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DVZ.de-Serie "Next Generation"

Die Zukunft kann man planen - auch die eigene

Von Jens Kohagen

24.02.2010 | Dr. Heiko von der Gracht ist Mitglied des Direktoriums des Supply Chain Management Institute (SMI) der European Business School in Wiesbaden und leitet dort das Center für Zukunftsforschung und Wissensmanagement. Dieses Forschungszentrum beschäftigt sich mit den Einflüssen, denen sich die weltweiten Supply Chains zukünftig ausgesetzt sehen könnten. Die DVZ fragte den 30-Jährigen nach den bisherigen Stufen seiner Karriereleiter.

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Herr Dr. von der Gracht, Sie sind recht jung in eine hochinteressante Führungsposition im Wissenschaftsbetrieb gekommen. Wie kam es dazu? War es eine geplante Karriere oder spielten auch Zufälle eine Rolle?

Ich komme ursprünglich aus Jülich in der Nähe von Aachen. Dort bin ich auch zum Gymnasium gegangen. Was das Informationsangebot zu Berufsbildern angeht, sind meiner Ansicht nach die jungen Leute heute durch die Schulen viel besser beraten. Das war damals nicht so. 1998 fühlte ich mich eher schlecht über Berufsbilder und Perspektiven informiert. Ich habe dann gemeinsam mit meinen Eltern über meine Fähigkeiten, Wünsche und Interessen gesprochen. Mir wurde nachgesagt, dass ich gut im Planen, Organisieren und Strukturieren bin. Ich habe dann gezielt nach solchen Berufen gesucht.

Und wie sind Sie dann auf die Logistik gekommen?

Ein Bekannter meines Vaters hat als Speditionskaufmann gearbeitet. Über ihn habe ich das erste Mal intensiver den Begriff Logistik kennengelernt. Im Berufsinformationszentrum habe ich in Erfahrung gebracht, wo man Logistik studieren kann, beispielsweise an der TU Berlin oder der Uni Dortmund mit dem Fraunhofer IML. Für mich war interessant, dass man Logistik auch an der Fachhochschule studieren konnte, und zwar als europäischen Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt Logistikmanagement an der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach.

Damit bekam Ihre Karriere eine internationale Dimension?

Ja, das war ein Studiengang, der zusammen mit der Fontys Hogeschool in Venlo in den Niederlanden angeboten wurde. Ein ziemlich kleiner Studiengang, aber er hat mich gereizt, insbesondere weil ich dadurch neben Englisch auch Niederländisch als zweite Fremdsprache erlernen konnte. Ab dem ersten Semester hatten wir bei einem niederländischen Professor Unterricht in Niederländisch, allerdings natürlich mit dem Bezug zur Logistik, so dass man auch gleich die ganzen Fachausdrücke gelernt hat.

Sie sagten, es war ein kleiner Studiengang?

Ja, in meinem Jahrgang 1999 gab es 20 Plätze aber nur 17 Studierende, von denen dann 14 den Abschluss gemacht haben. Wahrscheinlich hat es zu der Zeit noch viele abgeschreckt, etwas mit Niederländisch zu studieren, denn das Hauptstudium in Venlo musste auf Niederländisch absolviert werden, und ein niederländisches Praktikum war ebenso Pflicht. Das hat sich aber dann geändert; schon zwei, drei Jahre später gab es 30 Bewerber und es musste ein Numerus Clausus eingeführt werden.

Sie hatten aber keine Probleme mit Ihrem Niederländisch?

Eigentlich nicht, aber das Praktikum war in der Nähe von Maastricht. Und das ist die Provinz Limburg. Die haben da einen eigenen Dialekt, vergleichbar in Deutschland etwa mit Kölsch, also sehr viele Redewendungen, die man im Hoch-Niederländisch nicht lernt. Da habe ich nach dem halben Jahr Praktikum schon sehr viel mehr, aber immer noch nicht alles verstanden, was sie gesagt haben.

Wie ging es weiter?

Nach diesem Praktikum habe ich in Venlo mit dem Hauptstudium begonnen und vom ersten Tag an jedes Wort Hoch-Niederländisch verstanden. Als Schwerpunkt habe ich Produktionslogistik gewählt. Meine Diplomarbeit durfte ich später am IML in Dortmund über Kennzahlensysteme schreiben. 2003 habe ich das Studium nach acht Semestern mit Auszeichnung abgeschlossen und zwei Diplome erhalten; von der Hochschule Niederrhein als Diplom-Wirtschaftsingenieur (FH) und von der Fontys Hogeschool als Ingenieur.

Und dann haben Sie stramm auf den Doktor zugesteuert?

Erst habe ich ein paar Monate beim IML gearbeitet und mich dann entschieden, ein Master-Studium zu beginnen. Ich hatte mich während des Hauptstudiums schon nach Promotionsmöglichkeiten erkundigt, da es mich gereizt hat, mein Wissen im Bereich Logistik zu vertiefen. Ursprünglich hatte ich mit dem Gedanken gespielt, am Fraunhofer IML zu promovieren. Aber Dortmund war eine der Unis, wo es mit FH-Abschluss am schwierigsten war, eine Promotions-Chance zu erhalten. Das waren an der Uni Dortmund damals mindestens drei Semester promotionsvorbereitendes Studium, höchstens sechs. Das wären dann anderthalb bis drei Jahre Studium gewesen ohne irgendeinen Abschluss.

Und das war Ihnen zu viel?

Ja, das erschien mir als Zeitverschwendung, denn danach musste ich ja noch promovieren. Ich habe also gesucht, was man alternativ machen kann. Und da gab es einen Studiengang International Logistics mit Schwerpunkt auf maritime Logistik im englischen Plymouth. Das ist eine Partner-Uni von der FH in Venlo. Dort konnte ich in einem Jahr und zwei Monaten einen Master-Abschluss, also einen Uni-Abschluss machen und zugleich eine große Uni mit richtiger Uni-Luft und 30.000 Studenten kennenlernen. Die Master-Arbeit habe ich dann wieder am Fraunhofer Institut in Dortmund geschrieben.

Aber dann ging es auf den Doktor?

Ja, jetzt stand also an, dass ich promoviere. Es gab damals schon in Dortmund eine Graduate School mit einem Modell, bei dem man in drei Jahren promovieren konnte. Allerdings startete das Promotionsstudium der Graduate School erst ein Dreivierteljahr später und die Chance, dass meine Bewerbung angenommen würde, schätzte ich auf fifty-fifty. Das war mir etwas zu unsicher, und da habe ich mich erneut nach Alternativen umgesehen. An der European Business School wurde zu dieser Zeit gerade ein Lehrstuhl für Einkauf, Logistik und Supply Chain Management neu gegründet.

Also auf nach Wiesbaden?

Ja, da bin ich dann zum Tag der Offenen Tür hergefahren und habe mit der ersten Doktorandin gesprochen - es gab damals nur eine - und im Verlauf der nächsten Wochen mit Prof. Inga-Lena Darkow und später mit Lehrstuhlinhaber Prof. Christopher Jahns selbst. Die Ideen und Themen, mit denen er den Lehrstuhl aufbauen wollte, haben mich besonders gereizt. Die Chemie hat gepasst und ich fand es sehr spannend, den Bereich Logistik von Anfang an mit aufzubauen und zu gestalten.

Und wie sind Sie dann auf ihr Promotionsthema gekommen?

Ursprünglich startete ich mit dem Thema Innovationsmanagement. Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass es so etwas wie Zukunftsforschung gibt und die Szenario-Technik. Zukunftsforschung war damals für mich eher der Blick in die Kristallkugel. Ich wusste gar nicht, dass es auch wissenschaftlich geht und dass Szenario-Planung zum Bereich der strategischen Planung gehört. Ich habe mir dann durch sehr viel Arbeit diesen Bereich erschlossen und mich mit dem Thema ein wenig zum Exoten unter den Doktoranden entwickelt. Und das ist auch die Krux an der Sache: Einerseits ist es ein unglaublich spannendes Thema, aber es ist bisher nur eine kleine Gemeinde, die sich mit Zukunftsforschung für Unternehmen beschäftigt.

Und wie entwickelten Sie dann Ihr Thema weiter?

Ich habe meine Doktorarbeit komplett auf das Thema Szenario-Technik ausgerichtet und unter anderem die Beratungsansätze auf dem Markt - es gibt 24 Beratungsunternehmen, die Szenarien für Unternehmen anbieten - einbezogen. Allerdings haben die Berater sehr pragmatische Ansätze. Solche Ansätze haben natürlich vom wissenschaftlichen Anspruch her nicht gereicht für eine Doktorarbeit.

Da mussten Sie nacharbeiten?

Ja, am Schluss ist es sehr gut gelungen, weil ich selbst einen integrierten Szenario-Ansatz entwickelt habe, der allen wissenschaftlichen Kriterien genügt. Zusätzlich habe ich eine Bestandsaufnahme unter den Top 50 Logistik-Dienstleistern in Deutschland gemacht: Wie sieht es mit der Szenario-Technik in der Logistik aus? Ist sie bekannt, wird sie in der strategischen Planung genutzt? Dann habe ich mich bei Beratungen nach den Erfahrungen aus anderen Branchen und den Potenzialen erkundigt. Nachdem ich die interne und die externe Sicht übereinander gelegt hatte, hatte ich schon eine ganz gute Ausgangsbasis und konnte zeigen, dass dieses Feld für die Logistik zwar absolutes Neuland ist, aber riesiges Potenzial hat. In anderen Branchen, etwa in der Energiewirtschaft, gibt es eine Anwendungsquote von 60 Prozent; in der Logistik kannten 8 von 50 Großunternehmen die Technik, und diese hatten zudem die Chancen noch lange nicht komplett ausgeschöpft.

Eine Lücke, in die man stoßen konnte?

Ja, hier konnte ich die Chancen einer solchen Studie für die Logistik aufzeigen und das am besten, indem ich eine solche Studie selbst machte. Ich habe einen recht innovativen Ansatz gewählt, indem ich das Modell einer Delphi-Studie in den Szenario-Ansatz integriert habe. Die Szenarien wurden also aus einer wissenschaftlich begründeten Expertenbefragung heraus entwickelt. Das war damals neu und auch für die BVL interessant, so dass eine Auskopplung aus meiner Dissertation "The Future of Logistics: Scenarios for 2025" in der BVL-Schriftenreihe erschienen ist. Und was kam nach der Promotion" Ich habe für die Unternehmensberatung BrainNet gearbeitet und interessante Einblicke in Einkaufsprojekte gewonnen. Schnittpunkte zum SMI gab es unter anderem im Rahmen der "Future of Logistics International CeMAT Conference 2008" in Hannover, die vom SMI entwickelt und gemeinsam mit der Messe Hannover veranstaltet wurde. 250 Entscheider aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten zur Zukunft der Logistik 2025. BrainNet war einer der Sponsoren. Dort haben wir erstmals eine Delphi-Befragung in Echtzeit online in die Szenario-Technik integriert, was es bis dato so noch nicht gab. Damit ist uns ein großer Schritt gelungen, denn heute ist es so, dass bei Zukunftsprojekten dieses Real-Time-Delphi immer mit gefordert wird.

Und anschließend war es nur noch ein kleiner Schritt zum Center für Zukunftsforschung und Wissensmanagement am SMI?

Nein, eigentlich war der schon gemacht. Es hatte sich ja aus der Beratungspraxis und der Nachfrage aufgrund der ersten Studie gezeigt, dass sich ein solches Center lohnen würde. Meine Ideen und Ziele eines Forschungscenters hatte ich in einem Konzeptpapier sehr genau definiert. Mit Hilfe dessen konnte ich erfreulicherweise BrainNet als Stifter für das Center für Zukunftsforschung und Wissensmanagement gewinnen.

Wie groß muss man sich das Center für Zukunftsforschung etwa vorstellen?

Das Center besteht aus dem Direktor, also mir und zusätzlich aus Doktoranden und studentischen Mitarbeitern, die ich über Projekte finanzieren. Im SMI beschäftigen sich im Kern sieben Köpfe mit Zukunftsforschung. Es handelt sich jedoch um ein Schnittstellenthema, dass in vielen SMI-Forschungsprojekten wichtig ist, so dass insgesamt derzeit etwa 20 Mitarbeiter sporadisch unter meiner Anleitung an Zukunftsthemen arbeiten.

Herr Dr. von der Gracht ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche für die Zukunft des Centers alles Gute und viel Erfolg. DVZ 12.9.2009

Hintergrund: Zukunftsforschung

Das Feld der Zukunftsforschung ist spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs systematisch weiterentwickelt worden. Heutige Forscher und Unternehmensstrategen können daher auf zahlreiche Konzepte, Theorien, Grundsätze und Methoden zurückgreifen. Die anfangs sehr mathematisch-logische Analyse der Zukunft fand lange Zeit lediglich im Rahmen der militärischen Forschung statt. So wurden die Szenario- und die Delphi-Technik in den 50er Jahren bei der Rand-Corporation entwickelt - einer Denkfabrik der Streitkräfte der USA. Erst in den 70er Jahren begannen Unternehmen, solche Techniken erfolgreich für die strategische Unternehmensplanung einzusetzen. (sr)

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