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"Schuld" an ihrem Sprung in die Kep-Branche ist in gewisser Weise ein Streik – vor mehr als zehn Jahren an ihrer Schule in Bremen. Der reguläre Unterricht fiel aus, und Hentschel machte stattdessen in einem Projekt erste Versuche in der chinesischen Sprache. Und während ihre Mitschüler nach den ersten gekritzelten Schriftzeichen und zungenbrechenden Aussprachen sich mit einem "Zai Jian" (Auf Wiedersehen!) verabschiedeten, hatte es die junge Frau gepackt. "Ich wollte immer etwas mit Sprachen machen, und Sinologie war es dann", sagt sie. Dafür wählte sie sogar ihre eigentliche Fremdsprache Spanisch ab und schrieb sich in einer Chinesisch-Klasse an einer anderen Schule ein. Dass sie zum Unterricht dann stets extra mit dem Fahrrad fahren musste, störte sie nicht. Als Fahrradkurierin war sie mit dem Drahtesel schließlich bestens vertraut.
Kep statt Controlling
Um ihr Chinesisch nach dem Abi nicht gleich wieder zu verlernen oder auf einen Smalltalk mit dem Kellner im chinesischen Restaurant beschränkt zu bleiben, machte sie die Sprache auch zu einem Teil ihres Studiums: Angewandte Wirtschaftssprachen und internationale Unternehmensführung an der Hochschule Bremen. In dieser Zeit kam sie im Rahmen eines einjährigen Praktikums bei Siemens nach China, "in ein echtes Kaff", wie sie betont. Viel los war da zwar nicht, "ich habe aber Sprache und Kultur so richtig kennengelernt". Über sich selbst hat sie damals gelernt, dass ihr der Studienschwerpunkt Controlling doch nicht so richtig lag. Das operative Geschäft schon eher. Und so schrieb sie – zurück in der Heimat – ihre Diplomarbeit über den chinesischen Kep-Markt.
Zufrieden war die abenteuerliche junge Frau da immer noch nicht. China rief wieder. "Und so bin ich nach China geflogen und habe mich bei allen großen Anbietern vorgestellt", sagt sie, als sei es das Selbstverständlichste der Welt. Die Resonanz war zunächst verhalten. Hentschel vertrieb sich die Zeit "mit ein bisschen Kung-Fu". Doch dann biss FedEx an. Der US-Konzern bot ihr gleich die Leitung der Operations des Depots in Suzhou an. "Das war natürlich ein Sprung ins kalte Wasser."
Sie musste von einem Tag auf den anderen ein Team mit 40 Mitarbeitern führen, war für Termine und Leistungsdaten verantwortlich. Und dann war da noch die Sprache, die sie zwar im Alltag gut beherrschte, aber nicht in einer Kep-Umgebung. "Oder können Sie sich vorstellen, was Standardlaufzeit auf Chinesisch heißen könnte", fragt sie mit einem breiten Grinsen und fügt an: "Fünf Minuten lange Meetings habe ich damals eine Stunde lang vorbereitet, damit ich auch ja das Richtige sage." Sie hat aber auch das gewuppt und den Standort in den kommenden zweieinhalb Jahren deutlich nach vorn gebracht. So stieg die Sortierrate um 50 Prozent und das Exportvolumen hat sich glatt vervierfacht.
Zweite Station Paris
Ihr nächster Job sollte Hentschel eigentlich zu FedEx in die USA bringen. Da sie aber keine Arbeitserlaubnis bekam, wurde daraus nichts. "Ich wollte dann eigentlich zurück nach Deutschland und hatte auch zwei Angebote", erzählt sie. Doch dann kam die Offerte, zu GeoPost nach Paris zu wechseln, und sie schlug ein. In gewisser Weise war das wieder so ein Sprung ins kalte Wasser. Denn Französisch sprach sie damals nicht. Dafür war die Aufgabe spannend. Sie war für das weltweite Qualitätsmanagement verantwortlich. Nach dem operativen Geschäft mit 14 Stunden-Tagen in China sei es reizvoll gewesen, eher strategisch zu arbeiten und einen etwas geregelteren Arbeitstag zu haben, so Hentschel. Zudem hatte sie auch dort Führungsverantwortung und reiste viel in Europa.
Aus zwei mach eins
Ihr jetziger Job bei Hermes ist Hentschel zufolge "eine Mischung aus meinen beiden vorherigen Tätigkeiten". Sie ist nahe am operativen Geschäft und Teil des Teams für die Betreuung und Unterstützung der europäischen Ländergesellschaften. Also auch wieder Neuland und Aufbruchstimmung. Zudem kann sie ihre Erfahrungen im Qualitätsmanagement einbringen, leitet darüber hinaus die Entwicklung eines Reporting-Systems und betont: "Hier kann ich viel bewegen."
Das sei ihr auch wichtiger, als ständig auf die Karriereleiter zu blicken. Denn Führungsverantwortung hat sie in dem noch recht überschaubaren Projektteam erst einmal nicht mehr. Dafür bleibt nun mehr Zeit für ihr Hobby, das Schlagzeugspielen. Und sie lebt "erstmals seit Jahren nicht mehr aus Koffern", sondern hat eine Wohnung mit eigenen Möbeln.
Ihre Reise- und Abenteuerlust hat sie trotzdem nicht eingebüßt. "Im nächsten Urlaub geht es wieder nach China", sagt sie. Vielleicht sondiert sie dort schon einmal das Feld. Denn gerade erst hat Hanjo Schneider, Vorstand Services innerhalb der Otto Group und CEO Hermes Europe, Journalisten während einer mehrtägigen Reise das Engagement von Hermes im "Reich der Mitte" vorgestellt. Es gäbe für Hentschel also auch die Chance, mit Hermes nach China zu gehen. Und um sich zu bewerben, müsste sie nicht einmal mehrere Tausend Kilometer fliegen, sondern nur ein paar Büros weitergehen. DVZ 22.6.2010

