neuen Technologien erst mal anderen überlassen. Zweifellos gibt es durchaus sehr innovative Unternehmen unabhängig von ihrer Größe. Aber insgesamt als innovativ kann sich die Branche nicht guten Gewissens bezeichnen.
So nehmen es offenbar auch die Auftraggeber wahr. Immerhin gehen 41 Prozent davon aus, dass ihnen die Zusammenarbeit mit einem innovativen Partner Effizienz bringt und Kosten spart. Zugleich geben ungefähr genauso viele aus Industrie und Handel an, dass sie Dienstleister für wenig bis gar nicht innovativ halten. Und dass jeder dritte Verlader nicht bereit ist, für einen innovativen Dienstleister mehr zu bezahlen, zeugt von Geringschätzung. Für solche Auftraggeber, denen Mehrwert nicht mehr wert ist, könnte es zunehmend schwieriger werden, qualitativ hochwertige Serviceanbieter beispielsweise in der Kontraktlogistik zu finden.
Heutzutage sollten Verlader aus Industrie und Handel an zuverlässigen Dienstleistern, die ihre Lieferketten sichern, sehr interessiert sein. Wenn Serviceanbieter innovative Technik oder Verfahren einsetzen und sich in die Systeme der Auftraggeber gut integrieren können, bringt das beiden Seiten Vorteile und kann die Basis für langfristig stabile Beziehungen sein.
Insofern haben innovative Dienstleister eine gute Chance, sich im Markt positiv hervorzuheben, denn sie kämpfen weder in einem fortschrittlich an der Spitze stehenden Segment noch in einem hochtechnisierten Wettbewerbsumfeld. Viele Konkurrenten schlafen schlichtweg. Seit langem raten Experten, dass Unternehmen etwa 1 bis 2 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung investieren sollten, um Innovationen voranzutreiben. Die Weiterentwicklung bestehender Prozesse, Services und Verfahren – also inkrementelle Innovationen – sollte eigentlich im Interesse eines jeden Dienstleisters liegen.


