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Banditen auf der Autobahn

Von Robert Kümmerlen

15.06.2009 | Transporte mit hochwertigen Gütern werden schnell zum Ziel krimineller Banden. Die Zahl der Überfälle auf Lkw-Fahrer hat dramatisch zugenommen. Experten wollen vermehrt Daten sammeln, um eine bessere Risikoeinschätzung zu erhalten.

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Es ist eine Szene wie aus einem ­Actionfilm. Ein Motorrad mit zwei Personen fährt auf der Autobahn nahe Neapel in Italien rechts neben einen österreichischen Lkw. In voller Fahrt öffnet der mit einer Pistole bewaffnete Sozius die Beifahrertür des Lkw und springt in die Fahrerkabine. Der überraschte Fahrer hat keine Chance, sich zu wehren oder einen Notruf abzusetzen.
Der Fall zeigt, wie gefährlich der Job eines Lkw-Fahrers sein kann. Und die Täter werden immer dreister. Sie brechen Sattelauflieger auf, entführen Zugmaschinen und klauen komplette Lkw-Züge. Sie gehen sogar so weit, Transportfirmen zum Schein zu gründen, um ihre Opfer anzulocken.
Die Versicherungen kommen nicht immer für den Schaden auf, wie im Fall der Motorradgangster. Begründung: Die Beifahrertür hätte geschlossen sein müssen.
Sicherheitsexperten beobachten einen Anstieg der Kriminalität durch straff organisierte Banden. „Der derzeitige wirtschaftliche Abschwung verschärft diese Entwicklung“, stellt ­Michael Wortmann fest. Der Geschäftsführer der Compass Security Logistik GmbH war Referent auf der Veranstaltung „Schadensprävention in der Logistik“ in Magdeburg, die von Bosch Sicherheitssysteme GmbH veranstaltet wurde. Wortmann berichtet von einer größeren Gewaltbereitschaft und zunehmender Korruption, die zu erheblichen Verlusten im Güterverkehr führen.
In Europa betrug der Schaden durch Frachtdiebstahl im Jahr 2007 rund 8,5 Mrd. EUR. Auf den Straßen Europas werden jährlich rund 90 000 Lkw überfallen, jeder sechste Fahrer war schon einmal Opfer einer kriminellen Tat. „Großbritannien verzeichnet die meisten Übergriffe auf Lkw-Fahrer in Westeuropa“, sagt ­Waldemar ­Lorenz, Kriminalhauptkommissar beim LKA Niedersachsen.
Besonders gefährdet sind Transporte mit hochwertigen Gütern wie Konsumentenelektronik. Der Großteil der gestohlenen Waren allerdings ist nicht näher kategorisiert. Manche Täter nehmen, was sie gerade kriegen können – von billigen Dosensuppen bis zu teuren Flachbildfernsehern. Der tatsächliche Schaden lässt sich oft nicht beziffern. Denn ein Übergriff stört die Logistikkette. Liefertermine lassen sich nicht halten, Betriebsstörungen durch Produktionsausfälle können die Folge sein. „Der Verlust von 1 EUR zieht Folgekosten in Höhe von 5 EUR nach sich“, schätzt Lorenz. Daher sollten für besonders diebstahlgefährdete Güter geschlossene Fahrzeuge verwendet werden. Wertvolle Einzelkomponenten sollten möglichst auf mehrere Lkw verteilt werden.

Sicherheit braucht Standards. In der logistischen Lieferkette gibt es viele Stellen, an denen Kriminelle ihre Chancen wittern. Grundsätzlich stellt jede Lagerung und jede Warenübergabe eine Gefahr dar. Ebenso bietet der Wechsel eines Transportmittels Gelegenheit für Diebe. „Daher sind bestmögliche Sicherheitsstandards notwendig“, sagt Wortmann. Hierfür müssten Transportfirmen, Logistiker, Hersteller und Auftraggeber noch wesentlich enger zusammenarbeiten, als das bisher der Fall ist.
Solche Standards zu entwickeln, das hat sich die Transported Asset Protection Association (Tapa) zum Ziel gesetzt. Innerhalb der Organisation, der weltweit über 500 Mitgliedsfirmen angehören – darunter auch Compass –, gibt es verschiedene Initiativen, die den Frachtverkehr sicherer machen sollen. Dazu zählen beispielsweise die Tapa Freight Security Requirements (FSR), in der Frachtsicherheitsanforderungen für Transport und Lagerung festgelegt sind. Hersteller und Dienstleister, die Tapa FSR anwenden wollen, müssen sich zertifizieren lassen. Ein weiterer Ansatz ist Tapa TSR, Truck Security Requirements. Dabei handelt es sich nicht um zertifizierungspflichtige Maßnahmen, sondern vielmehr um einen Selbsteinschätzungsprozess. Den erforderlichen Level, der beispielsweise für die Sicherung von Fahrzeugen eingehalten werden soll, vereinbaren Kunden und Auftraggeber gemeinsam.
Die Tapa unterhält außerdem eine Datenbank namens Incident Information Service (IIS). Sie wird von der Corma GmbH als Dienstleister gepflegt. Im IIS sind Übergriffe und Schadensfälle gespeichert. Die Datenbank enthält mittlerweile laut Wortmann etwa 11 900 Einträge, allerdings werden längst nicht alle Verlustvorfälle von den Tapa-Mitgliedern gemeldet und in das System eingepflegt.
Dennoch liefert die Datenbank wichtige Erkenntnisse. So lässt sich ableiten, in welchen Regionen gehäuft Übergriffe auf Lkw-Fahrer und Frachtdiebstähle auftreten. Dadurch sind Risikoeinschätzungen möglich, die in die Gestaltung der Lieferketten einfließen können. Die Auswertung zeigt, dass in Großbritannien, Nordrhein-Westfalen und den Beneluxländern besonders häufig Diebstähle stattfinden. Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass im IIS nur wenige Angaben beispielsweise aus Osteuropa einfließen.

Unsichere Parkplätze. Sorge bereitet dem Sicherheitsexperten ein krimineller Trend: Die Fahrzeugdiebstähle haben sich von 2006 auf 2007 fast verdoppelt. Besondere Gefahr besteht auf ungesicherten Parkplätzen in Frankreich, Großbritannien und Deutschland, wo die Zahl derartiger Übergriffe um 20 Prozent gestiegen ist. „Das ist ein absolutes Problem“, mahnt Wortmann. Er sieht momentan auch keine Chance, dass dies in nächster Zukunft angemessen gelöst wird. Den Firmen könnte geholfen sein, wenn sie Landkarten nutzen, auf denen unsichere Orte verzeichnet sind. Dies ließe sich dann in der Routenplanung berücksichtigen.
Straftäter sind nicht selten in die Transportkette involviert – beispielsweise als Angestellte eines Subunternehmens. Darauf weist Kriminalhauptkommissar Lorenz hin. Das Gefahrenpotenzial steige zudem, wenn mit größeren Mengen Waren umgegangen wird oder eine ungeplante Zwischenlagerung von teuren Gütern notwenig werde. Ebenfalls sei die Logistik für Aktions- und Saisongeschäfte häufig Ziel krimineller Akte. Manche Täter verschaffen sich unbefugten Zugang zu den Informationssystemen von Speditionen. So wissen sie genau, wann genau sich welche Ware wo ­befindet.
Gefährdet sind Firmen, die immer die gleichen Strecken fahren. Sie werden ausgespäht und schnell von Banden als leichtes Ziel für einen Überfall erkannt. „Routine ist der größte Feind der Sicherheit“, lautet daher das Credo von Compass-Geschäftsführer Wortmann.
Gewisse Gewohnheiten scheint allerdings auch die andere Seite zu pflegen. Das zeigen die Daten aus der Tapa-Datenbank IIS. So wird die Mehrheit der Waren in der ersten Jahreshälfte entwendet. Und die Täter schlagen am häufigsten am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag zu. Eine Erklärung für diese Phänomene haben die Sicherheitsexperten nicht.

Praxis
Sichere Routen
An Lösungen für eine sichere Streckenwahl arbeitet der Softwareentwickler PTV. Allerdings wollen die Fuhrunternehmen mit der Routenoptimierung nach wie vor in erster Linie den kostengünstigsten Weg finden. Doch für hochwertige Güter kann das sogenannte „Emergency Routing“ durchaus sinnvoll sein. Dabei wird eine Strecke festgelegt, in der sich der Lkw immer in einem Bereich befindet, in dem im Falle eines Übergriffs schnell ein Sicherheitsdienstleister mit einem Interventionsteam zur Stelle ist und Hilfe leisten kann.

Kontakt zum Autoren: kuemmerlen@dvz.de

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