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Frauen in der Logistik: Carola Zehle

Ohne Regenmantel schneller bekannt

20.08.2009 | In fünfter Generation führt Carola Zehle (60) die Tiedemann-Gruppe. Größte Herausforderung für die dreifache Mutter war der Firmenumbau von der klassischen Stauerei zum modernen Logistikunternehmen im Hamburger Hafen.

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Von Kerstin Kloss

Überraschungseffekte mag Carola Zehle. In hochhackigen Schuhen und knielangem Rock betritt sie an einem Frühlingsnachmittag die Halle von CT-Hansepack im Hamburger Freihafen. Bevor sich die Augen der Besucher an das gedämpfte Licht im Lager gewöhnt haben, liegt die blonde Chefin einem jungen Mann in den Armen. "Sie müssen nicht denken, dass ich jedem meiner Mitarbeiter um den Hals falle", stellt sie charmant, aber entschieden klar. "Das hier ist mein Sohn." Er heißt Robert Etten und ist Betriebsleiter bei CT-Hansepack.

5,8 Mio. EUR hat der 1996 gegründete Container-Packbetrieb 2006 eingenommen, was mehr als ein Siebtel des Gruppenumsatzes ohne Container-Inlandstationen (39,8 Mio. Euro) ausmacht. Auch in der klassischen Tiedemann-Firma (2006: 17,58 Mio. Euro Umsatz) hat sich das Containergeschäft gut entwickelt, seitdem der Anteil des konventionellen Stückguts ab 1968 immer mehr schrumpfte.

Revolutionsjahr 1968

Das war das Jahr, in dem Carola Zehle anfing. "Stauerei und Laschen, das war mehr die Domäne meiner damals drei Partner", erinnert sie sich. Containerreparatur kam gerade auf, "also stürzte ich mich da rein".

Für Überraschungen hat die elegante, zierliche Frau aus dem vornehmen Hamburger Elbvorort Othmarschen in der von Männern dominierten Hafenwirtschaft von Anfang an gesorgt. "Als Frau bin ich schneller bekannt geworden, als wenn ich einer von mehreren hundert jungen Männern mit Regenmantel oder im Winter mit dunkelblauem Mantel gewesen wäre", sagt sie selbstbewusst. Obwohl ihrer Meinung nach "das klassische Hafengeschäft, das wir hier machen", für Frauen nicht geeignet ist. "Ich habe nie geschweißt oder Container repariert oder versucht, 13-Meter-Rohre in irgendein Schiff hineinzukriegen", sagt sie.

Ihre Schiffsmaklerlehre fand sie allerdings auch nicht ausreichend, um in fünfter Generation eine Firma erfolgreich zu lenken. Mit Seminaren für Finanzwesen, Organisation und Unternehmensführung habe sie sehr viel nachgebessert. Als sie vor 39 Jahren anfing, gab es im Hamburger Hafen 28 Stauereien, "jetzt sind wir noch drei oder vier, wovon wir die größte sind", erwähnt sie stolz.

Die klassische Stauerei baute Carola Zehle zu einem modernen Logistikdienstleister um - und sicherte so das Überleben des 1879 gegründeten Unternehmens. Ihre größte berufliche Herausforderung und gleichzeitig "ein mühsamer und auch ermüdender Prozess", sagt die 60-Jährige, die wesentlich jünger aussieht.

1,4 Mio. Container jährlich befestigt und löst die Tiedemann-Gruppe heute auf Deck - hauptsächlich für die Hamburger Hafen- und Logistik AG (HHLA), den wichtigsten Kunden, am HHLA Container Terminal Altenwerder. "Die Behälter stehen da oben ja nicht lose aufeinander, sondern da sind an den Ecken Staustücke drin. Die Reihen, die nebeneinander stehen, werden dann noch einmal mit Spannvorrichtungen diagonal gesichert. Das alles machen unsere Leute manuell", erläutert die Geschäftsführerin in der ihr eigenen bodenständigen Sprache.

Ihr wichtigstes berufliches Erfolgserlebnis? Dass sie den Rahmentarif der deutschen Seehäfen zwei Mal in fast zehn Jahre dauernden, zähen Verhandlungen mit der Gewerkschaft Ver.di geändert hat. "Die Rahmenbedingungen, die für einen Containerbrücken-Fahrer gelten, waren für einen Dienstleister wie uns, der 85 Prozent Personalkosten hat, schon Mitte der 90er-Jahre nicht mehr tragbar", erinnert sie sich. Mit Strategie, Zähigkeit und weiblichem Charme hat sie sich nicht nur in dieser Situation durchgesetzt.

Frauen behindern sich

"Ich bin nicht der Ansicht, dass Männer Frauen am Karrieremachen hindern. Ich meine oft, dass Frauen sich selbst behindern", vertritt sie eine Position, die ihr manche Geschlechtsgenossinnen übel nehmen. Diese hätten die Tendenz, zu meinen, jemand müsse sie entdecken und fördern. "Es kommt aber kein Prinz, der einen auf den Schimmel hebt", sagt sie heiter. "Das männliche Tür aufmachen endet da, wo es um den eigenen Sessel geht." Das sei nicht gegen Frauen gerichtet, Männer untereinander verhielten sich genauso.

Positiv findet sie, dass Frauen eher Moderatoren als Macher sind. "Ich habe auch immer sehr stark darauf gehört, was meine Mitarbeiter gesagt haben und meine Schlüsse daraus gezogen", sagt die Unternehmerin, die gerne Psychologin geworden wäre. Frauen bezögen viele Ansichten mit ein, bevor sie sich entscheiden. "Während Männer oft mit einer vorgefassten Meinung in eine Verhandlungssituation hineingehen und die verkaufen wollen", beobachtet sie.

Dass die Chefin höchstpersönlich im Hafen vorbeischaut, kommt eher selten vor. Die meiste Zeit verbringt sie an ihrem mächtigen, roséfarbenen Marmorschreibtisch in der Hamburger Innenstadt. Während der vielen Stunden, die sie mit Planen, Finanzen und Controlling verbringt, blickt sie immer mal hinaus aufs Fleet oder auf die goldgerahmten Bilder in ihrem Büro. Eins davon zeigt ihren Vater, dessen Tod für die damals Zwölfjährige ein großer Verlust war. Carl Schramm hatte keine Gelegenheit, ihr die geschäftlichen Dinge zu erklären und sie bekannt zu machen - "das, was ich bei meinen Söhnen versuche".

So arbeitet auch der jüngste Sohn aus zweiter Ehe, Arndt Zehle, in der Tiedemann-Gruppe - als Prokurist in der Stauerei und als Geschäftsführer des deutsch-türkischen Joint Ventures ACT Logistics. Tochter Melanie ist Unternehmensberaterin in Köln.

"Ich hatte immer den Vorteil, dass ich meine Arbeitszeit selbst einteilen und mit Laptop oder Computer auch von zu Hause aus arbeiten konnte", verrät sie, wie sie drei Kinder und den Job unter einen Hut gebracht hat. "Ich kann auch vom Segelboot Faxe und E-Mails verschicken, das ist sehr angenehm", spielt sie auf eins ihrer Hobbys an. Aber eine Führungsposition sei immer mit einem großen Aufwand an Zeit und Energie verbunden, steuert sie resolut gegen. Damit kein falscher Eindruck entsteht. (erschienen in DVZ 10.5.2007, kk)

Zur Person

Carola Zehle: Nach einer Schiffsmaklerlehre wechselte die Hamburgerin 1968 in fünfter Generation zur Carl Tiedemann KG. Nach zwei Monaten war sie Schifffahrtskauffrau, zwei Jahre später persönlich haftende Gesellschafterin. Ihre Arbeit erledigt sie per Laptop. "Ich glaube, dass Frauen dazu neigen, zuhause eher mehr als weniger zu machen. Das Pflichtgefühl ist groß", sagt sie.

Das Unternehmen

Der Hafenarbeiter Carl Tiedemann gründete vor 128 Jahren eine Stauerei. Heute noch spielt das Be- und Entladen von konventionellen Gütern mit 1,8 Mio. Tonnen pro Jahr inklusive 120.000 Autoverladungen sowie das Sichern im Schiff beim ältesten Umschlagdienstleister im Hamburger Hafen eine Rolle. Aber inzwischen ist die Tiedemann-Gruppe mit 14 Einzelunternehmen auch in Bremen, Duisburg, Antwerpen, Budapest und Izmir auch im Containergeschäft stark gewachsen. Hinzu kommt die Transportorganisation Türkei/Europa und mit LHU das Luftfracht-Handling. Der Gruppenumsatz liegt bei 60,35 Mio. Euro. Es gibt 736 Mitarbeiter, davon 555 in Hamburg.

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