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„Ich habe den spießigsten Status, den man sich denken kann: Beamtin auf Lebenszeit.“ Die das belustigt sagt, erinnert mit ihrer dunklen, vollen Stimme, der schwarzen Kurzhaarfrisur und zierlichen Gestalt an die Sängerin Nena. Wie die Popmusikerin hat Prof. Evi Hartmann (36) eine kometenhafte Karriere gemacht. Seit gut einem Jahr sitzt sie auf dem Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre/Logistik an der nordbayerischen, staatlichen Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg. Dort leitet sie auch die Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services (SCS).
„Die Aufgabe in Nürnberg habe ich deswegen angenommen, weil es die Kombination Uni plus Fraunhofer gab. Beides zusammen ist an Attraktivität kaum zu überbieten“, stellt die im Rheingau aufgewachsene Wirtschaftsingenieurin klar. Standhaftigkeit und hartnäckiges Durchkämpfen haben sie früh immer weiter nach oben gebracht, seit zwölf Jahren bewegt sie sich in Top-Positionen der Wirtschaft und Wissenschaft.
A. T. Kearney und EBS
Nach dem Studium arbeitete sie sieben Jahre als Beraterin für die Prozessindustrie bei A.T. Kearney. „Wir haben sehr viele Supply-Chain-Projekte gemacht“, resümiert sie. 2005 wechselte sie als Juniorprofessorin im Einkauf an die private European Business School (EBS). Jetzt in Nürnberg legt sie den Fokus zurück auf die Supply Chain und stellt den Serviceaspekt in den Vordergrund.
In Top-Jobs: Prof. Evi Hartmann (vorn) und
Kolleginnen bei „Generation CEO“. (Foto: Joppen)
Hartmann begrüßt, dass es an der 1743 gegründeten Hochschule einen Generationswechsel gab. Viele Kollegen sind um die 40, Frauen wurden verstärkt eingestellt. Dadurch sei die Forschung jetzt sehr international orientiert, Artikelpublikationen stünden im Vordergrund. „Alle haben ähnliche Ausrichtungen. Die junge Belegschaft in Nürnberg zieht an einem Strang“, berichtet sie begeistert.
Als Nachfolgerin von Prof. Peter Klaus hat sie eine renommierte Position, für die es zahlreiche Bewerber gab. „Auf dem Papier muss eine Frau besser sein als die Männer, um überhaupt in die engere Wahl zu kommen“, berichtet Hartmann. Ihren Vortrag beim Berufungsverfahren hielt sie, als sie im achten Monat schwanger war. Sie beantwortete dabei Fragen, „die ein Mann eher nicht zu hören bekommt“ und die ihr als dreifache Mutter häufig gestellt werden: Wie geht das? Leiden die Kinder nicht darunter? Bleibt der Mann zuhause?
Anstatt sich über diese im Vergleich zu Skandinavien, Großbritannien oder den USA „etwas überholte Denke“ zu ärgern, macht Hartmann vor, wie es geht. Weil auch ihr Mann bei einem Londoner Finanzinvestor voll arbeitet und in Deutschland eine ausreichende staatliche Infrastruktur für berufstätige Eltern fehlt, muss für ihre zwei- bis sechsjährigen Kinder alles privat organisiert sein: Haushaltshilfe, Kinderfrau, Krippe, Kindergarten, Schule. Notfalls helfen die Großeltern.
Auch wenn sie es geschafft hat, „Familie und Job unter einen Hut zu bringen und privat wie jobmäßig zufrieden und glücklich zu sein“ – Hartmann will mehr erreichen: dass Frauen in Führungspositionen selbstverständlich werden. Dafür engagiert sie sich seit 2008 als Preisträgerin bei „Generation CEO“, einem Netzwerk für mittlerweile 60 Frauen mit Top-Management-Aufgaben. Sponsoren wie Henkel oder die Otto Group geben Geld für individuelles Coaching und um das Thema in der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Auffallend: Bei Generation CEO haben die wenigsten Familie mit Kindern, ebenso wenig die Kolleginnen in Nürnberg. „Die Frauen sind teilweise sehr erfolgreich, weil sie unabhängig und flexibel sind. Manche haben das umgekehrte Ein-Erzieher- oder Ein-Verdiener-Modell“, sagt Hartmann nachdenklich. Für sie selbst stand immer fest, dass sie Familie und Kinder haben will. „Das war so klar wie das Amen in der Kirche“, bekräftigt sie. Die Familie als Ruhepol gebe ihr Kraft für den Beruf, sie brauche aber beides. Deshalb hat sie bei allen Kindern den Mutterschutz nicht voll ausgeschöpft und von zuhause direkt wieder gearbeitet.
Sehr viel Freiraum
Dass sie alles schafft und sich in der Logistik-Männerwelt durchsetzt, verdankt sie auch ihrer Mutter. Die promovierte Physikerin fand den Wiedereinstieg in den Job schwer, deshalb machte sie den Töchtern Druck: „Studiert etwas, das euch viele Wege öffnet.“ Hartmanns Schwester wählte BWL. „Wir haben beide eine Ausbildung, die sehr viel Freiraum lässt“, meint die Professorin, die auf einer katholischen Mädchenschule war. Als Vorbild für jüngere Frauen sieht sie sich nicht („das klingt so extrem positiv“), aber als Vorreiterin und Mentorin. „Ich wäre froh, wenn ich eine Referenz sein könnte“, sagt sie. (DVZ 8.5.2010)
Zur Person
Lieblingsfächer von Evi Hartmann (36) waren Mathe, Chemie und Physik. Deshalb absolvierte sie ein Ingenieurstudium in Karlsruhe sowie Berkeley (USA) und promovierte in Berlin. Davon profitiert sie heute.
Die Organisation
Die vor 60 Jahren in München gegründete Fraunhofer-Gesellschaft betreibt anwendungsorientierte Forschung. Seit über 14 Jahren erarbeitet die Nürnberger Arbeitsgruppe SCS innovative Lösungen für Logistik und Supply Chain Services.
www.scs.fraunhofer.de
