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Corinna Wolf war fast 18, als die DDR ihre Grenzen öffnete. Die Merseburgerin arbeitete nach ihrer Ausbildung zur Feinoptikerin bei Carl Zeiss in Gera und plante ein Ingenieurstudium. 20 Jahre nach dem Mauerfall erinnert sich die heutige Geschäftsführerin der Econ Gesellschaft für Osteuropa-Logistik Internationale Spedition in Essen: „Es war damals eine merkwürdige Situation, Betriebe schlossen oder machten von einem auf den anderen Tag Kurzarbeit. Keiner wusste, wie es weitergeht.“
Wozu also im Osten studieren? Kurzerhand packte sie die Koffer und folgte einem Bruder nach Gelsenkirchen. Ihr zweiter Bruder, Schwester und Eltern sind in Sachsen-Anhalt geblieben. Rund 500 km sind es bis Krefeld, wo die 37-Jährige heute lebt. Heimweh nach Ostdeutschland habe sie selten, versichert sie. Ihre Sprache klingt nach Nordrhein-Westfalen. „Ich muss mich bemühen, langsam zu reden, weil man in Sachsen-Anhalt sehr schnell spricht und Endungen verschluckt. Dann würden mich meine Mitarbeiter – alles Spätaussiedler – nicht verstehen“, erläutert sie.
Econ beschäftigt zwölf Leute, zehn am Firmensitz, zwei in der russischen Niederlassung St. Petersburg. Die Speditionskooperation für Stückgutverkehre, Teil- und Komplettladungen in die Gus-Staaten startete 1995 als Spediteur für Spediteure. Heute zählen außer 450 Speditionsfirmen auch 250 direkte Verlader zu den Kunden. Es gibt sieben Gesellschafter in Deutschland sowie zwei Franchiser in Belgien und den Niederlanden.
Van Eupen in Essen
Wolf kam 1996 nach einer Umschulung zur Speditionskauffrau und mehreren Jahren bei der Van Eupen Spedition in Essen zu Econ. Zunächst war sie dort für die Verwaltung zuständig, qualifizierte sich aber berufsbegleitend am Duisburger Bildungszentrum für Wirtschaft zur Verkehrsfachwirtin weiter. Danach übertrugen ihr die Gesellschafter vor fünf Jahren die Geschäftsführung.
Für ihre Leidenschaft, das Motorradfahren, hat
Corinna Wolf nur noch wenig Zeit. (Foto: Econ)
„Ich habe sehr viele Höhen und Tiefen mit dieser Firma mitgemacht“, resümiert Wolf. „Seit Anfang des Jahres hat auch uns beziehungsweise Russland die Krise erreicht. Wir merken es sehr stark im Komplettladungsbereich“, sagt sie. Seit einigen Monaten gebe es aber einen Aufwärtstrend. Die negative Entwicklung mache einfach keinen Spaß, seufzt die Econ-Chefin. „Im vergangenen Jahr hatten wir so immense Umsatzzuwächse, und wenn das dann im Januar einfach so wegbricht, weil niemand mehr Ware in Russland ordert, dann ist das bitter“, schildert sie die Situation.
Kaum eine Branche, für die Econ unterwegs ist, blieb verschont. Aufgrund der Umsatzrückgänge musste Wolf sogar zwei Leute entlassen. „Bei unserer Mitarbeitergröße hatten wir gar keine Wahl. Wir haben auch Kurzarbeit gemacht, aber das hatte nicht den gewünschten Effekt bei so einem kleinen Betrieb“, räumt sie unumwunden ein. Offen zu sein und ohne Scheu auf Menschen zuzugehen, hat Wolf als Führungskraft gelernt, etwa bei Messen. „Ich habe da überhaupt keine Hemmungen, das wäre mir vor 2004 wesentlich schwerer gefallen“, gibt sie zu. Die diesjährige transport logistic in München verbucht sie als Erfolg mit „irre vielen Kontakten“ und Aufträgen. Weniger gelungen fand sie die Transrussia in Moskau: „Da waren mehr Besucher aus unserer Branche, nicht die Klientel, die wir suchten.“
Wodka trinken
Um Kunden zu akquirieren, reist Wolf fast jeden Monat nach Russland, meist nach St. Petersburg. Ihre Geschäftspartner sind Männer. Wenn sie nicht morgens um 11 Uhr anfange, mit ihnen Wodka zu trinken, wären sie beleidigt. Das sind Situationen, in denen sie ihren Frauenbonus ausspielt. Aber auf die Russen lässt sie nichts kommen, sie seien sehr treue Geschäftspartner: „Wenn die Partnerschaft funktioniert, dann hat man sie sein Leben lang“, weiß sie. Das Land ist ihr seit einem Schüleraustausch mit Smolensk vertraut. In der DDR hat sie fünf Jahre Russisch gelernt, wovon sie im Job profitiert.
Heute zieht es sie in ihrer Freizeit eher nicht in die Länder der Gus. „Ich bin froh, wenn ich nicht fliegen muss“, gesteht sie. Mit ihrem Lebenspartner, den sie beim Verkehrsfachwirt-Studium kennengelernt hat, macht sie meist in Deutschland Urlaub. Diesen Sommer waren sie unter anderem in Merseburg, wo die alten Braunkohletagebau-Löcher aus DDR-Zeiten geflutet werden und Naherholungsgebiete mit Seen entstehen. In ihrer alten Heimat fuhr Corinna Wolf schon gern Motorrad. „Seitdem ich Geschäftsführerin bei Econ bin, habe ich immer weniger Zeit für dieses Hobby, was ich sehr schade finde. Die Freizeit ist knapp“, konstatiert sie nüchtern. Früher hat sie lange Motorradtouren unternommen – aber das war, bevor sie Karriere in der Logistikbranche machte. (DVZ 21.11.2009)
Zur Person
Corinna Wolf (38) sitzt als Geschäftsführerin bei Econ am Steuer, privat am liebsten auf ihrer Honda. Leider lässt der Job wenig Zeit für das Hobby. Im Logistikmanagement ist sie oft Quotenfrau.
Das Unternehmen
Die Speditionskooperation Econ ist auf Osteuropa-Verkehre bis nach Kasachstan spezialisiert. In Russland gibt es ein eigenes Büro in St. Petersburg sowie ein Partnernetz mit acht Standorten.
*Anm. d. Red.: Wie alle Porträts dieser Serie ist auch dieser Bericht vorab in der Printausgabe der DVZ veröffentlicht worden. Corinna Wolf, die zwischenzeitlich geheiratet hat, trug zu diesem Zeitpunkt noch den Nachnamen Kobsa.
www.econ-spedition.de


