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Rätselhafter Hochseethriller

Hintergründe der "Arctic Sea"-Entführung liegen weiter im Dunkeln

Die Odyssee der "Arctic Sea". (Bild: dpa-Grafik)

16.08.2010 | Wohl kein Piraten-Überfall hat je so viel Aufsehen erregt wie die Kaperung der "Arctic Sea" in der Ostsee. Vor einem Jahr wurde der finnische Holzfrachter nach langer Odyssee vor der Westküste Afrikas befreit. Zwar sind nun zwei der acht "Piraten" verurteilt. Doch der Hochseethriller bleibt rätselhaft.

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Noch nie hat Russland unter Einsatz seiner Kriegsmarine weitab der heimischen Gewässer eigene Bürger mit solchem Aufwand aus einer Notlage befreit wie die 15 Seeleute der "Arctic Sea". Am 17. August 2009 endete die mutmaßliche Geiselnahme unblutig vor der Westküste Afrikas. Doch auch ein Jahr danach schwören die meisten der acht angeklagten "Piraten", es habe nie einen Überfall, eine Geiselnahme oder Lösegeldforderung gegeben. Zwar legten zwei von ihnen Geständnisse ab. Öffentlich waren die Gerichtsverfahren aber nicht. Die Wahrheit in diesem Hochseethriller, in dem auch oft von Raketenschmuggel für den Iran die Rede gewesen war, wird wohl nie ans Licht kommen.

Zumindest zwei der mutmaßlichen Seeräuber haben letztlich in Geständnissen die Darstellung der Anklage bestätigt, wonach es erstmals wieder in der Ostsee einen Piratenüberfall gab. Die Urteile - fünf Jahre Haft für Andrej Lunew und neun Jahre für den mutmaßlichen Anführer Dmitri Sawins - seien ausgehandelt worden, schrieb das russische Magazin "The New Times" unlängst. Im Gegenzug hätten die beiden mit ihren Angehörigen telefonieren dürfen. Das geheimnisvolle Justizverfahren zeige aber auch, dass in diesem "Skandal" weiter alles vertuscht werde, kommentierte das Blatt.

Obwohl die anderen sechs Beschuldigten durch diese Geständnisse belastet werden und ihnen bis zu 20 Jahre Gefängnis drohen, lehnen sie ähnliche Deals mit der Justiz ab. "Unsere Mandanten bekennen sich nicht schuldig", sagte die Chefin der Anwaltskanzlei "Gesetz und Recht", Jelena Lebedewa-Romanowa, dem Magazin. Die Verdächtigen halten an ihrer Version fest, wonach sie sich damals auf der Ostsee vor Schweden als Umweltschützer aufhielten. Als sie in einem Sturm in Seenot gerieten, hätten sie die "Arctic Sea" um Hilfe gebeten.

Keine Zeugeneinvernahme

Zwar behaupteten die Seeleute, dass die "Ökologen" maskiert und bewaffnet das Schiff gekapert und einige Crewmitglieder verletzt hätten. Doch in den Akten gebe es darüber keinen Vermerk, berichteten Moskauer Medien. Die Matrosen seien auch in den Gerichtsverfahren nicht als Zeugen gehört worden. Nach ihrer Rettung waren die Männer noch lange vom Geheimdienst festgehalten worden. Sie standen zeitweilig im Verdacht, mit den Piraten zusammengearbeitet zu haben.

Doch was nun wirklich passierte in jener dreiwöchigen Sommerodyssee der "Arctic Sea" mit Holz im Millionenwert, bleibt nebulös. Dabei hatte das Verschwinden des Frachters auch die Nato, die EU und Geheimdienste von etwa 20 Ländern in Atem gehalten. Es gab damals viele Spekulationen, ob an Bord des verschollen geglaubten Frachters auch Waffen oder radioaktives Material geschmuggelt wurden. Besonders hartnäckig hielt sich die These, dass die "Piraten" im Auftrag des israelischen Geheimdienstes Mossad eine geheime Lieferung von Raketen an den Iran aufgedeckt haben könnten.

Dafür sprach nach Meinung von Experten, dass Russland nach der Befreiung des Schiffs vor dem westafrikanischen Inselstaat Kap Verde schwere Militärflugzeuge vom Typ Iljuschin Il-76 schickte, mit denen sogar Panzer transportiert werden können. Dass damit aber eine mögliche geheime Fracht abtransportiert wurde, wies Russland stets zurück. Militärexperten hielten es auch für möglich, dass Waffen für Afrika an Bord gewesen sein könnten. Immerhin hatte der Holzfrachter in Algerien vor Anker gehen sollen.

Verbindungen nach Deutschland?

Der mutmaßliche Drahtzieher Sanawis sagte Medien zufolge jedoch aus, dass er die Kaperung im Auftrag des estnischen Geschäftsmannes Eerik-Niiles Kross geplant habe - zusammen mit anderen Organisatoren, darunter auch einem Unternehmer aus Deutschland. Dazu will er über Monate im Baltikum gezielt seine vorbestraften Helfer angeheuert haben. Ihm selbst seien 200.000 Euro Lohn, den anderen sieben je 20.000 Euro in Aussicht gestellt worden.

Der frühere estnische Geheimdienstchef Kross, ein Kritiker des russischen Regierungschefs Wladimir Putin, wies diese Vorwürfe in der Zeitung "Esti Päevaleht" als Erfindung Russlands zurück. Wie auch immer, seine Geschichte will Sanawis nun in einem Buch erzählen, heißt es. Die "Arctic Sea" jedenfalls wurde Medien zufolge für 1,8 Millionen Euro an das kanadische Unternehmen Great Lakes Feeder Lines verkauft. Sie transportiert nun Güter zwischen den USA und Kanada. (dpa)

 Kanadische Reederei GLFL: Factsheet "Arctic Sea" (Pdf)

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