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Logistik-Mehrwertdienst im Fünf-Minuten-Schnellkurs

Kanzlerin packt ein bei Fiege

Die Bundeskanzlerin lässt sich zeigen,
wie man eine Bosch-Maschine fix
und versandfertig macht.
(Foto: Grimm)

25.08.2009 | Auf der letzten Etappe ihrer sommerlichen Mittelstandsreise macht Bundeskanzlerin Angela Merkel für 60 Minuten Station bei Fiege in Greven. In einem Blitzpraktikum verschafft sie sich Einblicke in logistische Zusatzleistungen und die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter. Ihr Fazit: „Sie sind effizient, Sie haben kluge Ideen.“

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Von Claus Grimm

Es ist der heißeste Tag des Jahres für Deutschland und der aufregendste für die Unternehmerfamilie um Heinz und Hugo Fiege. Donnerstag, 20. August 2009. Unbarmherzig knallt die Mittagssonne auf 500 Gäste. Wer Glück hat, erwischt einen schattigen Stehplatz unter den wenigen Sonnenschirmen.

Sie alle sind eingeladen worden, weil an diesem Tag die Bundeskanzlerin zu Besuch kommt, hauptsächlich Lokalprominenz aus dem Münsterland. Auf der Gästeliste steht auch der ehemalige Bauernpräsident Constantin Freiherr Heeremann, der in der Nachbarschaft wohnt. BVL-Geschäftsführer Thomas Wimmer hat sich schon eine Anzugserleichterung erlaubt – mit dem Segen der Bundeskanzlerin. Schon von der Anreise aus lässt sie vermelden, dass sie bei den Herren nicht auf einem Sakko bestehe.

Es herrscht Kanzlerwetter

Das Areal um die architektonisch so schlichte wie wuchtige „Systemzentrale” in Greven, gleich neben dem Zaun des Flughafens Münster-Osnabrück, ist an diesem Tag der sicherste Ort im ganzen Münsterland. Wer hier und heute herumlaufen darf, über den hat das Bundeskriminalamt wirklich nichts Belastendes im Computer gefunden. Jeder der Anwesenden wurde vorher überprüft. Obwohl Deutschland seit über 90 Jahren keinen Kaiser mehr hat, muss das strapazierte Bild des „Kaiserwetters” schon wieder herhalten. Nur Märsche werden nicht gespielt, stattdessen coole Pianomusik.

Um 12 Uhr mittags ist Schicht, niemand darf mehr rein in das von Wachleuten umzingelte Hochsicherheits­areal. Aber noch eine Stunde in brütender Mittagshitze und kein schattiger Fleck. Endlich, über den hochroten Köpfen taucht am Horizont der Hubschrauber auf. Angela Merkel schwebt von der Firma Schüco kommend aus Richtung Bielefeld ein, und muss nachher noch in den klimafreundlichen Supermarkt von Tengelmann nach Mülheim. Dazwischen hat sie auf der letzten Etappe ihrer Sommertour zu deutschen Mittelständlern genau 60 Minuten Zeit für die Fieges.

Pünktlich auf die Minute

Auf die Minute um 13 Uhr rollt die gepanzerte Karawane vor den Haupteingang der Systemzentrale. Dort warten schon seit einigen Minuten die Brüder Fiege nebst ihren jeweiligen Söhnen Jens und Felix. Als käme eine reiche Erbtante zu Besuch, vor der man sich von der allerbesten Seite zeigen will.

Angela Merkel trägt ein helles Oberteil mit den großen berühmten vier Knöpfen. Kabarettistisch Zungen haben sie deshalb auch schon einmal die „Vier-Knopf-Kanzlerin“ genannt. Hinter ihrem Rücken entrollen ein paar versprengte „Linke” aus dem Ortsverein Steinfurt ein Plakat. Darauf bezeichnen sie die Besucherin als „Kanzlerin der Dumpinglöhne”. Sie wissen ja noch nicht, dass die Kanzlerin gleich freiwillig ganz ohne Lohn in der Logistik arbeiten wird.

Nachdem sich Merkel mit den älteren und jüngeren Fieges zum Gespräch zurückgezogen hat, ist das Plakat längst wieder eingerollt. Auch Linke geraten an diesem Tag schnell ins Schwitzen. 20 Minuten hat nun die Inhaberfamilie Zeit, der Kanzlerin die Wünsche und Sorgen des Mittelstandes zu verdeutlichen.

Um 13.20 Uhr kommt Merkel aus der Systemzentrale wieder heraus, gefolgt von den jugendlich wirkenden Cousins Felix und Jens. Auf einem separaten Podest hat sich schon ein Grüppchen Auszubildender postiert, damit die Kanzlerin den hoffnungsfrohen Nachwuchs würdigen möge. Mit dabei sind Joachim Strauch, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, und Carsten Neukirchen, Referent in der Personalentwicklung. Doch zunächst muss die Kanzlerin lernen und arbeiten. Im Schnellkurs durchläuft sie einen Parcour und lernt, was „Value-added Service” in der Praxis heißt.

Gesicherte Lederhose

„Kommt die aus China?” fragt Merkel die Fiege-Mitarbeiterin Silka Erfurt. Diese verneint, natürlich ist nicht sie gemeint, sondern eine Lederhose, an der die Bundeskanzlerin nun ein Sicherungsetikett befestigen muss. Diese Lederhose wird kein Dieb mehr aus dem Laden schmuggeln. Dafür hat die Kanzlerin gesorgt. Sie schlägt sich wirklich tapfer, lernt rasch, und kann die ihr übertragenen Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit aller erledigen. Fast ein wenig versonnen, in sich gekehrt wirkt die Bundeskanzlerin, wenn sie etikettiert oder in einen Ohrhörer hineinlauscht, um nach dem Prinzip „Pick by Voice” zu kommissionieren. An einem mit Rollen ausgestatteten Förderband darf sie ein Set für Bosch zusammenstellen, erst das Schneidegerät, dann die Gebrauchanweisung, Plastikschachtel zu und alles in einen Karton. Halt, da fehlt noch das Versandetikett. Sanft streicht die Kanzlerin das selbstklebende Papier auf den Deckel.

Ihr Interesse für die Arbeiter und Arbeiterinnen wirkt in diesem Moment echt. Rein äußerlich ist nichts Aufgesetztes zu erkennen, nicht diese joviale, pseudo-interessierte Art, mit der sich höhere Besucher auf Betriebsbegehungen gerne in die Niederungen der Arbeiter hinab­lassen. Diese mächtige Frau wird an der Scann- und Packstationen zu einer Fünf-Minuten-Praktikantin, hört sich die Erklärungen ruhig an und packt behutsam mit an. Plötzlich zieht eine Fiege-Mitarbeiterin die Pistole. Haben die unzähligen Security-Leute denn nicht aufgepasst? Entwarnung, es ist eine Laserpistole, mit der Codes eingelesen werden, diesmal an Autoreifen.

Gutes Stück Deutschland

Immer einen Schritt im Hintergrund halten sich die Söhne der Brüder Fiege. Felix (31), Sohn von Hugo Fiege, ist seit knapp zwei Jahren im Unternehmen. Er ist „Executive Director Business Solution“. Sein älterer Cousin Jens (35), Sohn von Heinz Fiege, ist als Mitglied der fünften Generation seit fünf Jahren als Vorstand „Operations“ in der Verantwortung. Für die praktischen Darbietungen sind die Jungen zuständig, für das strategische die Eltern. So klappt die Arbeitsteilung im Familienunternehmen, dass zu loben die Kanzlerin nicht müde wird.

Sie nennt die Firma ein „gutes Stück Deutschland“, rezitiert Details aus der Chronik und bezeichnet die Logistikbranche als einen „Bereich, der unterschätzt wird, weil sich die Menschen wenig Gedanken machen über die Frage‚ wo etwas herkommt und wie es wohin kommt. „Wenn Sie nicht mehr wollen, dann werden wir erst einmal merken, was uns alles fehlt“ lautet ihre Schlusserkenntnis, bevor sie ins Globale schweift.

Chronik als Reiselektüre

Es ist Punkt zwei Uhr. Die Sonne hat ihren Zenit überschritten. Protokollchef und Security-Leute dirigieren die Kanzlerin zurück zum gepanzerten Audi. In dessen Schatten hatte sich der Fahrer ein „Split” von Langnese genehmigt.

Ob sie die Chronik der Fieges lesen wird, die Heinz ihr zum Schluss noch in die Hand drückt, oder doch eher die zukünftigen Redemanuskripte oder Akten, die ihr jemand hinterher trägt, das bleibt ein Geheimnis. So schnell wie sie gekommen ist, ist Angela Merkel auch wieder entschwunden. Das Heer der schwarz gekleideten düster dreinblickenden Sicherheitsleute wirkt auf einmal arbeitslos, irgendwie überflüssig – von einer Minute auf die andere, aber auch entspannter.

Dass der Besuchstermin noch in diesem Jahr tatsächlich umgesetzt wird, daran müssen die Fieges in gewohntem Optimismus felsenfest geglaubt haben. Auf dem letzten Jahresblatt der Chronik ist der Kanzlerinnenbesuch für 2009 schon eingetragen – aktueller geht es wirklich nicht. (DVZ 22.8.2009)

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