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Worin liegt die konkrete Bedrohung für die Fracht: in Terrorattacken wie jenen am 21. Dezember 1988 über dem schottischen Lockerbie oder am 11. September 2001 in New York und Washington? Mit dieser Frage eröffnete Dr. Elmar Giemulla, Honorarprofessor für Luftrecht an der Technischen Universität (TU) Berlin, am Flughafen Zürich den Take-Off-Workshop des unlängst gegründeten Joint Air Transportation Competence Center for Security. An der Veranstaltung beteiligten sich 35 Luftfrachtexperten aus sieben Ländern.
Welche wirtschaftlichen Auswirkungen neue Sicherheitsmaßnahmen haben, das ist nur einer der Punkte, zu dem sich die Initiatoren der um weitere Mitglieder werbenden Plattform austauschen wollen. Dazu gehört auch, die Finanzierbarkeit dieser Maßnahmen zu prüfen. Weiteres Ziel ist es, diverse Bedrohungsszenarien zu durchleuchten. Und letztendlich wollen die Wissenschaftler zusammen mit Praktikern ihre Erfahrungen bei Entwicklung und Umsetzung neuer Gesetze und Verordnungen besprechen. „Zurzeit kämpft jeder für sich und teilweise jeder gegen jeden“, hatte Prof. Wolfgang Stölzle vom Lehrstuhl für Logistikmanagement (Log-HSG) der Universität St. Gallen erst unlängst beim diesjährigen Logistik-Get-Together seines Instituts beklagt.
Fracht sicher machen. Während des Workshops umriss Dr. Jörg Hofstetter, Lehrbeauftragter am Log-HSG, die aktuelle Situation so: Die Luftfrachtbranche habe mit immer mehr (inter-)nationalen Sicherheitsauflagen zu kämpfen. Die Firmenleitungen empfänden diese als massive Behinderung der Effizienz und Profitabilität ihres Frachtgeschäfts. Verlader und Airlines stellten sich die Frage, ob der jüngere regulatorische Aufwand überhaupt die Luftfrachtsicherheit verbessere.
Cargologic-CEO Peter Somaglia und sein Sicherheitschef Enrico Caruso warnten davor, „jeden Flughafen in ein Fort Knox umzurüsten“. Statt über das Ziel hinauszuschießen, müsse das „exakt erforderliche Sicherheitsniveau“ angestrebt werden. Zu klären sei, wo dieses genau liege und wer dafür bezahle. Cargologic hat in jüngerer Zeit kräftig in Sicherheitsmaßnahmen wie Röntgengeräte, Handbücher, Inspektionen sowie Personaltraining investiert.
Für Roland Bischoff, Senior Vice President Global Airfreight bei Kühne + Nagel, hat „9/11 die Luftfrachtwelt komplett verändert“. Heute würden nicht nur die Fracht, „sondern auch Dokumente, Namen und Adressen“ unter die Lupe genommen. Erschwerend komme hinzu, dass Sicherheitsauflagen oft von einem Land zum anderen variierten. Selbst innerhalb Europas kursierten mehrere Richtlinien. Von einem übergreifenden EU-Prozess könne also keine Rede sein.
Diese Gemengelage verursache schwere administrative Belastungen, Verzögerungen des Frachtflusses und enorme Kosten. Schlimmer noch: Falls Kühne + Nagel unwissentlich mit gesperrten Personen, Firmen oder Organisationen geschäftlich verkehre und dies von den Behörden entdeckt werde, könne man auf sogenannten Sanctioned-Party Lists landen. „Der Eintrag in die Boykott- oder Embargoliste könnte den Totalverlust unseres Geschäfts bedeuten“, orakelte Bischoff.
Urs Stutz, Europa-Leiter bei Swiss WorldCargo (SWC), bezeichnete Sicherheit als „höchsten Wert“ seines Unternehmens, das in diesem Punkt kompromisslos handle. Ziel eines von der Muttergesellschaft Swiss International Air Lines umgesetzten Programms sei es, die Sicherheit, Regularität und Effizienz aller operativen Tätigkeiten in der Luft und am Boden zu gewährleisten.
Praktiker machen mit. Gründer der Kooperation sind neben der Universität St. Gallen die TU Berlin und die Embry Riddle Aeronautical University in Florida/USA. Von der Praxisseite haben der Frachtabfertiger Cargologic, Lufthansa Cargo und die Speditionskonzerne Kühne + Nagel und Panalpina ihre Mitarbeit angekündigt.
Ein zweiter Workshop des JATCC-Security ist für den 23. September 2009 in Berlin geplant. Seine Ergebnisse sollen mit jenen, die beim Auftakttreffen in Zürich erarbeitet wurden, zusammengeführt werden und als Grundlage eines künftigen Aktionsplans dienen. Voraussetzung für die Veranstaltung in Berlin ist die Teilnahme von mindestens zehn Personen.
HINTERGRUND
JATCC-Security
Was das Joint Air Transportation Competence Center for Security den Mitgliedern bietet:
- Sie können sich schon während der Entwicklung neuer Luftfrachtsicherheitsbestimmungen an der Diskussion verschiedener Szenarien und der Erarbeitung von Handlungsoptionen und Schubladenplänen beteiligen.
- Erstellung von Studien, die Politik und Verwaltung bei der Konzeption neuer Luftfrachtsicherheitsbestimmungen dienen.
- Veröffentlichungen und Tagungen, die zur Objektivierung der öffentlichen Diskussion über Maßnahmen zur Luftfrachtsicherheit beitragen.
- Partnerschaftliche Unterstützung bei der Gestaltung einfacher und effizienter Sicherheitsarchitekturen.
- Beratungs- und Schulungsdienstleistungen in punkto neue Luftfrachtsicherheitsbestimmungen.
