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Die Kernfrage stellt ein Gast gleich zu Beginn der Ersten Deutschen Nachhaltigkeitskonferenz Logistik: „Wie kann man auf Wachstum setzen, wenn das Wachstum gegen die Emissionssenkungsziele arbeitet?“ Eine steigende Weltbevölkerung fördert das Wirtschaftswachstum. Viele Nationen streben nach einem höheren Lebensstandard. Daraus ergebe sich ganz automatisch ein Wachstum, antwortet Enak Ferlemann dem Gast. Dem könne man sich nicht entziehen, sagt der Staatssekretär aus dem Bundesverkehrsministerium. Und dann fügt er noch einen denkwürdigen Satz hinzu: „Die Verkehrspolitik darf nicht allein den Klimaschutzanforderungen unterworfen werden.“ Das Transport- und Logistikgewerbe lehnt sich an die Produktion, die bekanntlich dort abläuft, wo es am günstigsten ist. In dieser Hinsicht hat Ferlemann den Nationalökonom Adam Smith gelesen und entschwindet, um einen neuen Abschnitt der A23 in Schleswig-Holstein zu eröffnen.
Potenzial in jedem Betrieb. Nachhaltig wirtschaften bedeutet, den Bestand der Firma zu sichern, die Umwelt nicht zu gefährden und dem Mitarbeiter ein sozialverträgliches Arbeitsleben zu ermöglichen. Dass es innerhalb dieser Dreierkombination zu Zielkonflikten kommt, ist unvermeidlich.
„Nachhaltigkeit zahlt sich aus“ sagt Dieter Brübach von der Umweltinitiative B.A.U.M. Als Beispiel nennt er Konzerne der Konsumgüterindustrie, denen der Verbraucher besonders genau auf die Finger schaut. Auch die Logistikbranche trifft auf Kritik, wenn zum Beispiel das oft zitierte Krabbenpulen in Marokko als unnötiger Transport ins Feld geführt wird. Dazu kommt die Tatsache, dass Logistik und Transport in der gesamten Emissionsbilanz eines Produkts aber nur kleine Nummern sind. Das sieht auch Brübach, wenn er sagt: „Für die verschiedenen Branchen ist Nachhaltigkeit unterschiedlich relevant.“ Doch in jedem Betrieb gibt es brachliegende Potenziale, fügt er hinzu.
Bündelung senkt Emissionen. Die Deutsche Post und Metro MGL, Logistiktochter des Handelsriesen Metro, fahren umfangreiche Programme, um diese Potenziale zu heben. Kerstin van Kerkom, operative Geschäftsführerin von MGL, sagt, nach der Bündelung der Beschaffungslogistik zu fünf Logistikdienstleistern habe MGL nachweislich weniger Treibhausgas emittiert. Die Deutsche Post bindet Mitarbeiter in die Katastrophenhilfe ein. „Den Einsatz an diesen humanitären Aktionen empfinden viele Mitarbeiter als Privileg“, berichtet Susanne Meier von der Deutschen Post. Langfristig möchte sie ein Viertel aller 470000 Mitarbeiter für einen globalen Freiwilligentag mobilisieren.
Es nützen aber die besten Effizienzprogramme nichts, wenn unbeeinflussbare Faktoren dagegenstehen. Karl-Rudolf Rupprecht von Lufthansa Cargo sieht genau dieses Problem in Europas uneinheitlichem Luftraum. Könnten die Flugzeuge optimale Wege fliegen, würden die Emissionen um 10Prozent sinken. Lufthansa Cargo will im Jahr 2020 im Vergleich zu 2005 25 Prozent weniger CO2 emittieren. Es ist eine Mischung unterschiedlicher Maßnahmen, mit denen das erreicht werden soll. Zu ihnen gehören operative Maßnahmen wie auch ökonomische Instrumente wie der ungeliebte Handel mit Emissionszertifikaten ab 2012. Für 80 Prozent der CO2-Emissionen gibt es die Zertifikate zwar geschenkt, doch die restlichen 20 Prozent oder mehr, weil der Luftverkehr ja zunimmt, müssen die Airlines erwerben. „Niemand weiß, ob das eine vernünftige Lenkung ist oder etwas für Zocker“, sagt Rupprecht.
Prioritäten unvermeidlich. Praktische Beispiele, wie Nachhaltigkeit in die Unternehmensstrategie einbezogen werden kann, liefern Hermes Logistik, die Reederei Hamburg Süd und die Deutsche Bahn. Hermes bemüht sich seit 1994, die CO-Emissionen zu reduzieren. Zwischen 1994 und 2006 konnte der Paketdienstleister pro Sendung 40 Prozent seiner CO2-Emissionen senken. Das Nachhaltigkeitsengagement des Konzerns reicht vom Einsatz neuer Elektrofahrzeuge und Photovoltaikanlagen über effiziente Routenplanungssysteme bis hin zur Kooperation mit dem Naturschutzverband Nabu, der bei einer möglichst ökologischen Flächenplanung neuer Filialen unterstützt.
Bis 2020 will das Unternehmen seine klimaschädlichen Emissionen nochmals um 50 Prozent reduzieren – ein Ziel mit großen Hürden, wie sich nun herausstellt. Zumindest befürchtet Phillip Nölling, Kaufmännischer Geschäftsführer bei Hermes, dass das Reduktionsziel nicht eingehalten werden könnte. „Wir haben früh angefangen, uns für den Klimaschutz einzusetzen und bereits viel bewegt. Deshalb ist es für uns nun umso schwieriger, weitere Emissionen zu senken. Heute haben wir noch keine Idee, wie wir unser Ziel bis 2020 erreichen sollen“, erklärt Nölling auf der Nachhaltigkeitskonferenz in Hamburg. Auch im Tagesgeschäft müssen immer wieder Prioritäten gesetzt werden, oft auf Kosten der Umwelt. „Wenn die Ware zum Kunden muss, ist unser CO2-Ziel erstmal zweitrangig“, gibt Nölling zu.
Der Kunde treibt. Auch die Deutsche Bahn ist schon vor langem auf den Zug der Nachhaltigkeit aufgesprungen. „Der Kunde treibt uns in die grüne Richtung. Heute sind neue Produkte und innovative Lösungen gefragt. Dieser Entwicklung müssen wir uns anpassen. Auch der Wettbewerb unter den Verkehrsträgern begünstigt nachhaltiges Engagement. Die verschärften Abgasrichtlinien der Politik tun das Übrige“, erklärt Ulrich Ostermayer, Leiter Strategie Umweltschutz bei der Deutschen Bahn.
Um den neuen Anforderungen gerecht zu werden, hat der Konzern eine Klima- und Energiestrategie entwickelt, die zu einer Reduktion der CO2-Emissionen beitragen soll. Von 1994 bis 2006 hat die Bahn ihre auf der Schiene verursachten Emissionen um 36 Prozent reduziert. Betrachtet man den jährlichen CO2-Ausstoß des Konzerns, der 2010 mit 20 Mio. t genauso hoch war wie der gesamte CO2-Ausstoß Berlins, ist das aber noch nicht genug. Deshalb soll ein spezielles Angebot mit Namen „EcoPlus“ den DB-Kunden grüne Transportlösungen für Personen und Fracht bieten. Das Produkt ermöglicht komplett CO2-neu trale Transporte, für die der Konzern zusätzlichen Strom aus regenerativen Quellen bezieht. Auf diese Weise will die Deutsche Bahn die CO2-Emissionen aller Verkehrsträger, die im Betrieb des Konzerns genutzt werden, bis 2020 um 20 Prozent senken.
Keine andere Wahl. Während sich andere Carrier aus eigenem Antrieb für nachhaltiges Engagement entschieden, hatten die meisten Reeder keine andere Wahl. Als 2009 die Krise über die Seeschifffahrt hereinbrach, mussten die Reeder zu drastischen Maßnahmen greifen, um sich über Wasser zu halten. Also drosselten sie das Tempo ihrer Schiffe, um die Treibstoffkosten zu senken. Aus der Not entstand ein zufälliges Beiprodukt, das heute „Slow Steaming“ (langsame Fahrt) genannt wird und einen wesentlichen Beitrag für eine umweltverträglichere Schifffahrt leisten soll.
Kunden müssen durch die verlangsamte Fahrtgeschwindigkeit mit längeren Transportzeiten rechnen. Arndt Vespermann, Geschäftsleiter der Reederei Hamburg Süd, beobachtet als Nebeneffekt zumindest in seiner Firma keine Verkehrsverlagerung. „Die Kunden haben die verlängerte Transportzeit fluchend hingenommen“, erklärt er. Trotzdem hat der Umweltschutz auch in der Seeschifffahrt keine Priorität. „Gerade in Zeiten der Krise sind finanzielle Aspekte wichtiger als Nachhaltigkeit“, sagt Vespermann. Trotzdem sollen Maßnahmen der Effizienzsteigerung ihr Möglichstes tun, um auch die Schifffahrt auf nachhaltige Pfade zu bringen. „Bei anderen Verkehrsträgern sind solche Effizienzsteigerungen schon lange gang und gäbe. Die Schifffahrt entdeckt diese Möglichkeit erst jetzt“, ergänzt Vespermann. Durch die Optimierung von Antriebssystemen und zusätzliche Rumpf- und Propellerreinigungen will die Reederei für mehr Effizienz an Bord sorgen. Auch ein Routensystem, das den schnellsten Weg mit der besten Wetterlage findet, leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.
Notfalls zweitrangig. Am Ende der Nachaltigkeitskonferenz zwei wesentliche Thesen. Engagement für Nachhaltigkeit kommt nicht nur der Umwelt und Menschen zugute, sondern vor allem den Firmen selbst. Effizienzsteigerungen senken Kosten und erhöhen die Produktivität. Klimaschutzmaßnahmen tragen zu einem besseren Image und einer größeren Wettbewerbsfähigkeit bei. Trotzdem bleibt ein bitterer Beigeschmack: Wenn es darauf ankommt, bleibt Nachhaltigkeit zweitrangig. Ungelöst bleibt auch ein weiteres Dilemma: Obwohl die Logistikdienstleister ihre Effizienz erhöhen, bewirkt ads Mengenwahstum, dass die CO2-Emissionen dennoch kaum sinken. (DVZ 15.12.2011)
Mit dem Thema CO2-Minimierung befasst sich auch der aktuelle DVZ-Brennpunkt






