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Dass organisierte Kriminalität zu immensem Reichtum führen kann, hat bereits die sizilianische Mafia bewiesen. Am Horn von Afrika hat das Verbrechen ein anderes Gesicht, das Resultat jedoch ist das gleiche: Für das arme Bürgerkriegsland Somalia ist die Piraterie im Golf von Aden und im Indischen Ozean mittlerweile zu einem wichtigen Wachstumsmotor und Wirtschaftsfaktor geworden. Das ergab jetzt eine Studie der britischen "Denkfabrik" Chatham House. Besonders in der nordöstlichen Region Puntland haben die Schiffskaperer in Villen und Autos investiert - und Städten wie Bosaso und Garowe zu ungekanntem Wohlstand verholfen.
"Die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen der Piraterie sind weit verbreitet", schreibt Autorin Anja Shortland, Wissenschaftlerin an der Londoner Brunel Universität. Für den Bericht wurden unter anderem Satellitenbilder aus mehreren Jahren verglichen. Auf diesen zeigt sich, dass in Städten neue Gebäude entstanden und alte renoviert wurden. Zudem gibt es mehr Autos. Im Dunkeln ist mehr Licht zu sehen - ebenfalls ein Zeichen für wachsende Prosperität.
"Ich kann bestätigen, dass die Piraterie in der gesamten Region zu einem Wirtschaftsboom geführt hat", sagte eine Geschäftsfrau aus Garowe der Deutschen Presse-Agentur. "Die Piraten verfügen über Millionen von Dollar und haben in die lokalen Märkte investiert, sie haben große Häuser und Luxusautos gekauft." Sind die Bosse der sizilianischen Mafia aber größtenteils in Limousinen unterwegs, rollen die somalischen Piraten meist in Geländewagen wie dem beliebten allradangetriebenen Toyota Hilux über die holprigen Straßen.
"Handelsbeziehungen" zu den Piraten
Die Hintermänner sind Geschäftemacher und Warlords, die Piraten unterstützen und ausrüsten - und sich nach vollbrachter Lösegeldzahlung das erpresste Geld mit ihnen teilen. Aber auch örtliche Unternehmer wollen ihr Scheibchen vom großen Profit abbekommen: "Viele meiner Kollegen in Puntland sind ganz scharf darauf, mit den Piraten in Kontakt zu sein und Deals mit ihnen auszuhandeln", sagt Ali Ganey, der in Bosaso eine kleine Firma betreibt.
Am Ende profitieren fast alle Beteiligten vom Kapern der Schiffe und Jachten - bis hin zu den Lokalpolitikern. Bei so viel wirtschaftlichen Vorteilen sei es deshalb unwahrscheinlich, dass die politische Elite in der Region sich entschlossen für ein Ende der Piraterie einsetzen werde, erklärt Shortland in ihrer Studie. Doch sie sieht in der Situation auch eine Chance.
Denn das einfließende Geld wandert hauptsächlich in größere Städte wie Bosaso und Garowe. Von dort aus läuft die Versorgung mit Waffen und Material. Außerdem lohnt es sich eher, in diesen wirtschaftlich boomenden regionalen Metropolen zu investieren. Kleinere Küstenorte, von denen aus die Piraten ihre Angriffe starten, bleiben außen vor.
Strategien an Land sind gefragt
Eine Möglichkeit, die Piraterie zu bekämpfen, sei es daher, auf die Menschen in den Dörfern an der Küste zuzugehen: Denn diese gewähren den Tätern zwar Unterschlupf, ziehen selbst aber wenige Vorteile aus den Schiffsentführungen. Experten seien sich ohnehin seit langem einig, dass man die Piraterie kaum auf dem Wasser bekämpfen kann, sondern eigentlich nur an Land.
Woran es aber in Somalia vor allem fehlt, ist eine funktionierende Zentralregierung. Eine solche gibt es in dem zerrütteten Krisenland seit 20 Jahren nicht mehr. Und etwa genau so lange haben die Piraten ihre Aktivitäten in der Region immer weiter ausgebaut. Als eigentliche Wurzel des Übels sehen Experten den von ausländischen Flotten betriebenen illegalen Fischfang vor der Küste des Landes. Denn die somalischen Hoheitsgewässer werden seit zwei Jahrzehnten kaum mehr überwacht. Viele Piraten sind ehemalige Fischer, die ihre Lebensgrundlage dahinschwinden sahen. Statt die Angel auszuwerfen, kapern sie heute lieber Schiffe.
Der Schaden der Piraterie für die internationale Schifffahrt ist immens. Seit 2008 versucht die EU-Schutztruppe "Atalanta", die Piraterie am Horn von Afrika einzudämmen. Auch Deutschland beteiligt sich an der Mission. (dpa)


